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Sichtschutz

Feuerwehren loben die Gafferwand

Es wird gegafft, geglotzt und gefilmt. Bei schweren Verkehrsunfällen sind Verletzte oft der Schaulust vorbeifahrender Verkehrsteilnehmer ausgesetzt. Um die Unfallopfer vor neugierigen Blicken zu schützen, stehen den Feuerwehren im Landkreis Ludwigsburg seit Mai 2018 zwei mobile Sichtschutzwände zur Verfügung. Die Floriansjünger sind sehr zufrieden damit.

Im Mai 2018 stellt Kreisbrandmeister Andy Dorroch (weißes Hemd) die mobilen Sichtschutzwände vor. Mittlerweile haben sie sich bei einigen Einsätzen bewährt. Archivfoto: Alfred Drossel
Im Mai 2018 stellt Kreisbrandmeister Andy Dorroch (weißes Hemd) die mobilen Sichtschutzwände vor. Mittlerweile haben sie sich bei einigen Einsätzen bewährt. Foto: Alfred Drossel

Freiberg/Möglingen. Es passierte am 20. Juni 2018. Nur einen Monat zuvor hat Kreisbrandmeister Andy Dorroch die beiden aufblasbaren Sichtschutzwände der Presse vorgestellt. Ein 44-jähriger Transporterfahrer übersah morgens im Berufsverkehr auf der Autobahn bei Pleidelsheim nach einem Überholvorgang den stockenden Verkehr. Er prallte nahezu ungebremst auf den Sattelauflieger eines Tanklastzugs. Der Transporterfahrer wurde in seinem Führerhaus eingeklemmt und erlag noch am Unfallort seinen schweren Verletzungen. Außer der Polizei und den Rettungskräften hatten auch die Gaffer alle Hände voll zu tun und filmten drauf los. Und schon kam eine der beiden neuen Sichtschutzwände zum Einsatz, um alle Beteiligten am Unfallort vor den neugieren Blicken zu schützen. Die Freiwillige Feuerwehr Freiberg hatte die Wand in Windeseile aufgebaut. Sie ist neben der Möglinger Wehr einer der beiden Standorte der Gafferwände, wie sie im Volksmund bezeichnet werden.

„Zu einer professionellen Rettung gehört auch eine gewisse Intimsphäre.“

Andy Dorroch
Kreisbrandmeister

„Die Sichtschutzwände haben sich inzwischen sehr bewährt und dienen nicht nur dazu, die Unfallopfer vor Blicken zu schützen“, sagt Thomas Jetter, Kommandant der Freiberger Feuerwehr. Am Einsatzort habe die Wand zudem den Vorteil, dass sich auch die Rettungskräfte unbeobachtet fühlen und damit ruhiger und ungestörter arbeiten können. Außerdem seien sie viel schneller aufgebaut als die Bauzäune, welche der Autobahnmeisterei für solche Zwecke zur Verfügung stehen. „Die können nicht so schnell vor Ort sein wie wir“, macht Jetter deutlich. Der 20 Meter lange und 2,10 Meter hohe Sichtschutz der Wehr sei in zwei bis drei Minuten aufgebaut. Das Befüllen mit Luft sei eine Angelegenheit von maximal 15 Sekunden. Am meisten Zeit nehme es in Anspruch, die Wand mit Sandsäcken für einen sicheren Stand zu beschweren.

Frank Sigloch, stellvertretender Kommandant der Möglinger Feuerwehr, führt noch einen weiteren Vorteil auf, den die Sichtschutzwände mit sich bringen: „Wenn die Gaffer registrieren, dass das Filmen mit dem Handy nicht mehr möglich ist, weil ihnen die Sicht versperrt ist, fahren sie zügiger weiter – damit fließt auch der Verkehr deutlich schneller ab.“

Die Gafferproblematik ist unterdessen ungebrochen. „Mit jedem verkauften Smartphone wird es offenbar noch schlimmer – das scheint der Zeitgeist zu sein“, berichtet Thomas Jetter vom Verhalten der Verkehrsteilnehmer am Unfallort. Ein Phänomen, das auch Kreisbrandmeister Andy Dorroch beobachtet. „Die Menschen, die sich am Leid der verletzten Unfallbeteiligten ergötzen, sollen sich nur mal vorstellen, wie unangenehm es für sie selbst wäre, gefilmt zu werden.“ Zu einer professionellen Rettung gehöre auch eine gewisse Intimsphäre. Den verletzten Personen einen geschützten Bereich zu schaffen, sei der Anlass für die Anschaffung der mobilen Sichtschutzwände gewesen.

Laut Frank Sigloch klettern Schaulustige sogar über Absperrungen, um eine bessere Möglichkeit zum Filmen zu haben. „Und wenn man sie darauf anspricht, werden sie aggressiv“, so Sigloch. Wie die Kollegen in Freiberg setzt die Möglinger Wehr den Sichtschutz vorwiegend bei schweren Verkehrsunfällen auf der Autobahn, aber auch auf Landstraßen ein. Andere Feuerwehren im Kreis Ludwigsburg hätten zudem jederzeit die Möglichkeit, eine der Wände anzufordern. So ist die Möglinger Wand laut Sigloch im Juni von der Tammer Wehr angefordert worden, als ein 20-jähriger Motorradfahrer bei einem Unfall ums Leben kam und wieder Gaffer unterwegs waren.

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