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Ganz oder gar nicht

Ex-Unternehmer, Kunstsammler und Marathonläufer: Es scheint kaum einen Lebensbereich zu geben, der den Eberdinger Peter W. Klein nicht umtreibt. Im Gegensatz zu vielen anderen Firmenchefs hat er einfach aufgehört, als ihm die Zeit reif schien. Nun jettet er nach Neuseeland, Tokyo und in die USA – seine Heimat im Strohgäu bleibt dabei aber immer sein Ankerpunkt.

Peter W.: Wie der Unternehmer zum Kunstsammler wurde Foto von Ramona Theiss
Peter W.: Wie der Unternehmer zum Kunstsammler wurde Foto von Ramona Theiss

Schwupp. Peter W. Klein zieht die Schublade auf. Was genau eine Schnellverschlusskupplung sei? Der Eberdinger Ex-Unternehmer, gebürtiger Stuttgarter und heute 72 Jahre jung, hat offenbar immer ein Exemplar eines solchen Bauteils griffbereit in seinem Schreibtisch liegen. Höchstwahrscheinlich, weil er regelmäßig erklären muss, womit genau er eigentlich sein Vermögen gemacht hat. Etwa faustgroß, aber eher unscheinbar, ist dieses feinmechanische Stück aus Schläuchen und Metallelementen. Klein dreht es hin und her. Ventil auf, Ventil zu. Ganz einfach. Genial einfach. Eines der vielen typischen Produkte aus der schwäbischen Provinz, ohne die so ziemlich gar nichts auf der Welt ginge. Ohne die etwa, in diesem Fall, viele Flugzeuge nicht fliegen, Feuerwehren nicht löschen und Krankenhäuser keinen Blutdruck messen könnten. „Hidden Champions“ nennt man diese meist neudeutsch – verborgene Gewinner. Das Unternehmen, die Rectus AG, hatte er von seinem Vater übernommen, als es noch ein überschaubarer Handwerksbetrieb war, und großgemacht, bis zum Weltmarktführer. 1974 war das. Eine Nussdorfer Erfolgsgeschichte – die heute indirekt vor allem Spuren in der Kunstwelt hinterlässt, von hier bis in die weite Welt hinaus.

Kunst muss zum Denken anregen, nicht schön sein. Man setzt sich eher damit auseinander, wenn es konträr ist.

Peter W. Klein

Was Peter W. Klein zum vermeintlich typischen Unternehmer macht: Er macht in seinem Leben die Dinge immer ganz – oder gar nicht. Was ihn hingegen von vielen anderen Unternehmern unterscheidet: Er konnte frühzeitig loslassen. Er musste nicht, er wollte. „Mit 55 Jahren habe ich beschlossen: Wenn ich 60 bin, verkaufe ich das Unternehmen“, erzählt er. 2007 war es dann tatsächlich so weit, die Firma ging an die Unternehmensgruppe Parker Hannifin – kurz vor der Finanzkrise. Im Rückblick ein Riesenglück. Bereut hat er diesen Schritt nie. „Es braucht etwas Mut, ich habe damals viel darüber nachgedacht“, erzählt Klein. „Aber viel zu viele Unternehmer können sich nicht trennen – das hat manchmal fast schon tragische Züge.“ Ihm sei seither die Freiheit gegeben, endlich die Dinge zu tun, die er immer schon tun wollte. Schublade zu.

Viel zu viele Unternehmer können sich nicht trennen – das hat manchmal fast schon tragische Züge.

Peter W. Klein

Einen großen Teil seines Lebens widmet er der Kunst, seit 40 Jahren sammelt er, gemeinsam mit seiner Frau Alison, gebürtige US-Amerikanerin. Heute hat er die Muße, sich noch ausführlicher damit zu befassen: Was sammle ich? Was ist relevant? Wie bei allen Leidenschaften gab es eine Initialzündung. 1979 war es, als ihn der Architekt seiner Büroräume auf eine Vernissage in Pforzheim mitnahm, um ihn zu überzeugen, in seinen Räumen künftig auch mal Kunst zu zeigen. Dort traf er den Maler Wolfgang Kappis – und kaufte gleich ein Bild. „Sonst beschäftigte ich mich meist mit Benchmarks und Umsatzzahlen – dort habe ich festgestellt, dass es noch etwas anderes gibt“, erzählt Klein. Diese Szene wollte er ab jetzt kennenlernen. Und wie das Peter W. Klein so machte in seinem Leben, galt auch hier: ganz oder gar nicht. So wurde er zu einem Kunstliebhaber und Sammler im großen Stil, mit einer klaren Linie: Zeitgenössische Kunst muss es sein. Warum? „Sie reflektiert ganz einfach die jetzige Zeit“, sagt Klein.

Sein uneingeschränkter Lieblingskünstler ist Sean Scully, mit ihm und seiner Ehefrau Liliane Tomasko, ebenfalls Künstlerin, ist er seit Jahren auch freundschaftlich verbunden. Sie verbindet die Biografie, die Persönlichkeit, wenn man aus eher einfachen Verhältnissen stammt und Zielstrebigkeit mit Bodenständigkeit paart. Und dann diese Kunst: Für manch einen Betrachter mögen die Werke des international hochdekorierten Scully zunächst nur aus Farbflächen bestehen, die in schlichter Weise zueinander in geometrische Beziehung gesetzt werden. Peter W. Klein interessiert sich für den Kern. Den Gedanken, dass das Abstrakte zunächst von jeglicher Emotion befreit ist – um dann durch die Farbwirkung wieder Gefühl zu vermitteln. Trauer, Leiden, Freude. Überhaupt gilt für ihn: „Kunst muss zum Denken anregen, nicht schön sein. Man setzt sich eher damit auseinander, wenn es konträr ist.“

Im Depot im Erdgeschoss rauscht die Klimaanlage. Klein zieht an einem der Lagergitter, eine ganze Wand mit Kunst saust an ihm vorbei. Gottfried Helnweins „Epiphany“: „Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich es kaufen soll“, erklärt er. Es zeigt die Ankunft Jesu, aber im Stile der Nazi-Zeit: Der kleine Adolf Hitler, wie er von SS-Offizieren anstelle der drei Könige empfangen wird. Sehr kontrovers. „Man kauft ein Werk, weil ein Dialog stattfindet, manchmal ringt man auch mit sich“, betont Klein. „Es muss etwas in einem passieren.“ Doch wie schätzt man als Sammler ein, ob der Preis stimmt? Als er anno 1979 sein erstes Kunstwerk, ein Aquarell des besagten Künstlers Wolfgang Kappis für 5000 Mark zu kaufen gedachte, konnte er zwei Tage kaum schlafen, er grübelte, drehte sich von der einen Seite auf die andere, ob er da nicht einen riesigen Fehler begehe. Irgendwann wurde ihm klar: „Peter, es hat dir gefallen, dann ist es den Preis auch wert!“ Gesagt, getan. Heute verfolgt er den Kunstmarkt, hat Vertrauen in Galerien gefasst und lebt von seiner Erfahrung. Dennoch bleibt ein Preis immer subjektiv, willkürlich, das liegt in der Natur der Sache. Man muss sich damit anfreunden. „Sonst kann man nicht sammeln“, sagt Klein. Doch es gilt: „Handeln gehört zu einem Schwaben dazu.“

Natürlich nennt er besonders viele Scullys sein eigen. Für diese beiden – er deutet an eine vordere Wand im Depot – habe er vor einigen Jahren 1,4 Millionen Euro bezahlt – heute seien sie mehr als das Doppelte wert. „Gute Anlage“, sagt er und lächelt. Erst kürzlich war er bei Scully in New York, wo Klein seinen zweiten Wohnsitz hat, und kaufte eine Skulptur für sein Hotel Glenmere Mansion unweit der US-Metropole, wo sich die Stars regelmäßig die Klinke in die Hand geben. Apropos Stars: Die Beach Boys kennt er persönlich seit einem Privatkonzert in den Stuttgarter Wagenhallen 2014, danach haben sie ihm einen Gruß geschickt, „To Peter“ steht auf dem großformatigen Foto der Band, das der international renommierte Fotograf Udo Spreitzenbarth aus Mühlacker gemacht hat.

Mit dem Bau des „Kunstwerks“ als öffentliche Galerie 2008 wollte Peter W. Klein seiner Heimatgemeinde Eberdingen-Nussdorf etwas zurückgeben, den Menschen, die mit ihrer Arbeit erst seinen Erfolg ermöglichten, und dabei seine Sammlung in immer neuer Form der Öffentlichkeit präsentieren. Ein Kunstmuseum ohne Schwellenangst, kostenlos, entspannte Atmosphäre, ein Ziel für Schulklassen. 20.000 Besucher finden jährlich den Weg nach Nussdorf. „Hier gibt es Dinge, die man woanders nicht sieht, auch mal nicht so Bekanntes.“ Ein so lichtes, großes und modernes Haus der Kunst – damit kann manch eine Stadt mittlerer Größe kaum aufwarten.

40 Jahre Sammlertätigkeit sind lang. Im Laufe der Zeit ändere sich die Einstellung zur Kunst, der rote Faden habe früher bisweilen gefehlt. „Eigentlich müssten wir uns von einigen Werken aus der Sammlung trennen“, sagt Klein und lacht sein typisch spitzbübisches Lachen. Andererseits habe jede Arbeit ihre Geschichte. Das Depot füllt sich immer weiter, über 2000 Werke sind es mittlerweile. Kann er sich bremsen, will er das überhaupt? Ja und nein, wie man es sieht. Heute sammelten die Kleins gezielt, sagt er, vor allem rund ein Dutzend Künstler, dazu „neue, junge, gute“.

Natürlich treibt einen planenden Menschen wie Peter W. Klein – zumal jenseits der 70 – auch die Zukunft des Geschaffenen über den eigenen Tod hinaus um. Langfristige Zusammenarbeiten mit Museen werden entwickelt, über Leihgaben und Dauerleihgaben nachgedacht. Das hat auch mit typisch deutschen Eigenheiten zu tun. Das Mäzenatentum sei hierzulande unterentwickelt. In dieser Region liege das an der sparsamen Grundhaltung, dem Pietismus, der Angst vor Neid, so Klein. In den USA sei das ganz anders, das Engagement von Unternehmen und Privatleuten im Bereich Kultur viel größer. „Das muss sich ändern, langfristig funktioniert es nur so.“ So kam es vor ein paar Jahren, dass Klein das Gemälde „Gewitter bei Nacht“ von Otto Dix kaufte, um es als Dauerleihgabe dem Kunstmuseum Stuttgart zu überlassen, das eine große Dix-Sammlung hat. Das Werk war zuvor eine Leihgabe aus Privathand und stand zum Verkauf. „In Stuttgart gibt es 1200 Millionäre – die haben es nicht geschafft, den Dix zu holen“, wundert sich der 72-Jährige.

Fünfmal in der Woche geht der Sportbegeisterte laufen, meist zwischen ein und drei Stunden, aus dem Haus über die Felder. Wenn die Heimat im Laufschritt vorbeizieht, ist das alles, was er braucht. 1979 fing er an mit Laufen, da er mit Übergewicht und allgemeinem Unwohlsein kämpfte, 1986 dann der erste Marathon. „Beim Laufen ist man in der Natur, und man kann die Gedanken frei schweben lassen“, schwärmt er. Marathon zu laufen sei natürlich eine Form der Übertreibung, ein „Ego-Trip“ – der einem geschäftlich manch eine Tür öffne, besonders in den USA. Der Grenzgang suggeriert Ehrgeiz und Disziplin, „das kommt dort gut an“. 112 Marathons hat er mittlerweile hinter sich gebracht, gerade den letzten der sechs großen, der ihm noch fehlte, in Tokio. Inzwischen besitzt Klein ein Weingut in Neuseeland. Der Bruder seines Schwagers wollte sich als Winzer selbstständig machen, also stieg Klein ein. Jetzt gibt es auch Flaschen einer Eigenedition mit seinem Konterfei, wie man auf den zweiten Blick erkennt – Peter W. Klein, mit Sonnenbrille und Schnurrbart, in Läufermontur beim Athen-Marathon 1986 auf dem Etikett.