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Lockdown

Fotograf Yakup Zeyrek hält die Ästhetik des Lockdowns in beeindruckenden Bildern fest

Früher hat Yakup Zeyrek Industriebrachen und andere verlassene Orte in der ehemaligen DDR fotografiert. Jetzt hält er im Auftrag des Landratsamts Eindrücke vom Lockdown im Kreis Ludwigsburg fest. Dadurch steht ihm so manche Tür offen. Bei den wirtschaftlich betroffenen Menschen stößt er auf Einsamkeit, aber auch auf Kreativität.

Ästhetik des Lockdowns: Einsam steht ein Bademeister am Beckenrand des Ludwigsburger Stadionbads.Fotos: Yakup Zeyrek/p
Ästhetik des Lockdowns: Einsam steht ein Bademeister am Beckenrand des Ludwigsburger Stadionbads. Foto: Yakup Zeyrek/p

Kreis Ludwigsburg. In Zeiten vor Corona war Yakup Zeyrek in ganz Deutschland unterwegs. „Mein Terminkalender war wirklich sehr voll“, erzählt der Werbefotograf, der sein Atelier in Kornwestheim hat, im Gespräch am Telefon. Doch mit jedem Lockdown kam ein Stillstand, Aufträge von Unternehmen und aus Bereichen wie Tanz und Theater gab es keine mehr. Das habe ihn regelrecht deprimiert, bis ihm ein Freund vorgeschlagen habe, Eindrücke vom Lockdown festzuhalten. „Lauf doch in Kornwestheim rum und mach ein paar Bilder“, habe der zu ihm gesagt. Nach anfänglicher Skepsis fand Yakup Zeyrek immer mehr Gefallen an der Idee. „Aber wenn ich etwas mache, dann im großen Stil“, so der Fotograf.

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Fotoserie "Ästhetik des Lockdowns" von Yakup Zeyrek

Bald darauf ging er auf Landrat Dietmar Allgaier zu und schlug ihm vor, den Lockdown im Kreis Ludwigsburg zu dokumentieren. Warum der Landrat von der Idee gleich begeistert war, erklärt dessen persönliche Referentin, Caren Sprinkart, die nun für das Projekt zuständig ist: „Es ist eine besondere Zeit, die sich – hoffentlich – nicht wiederholt. Dieser Lockdown hat Auswirkungen auf alle gesellschaftlichen Bereiche. Deshalb ist es wichtig, dass viele Eindrücke aus allen Teilen des Landkreises und allen Bereichen der Gesellschaft festgehalten werden.“

Bei der Auswahl der Motive hat Yakup Zeyrek freie Hand. Der Auftraggeber hatte aber einige Wünsche wie etwa Fotos aus einer Ausschusssitzung, der Kfz-Zulassungsstelle, den Beruflichen Schulen und den Kliniken. Eine Auswahl der Fotos soll in einer Ausstellung im Landratsamt gezeigt werden. Einen Termin gibt es aber noch nicht. „Wir möchten die Ausstellung erst dann realisieren, wenn auch wieder Publikumsverkehr möglich sein wird“, sagt Caren Sprinkart. Auch einen Bildband könnte sich Yakup Zeyrek am Ende vorstellen, es gebe bereits erste Interessenten. Die Fotografierten schicken ihm nach den Terminen schon mal Texte über sich zu.

Das Projekt startete im Januar

Begonnen mit dem Projekt hat er im Januar und inzwischen rund 80 Termine wahrgenommen. Am Tag des Gesprächs hatte er keinen – eine Ausnahme in diesen Monaten. Ein Limit habe er sich nicht gesetzt und noch vieles im Kopf. Dass Yakup Zeyrek einen langen Atem haben kann, hat er bereits bewiesen. Für das Fotobuch „Verortetes Gedächtnis“ war er drei Jahre lang in der ehemaligen DDR unterwegs, um den Verfall von Industriebetrieben und anderen Orten in der Landschaft festzuhalten. „Einen leeren Raum zu fotografieren, ergibt aber nicht viel“, so Yakup Zeyrek. Wie damals seien ihm deshalb auch heute die zu den Orten gehörenden Menschen und ihre Geschichten wichtig.

Welcher Moment ihn im Lockdown besonders berührt hat? „Da fällt mir der Braumeister Reiner Braunbeck vom Rossknecht ein“, sagt Yakup Zeyrek. Man merkt aber, dass es für den Fotografen gar nicht so einfach ist, eine aus den vielen Begegnungen auszuwählen: „Jedes einzelne Schicksal wäre nennenswert.“ Doch wie der Braumeister, der im Lockdown hektoliterweise Bier wegschütten musste, im leeren Lokal bei den Bierkesseln saß, hat bei ihm offenbar einen besonders starken Eindruck hinterlassen. Auch die Aufnahme eines Mädchens, das in der Realschule Korntal-Münchingen ganz allein beim Lernen sitzt, stimme ihn traurig. Doch Lichtblicke gibt es ebenfalls. Etwa Vincenzo Fata vom Ristorante da Fata in Markgröningen, der mit Videoclips und selbstkomponierter Musik zum Thema Corona im Lockdown Werbung für sein Lokal macht – und nebenbei für gute Laune sorgt.

Dass Yakup Zeyrek im Auftrag des Landratsamts unterwegs ist, öffnet dem Fotografen im wahrsten Sinne des Wortes sonst verschlossene Türen. Mit Hilfe der Behörde konnte er etwa trotz des Besucherstopps im Klinikum Ludwigsburg fotografieren. So ist eine Aufnahme von der Tür der Covid-Einheit entstanden, durch die ein Klinikmitarbeiter mit Schutzanzug, Handschuhen, Visier und FFP2-Maske den Betrachter direkt anblickt. Auch ins Ludwigsburger Stadionbad, in dem gerade niemand seine Bahnen ziehen darf, wurde Yakup Zeyrek eingelassen. Wer sich die dabei entstandene Aufnahme ganz genau anschaut, der bemerkt, dass auch hier der Mensch nicht fehlt: Am hinteren Beckenrand steht einsam und allein ein Bademeister. Die nahezu leere MHP-Arena hat der Fotograf im Lockdown ebenfalls von innen gesehen. Selbst die Ausgangssperre war kein Hindernis – für seine Arbeit durfte er trotzdem auf die Straße.

Spannungsverhältnis von draußen zu drinnen

Das Spannungsverhältnis von draußen zu drinnen zieht sich durch viele der Fotos. Menschen hinter Glaswänden etwa sind ein wiederkehrendes Motiv. Laut Yakup Zeyrek ist das alles bewusst inszeniert: „Ich habe bei jedem Bild Regie geführt.“ So auch bei Dr. Thomas Bickelhaupts drei Studentinnen von der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Da sie ihre Gemälde nicht wie sonst in der Ludwigsburger Karlskaserne ausstellen konnten, haben sie sie an der Glasfront der Hochschule aufgehängt, damit sie von außen sichtbar sind. Annika Gutekunst drückt ihr Gesicht von innen gegen die Scheibe – genau so, wie sie es auch in ihrem Werk „Fatigue“ (Müdigkeit) dargestellt hat. „Das Eingesperrte spiegelt die Coronazeit wider. Die Menschen sind eingesperrt wie die Kunstwerke“, beschreibt Yakup Zeyrek die Absicht dahinter.

Eine ganze Fotoserie ist durch einen Aufruf an Künstler des Kunstzentrums Karlskaserne und darüber hinaus entstanden. Sie hat der Fotograf mit einem Plakat in der Hand abgelichtet, auf dem sie ihre Gefühle in der Coronapandemie ausdrücken. Schauspieler Rüdiger Ewald aus Gerlingen etwa bezeichnet sich darauf als „Gefährdeter ARTGenosse“ – in Anspielung auf das gleichnamige Improvisationstheater, dem er angehört.

Mitten im Projekt fällt die Zwischenbilanz von Yakup Zeyrek sehr positiv aus: „Die Leute machen voll mit. Ich bin echt begeistert. Es ist ein Selbstläufer geworden.“ Auch größere Unternehmen wie Wüstenrot & Württembergische haben ihm Einblicke gewährt. Nur in wenigen Fällen habe er auf seine Anfrage keine Antwort erhalten. Über Facebook und Instagram postet Yakup Zeyrek fast täglich ein Foto, das ihn bei der Arbeit zeigt, und bietet so noch einmal eine andere Perspektive auf die Motive. Was ihm noch fehle, seien Fotos aus den Randgebieten des Kreises. Interessierte wie etwa vom Lockdown betroffene Betriebe können sich unter info@yakup-zeyrek.de mit dem Fotografen in Verbindung setzen.

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