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Flächenverbrauch

Flieger, Raketen und Sportwagen: das Gewerbegebiet Eichwald bei Sachsenheim

Wie sich eine Landschaft verändern kann, zeigt das Beispiel dieses interkommunalen Gewerbestandorts – Wachstum nicht am Ende

Ein aktuelles Bild vom Gewerbegebiet Eichwald. Im Vordergrund Breuninger mit ersten Vorbereitungen zur Erweiterung. Foto: Alfred Drossel
Ein aktuelles Bild vom Gewerbegebiet Eichwald. Im Vordergrund Breuninger mit ersten Vorbereitungen zur Erweiterung. Foto: Alfred Drossel

Sachsenheim. Zwischen Krähwinkel und Eichwald ist eines der innovativsten Gewerbegebiete der Region um Stuttgart entstanden: das interkommunale Areal Eichwald. Die beteiligen Kommunen, Sachsenheim, Sersheim, Bietigheim-Bissingen und Oberriexingen, sprechen von einem Erfolgsmodell. Nicht nur weil sie seit 2008 rund 47,7 Millionen Euro an Grundstücksverkäufen abgeschöpft und 21,8 Millionen Euro an Steuern kassiert haben. Am Eichwald sind auch nahezu 2000 Arbeitsplätze entstanden. An Gewerbesteuereinnahmen erwartet der Zweckverband dieses Jahr rund eine Million Euro.

Die Ansiedlung von Unternehmen ist noch nicht abgeschlossen. Derzeit läuft eine Untersuchung, wie nah ans Naturschutzdenkmal Alte Landebahn gebaut werden kann. Noch dieses Jahr wird entschieden, ob das Gewerbegebiet auf die andere Straßenseite ausgedehnt wird. Während Porsche im Waldspitz bereits seine neue Autofabrik für Elektroprototypen baut, will sich Breuninger nach Süden ausdehnen.

Aus Äckern machen die Nazis 1939 einen Militärflugplatz

Am Eichwald war bis Ende der 1930er-Jahre nur Ackerland. Das änderte sich, als am 15. Februar 1939 Großsachsenheims Bürgermeister Wilhelm Vetter Besuch von Offizieren des Luftgaukommandos München bekam. Bei Großsachsenheim sollte ein Flugplatz gebaut werden. Den wollte jedoch niemand. Vetter fuhr sogar nach Berlin und sprach bei Hermann Göring vor. Doch der Reichsluftfahrtminister fertigte den Bürgermeister ab. Die Großsachsenheimer Bauern mussten 114 Hektar und die von Sersheim und Oberriexingen jeweils 30 Hektar Fläche abtreten.

Großsachsenheim erhielt schon während der Bauzeit ein Betonrollfeld mit 1230 Meter Länge, das auf 2000 Meter verlängert werden sollte. Stationiert waren Nachtjäger des Typs Messerschmidt Me 109. Sie haben von Großsachsenheim aus in 43 Einsätzen 158 gegnerische Maschinen abgeschossen und selbst 92 Flugzeuge verloren.

Die U.S. Army stationiert im Eichwald Nike-Flugabwehrraketen

Im April 1945 rückten französische Einheiten in Großsachsenheim ein und besetzten auch den Flugplatz, reparierten ihn und stationierten hier zunächst etwa 40 Jagdflugzeuge. Anfang Juli erfolgte die Übergabe an die U.S. Army. Die wollte zunächst einen Düsenjägerflugplatz einrichten.

Die Pläne wurden verworfen. Stattdessen wurde der Flugplatz zur ersten ortsfesten Basis für Nike-Flugabwehrraketen auf deutschem Boden. Nike war ein US-amerikanisches Flugabwehrraketenprogramm, das in der ursprünglichen Variante MIM-3 Nike Ajax und später in der verbesserten Variante Nike Hercules über viele Jahre das Rückgrat der US-Luftverteidigung zu Zeiten des Kalten Krieges darstellte.

Die Raketen blieben bis 1987. Die Nato plante danach, das Gelände für ein sogenanntes Pomms-Depot zu nutzen. Hallen hätten erstellt werden sollen, in denen Kriegsmaterial wie Fahrzeuge und Panzer eingemottet werden sollten. Mit dem Ende des Eisernen Vorhangs wurde 1990 die Planung eingestellt, das Bundesvermögensamt konnte das Flugplatzareal für die zivile Nutzung freigegeben. Damit verbunden war der Rückbau aller Gebäude bis aufs einstige Luftwaffengut, den heutigen Eichwaldhof.

2004 tritt auch Bietigheim-Bissingen dem Zweckverband Eichwald bei

Der Bund hat das Gelände der Stadt Sachsenheim für zwölf Millionen Mark verkauft. Im Juni 1994 wurde der Zweckverband gegründet. 2004 trat die Stadt Bietigheim-Bissingen bei und ermöglichte durch ihren Beitrag die Ablösung einer Nachzahlungsverpflichtung des Bundes von knapp zwei Millionen Euro.

Während sich der frühere Sachsenheimer Bürgermeister Karl-Heinz Lüth zunächst für einen Fortbestand der militärischen Nutzung einsetzte – Lüth wurde sogar zum Ehrenoberst der US-Army ernannt – setzte sein Nachfolger Andreas Stein auf eine zivile Nutzung und einen interkommunalen Gewerbepark. Voraussetzung war jedoch die Erschließung durch eine Umgehungsstraße, die auch den damals schon überlasteten Ortskern von Großsachsenheim entlasten sollte. Zwölf Jahre hat es gedauert, bis die ersten Autos auf der 7,5 Kilometer langen Strecke fuhren. 20 Millionen Euro hat die Straße gekostet. Einen Großteil davon hat das Land übernommen. Ganz abgerechnet ist der Straßenbau bis heute noch nicht. Ungelöst ist die Verkehrsituation im Raum immer noch. Die Landstraße nach Bietigheim-Bissingen wird zum Engpass und der Bau des Enzabstiegs, der Oberriexingen und Unterriexingen entlasten soll, steht aus.

Landschaftsverbrauch und Flächenversiegelung werden Streitthema bleiben

Gegner einer Erweiterung des Eichwaldgebiets kritisieren den sehr hohen Landschaftsverbrauch am Eichwald. Diese Diskussion wird auch wieder aufflammen, wenn es um eine südliche Erweiterung geht. Es gibt inzwischen ein Nutzungskonzept für das gesamte Zweckverbandsgelände, das zum Ziel hat, besonders ökologische Belange zu berücksichtigen und gewerbliche Nutzungen auf den noch nicht erschlossenen Flächen einzuschränken. Auf der anderen Seite ist die Nachfrage nach weiteren Gewerbeflächen groß.

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