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Literatur

Gedichtetes als Lebenszeichen

Die Möglinger Schriftstellerin Ursula Jetter stellt ihr ungewöhnliches Buch „Überleben“ vor

Fund in der Schublade: Ursula Jetter bei der Buchvorstellung. Foto: Holm Wolschendorf
Fund in der Schublade: Ursula Jetter bei der Buchvorstellung. Foto: Holm Wolschendorf

Ludwigsburg. Das kleine, durch dünne Schnüre gefasste Bündel mit dicht beschriebenem, braunem Packpapier lag schon länger bei Ursula Jetter daheim. Doch erst in den vergangenen Jahren hat die Möglinger Schriftstellerin, die unter anderem Baden-Württembergs älteste Literaturzeitschrift „Exempla“ herausgibt, einen Zugang zu dessen Inhalt gefunden. Es war ihr Vater Hans Dilger, der in den 40er Jahren in einem sibirischen Gefangenenlager überlieferte Gedichte sammelte, um etwas zu haben, an dem er sich festhalten konnte, etwas, das half, die Hoffnung nicht ganz erlöschen zu lassen. Viele kehrten damals nie zurück. „S’ist Krieg, s’ist Krieg! Oh Gottes Engel wehr’s und rede du darein, s’ist leider Krieg und ich begehre nicht schuld daran zu sein“, wird da etwa der Dichter Matthias Claudius zitiert.

Aus dieser Gedichtsammlung hat Ursula Jetter nun ein kleines Buch gemacht, in dem sich die originalen Autographen finden, verbunden mit einer ausführlichen Einleitung zur Entstehungsgeschichte und den familiären Umständen. Im Staatsarchiv Ludwigsburg hat sie dieses sehr persönliche und zugleich zeitgeschichtliche Buch am Dienstag vorgestellt. Der Ort war noch aus einem anderen Grund nicht zufällig gewählt – hat doch die Geschichte ihres Vaters noch einige andere Dinge in den vergangenen Monaten in Bewegung gesetzt.

Zum einen ergab eine Nachforschungsanfrage durch den Leiter des Staatsarchivs Dr. Peter Müller beim Generallandesarchiv Karlsruhe, dass eine Ermittlungsakte des Sondergerichts Mannheim aus der Nazizeit zu dem offenbar politisch etwas widerborstigen Kaufmann Hans Dilger erhalten ist, der in fahrlässiger Offenheit über seine Ansichten sprach. Seine Abkommandierung nach Stalingrad könnte unter anderem darin begründet sein – noch mehr aber wahrscheinlich in der engen Verbindung der Familie zu Ludwig Marum. Jetters Mutter Gudrun Dilger, geborene Olsen, war bereits mit Hans Dilger verlobt, als sie die engste Mitarbeiterin des jüdischen Rechtsanwalts und Reichstagsabgeordneten (SPD) war, der 1934 im Konzentrationslager Kislau bei Bruchsal ermordet wurde – getarnt als Selbstmord.

„Was hätte Ludwig Marum gesagt?“: Dieser Satz ihrer Mutter verfolgte Ursula Jetter (Jahrgang 1940) ihre gesamte Kindheit hindurch – ohne dass sie anfangs etwas damit anfangen konnte. Eine typische Nachkriegsbiografie: Die Mutter, durch die Gefangenschaft ihres Mannes alleinerziehend, wollte ihre Tochter schützen vor dem, was eigentlich nunmal gewesen war und nachhallte. Deutschland, das Land der Heuchler und der Mörder. Preußische Disziplin und Pflichtbewusstsein habe sie von ihrer Mutter gelernt, erzählt Jetter, die ihren Vater erst mit acht Jahren kennenlernte, als dieser aus Russland zurückkehrte, nachdem er immer wieder Briefe in die Heimat geschickt hatte. Im Gepäck das handgeschriebene Heftchen – das noch heute nach Schweiß, Leder und billigem Tabak rieche, so Jetter. „Aus jeder Zeile spricht ungeheurer Lebensmut!“ Bei der Lektüre stelle sich die Frage, was einem diese Zeilen heute, in Zeiten des politischen Wandels noch zu sagen hätten, so die Möglingerin. „Es hat eine gewisse Aktualität – man kann nicht vorsichtig genug sein.“

Info: Ursula Jetter, Überleben, zu Aufzeichnungen aus einem sibirischen Gefangenenlager von Hans Dilger, Lindemanns Bibliothek, Info Verlag 2018, 88 Seiten, 9,80 Euro.

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