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Häusliche Gewalt: Coronakrise lähmt die Alarmsysteme

Wohlfahrts- und Frauenverbände eint die Befürchtung, dass häusliche Gewalttaten in der Corona- krise zunehmen. Polizei und Behörden im Kreis haben dafür aber bislang keine Belege. Doch das dürfte daran liegen, dass die Dunkelziffer während des Shutdown noch höher lag als ohnehin üblich.

Kreis Ludwigsburg. Es sei schwer einzuschätzen, „wie sich diese Thematik entwickelt: Häusliche Gewalt ist immer mit einer Dunkelziffer verbunden“, antwortet das Sozialdezernat des Landkreises auf Anfrage. Von einer vermutlich ohnehin hohen Dunkelziffer bezüglich der Gewalttaten, die in den eigenen vier Wänden geschehen, berichtet Jahr für Jahr auch die Polizei. Dabei gilt: Auch die zur Anzeige gebrachten Körperverletzungen und Vergewaltigungen finden überwiegend im häuslichen Bereich statt. Auf Polizeideutsch handelt es sich also häufig um „Beziehungstaten“: 88,3 Prozent der Vergewaltigungsopfer hätten 2019 „eine Vorbeziehung“ zum Täter gehabt, heißt es im aktuellen Sicherheitsbericht des Polizeipräsidiums Ludwigsburg. Dabei habe die erhöhte öffentliche Aufmerksamkeit für das Problem sexueller Übergriffe und Übergrifflichkeit – dank der Me-too-Bewegung – zuletzt zu mehr Anzeigen geführt und damit zur „Aufhellung des Dunkelfeldes“ beigetragen,

Seit 15. März haben Kurzarbeit, Homeoffice und die Schließung von Kitas und Schulen in vielen Familien und Lebensgemeinschaften neue Belastungen geschaffen. Nicht nur Frauen- und Wohlfahrtsverbände, Fachberatungen und das Landratsamt befürchten daher, dass – so dessen Sozialdezernat – „die Gewalt in Familien tendenziell zunimmt“. Leidtragende wären in erster Linie Frauen, Kinder und Jugendliche.

Anstieg derzeit nicht belegbar

So plausibel diese Sorge ist – zahlenmäßig belegen lässt sie sich derzeit nicht: Die Zahl der Anzeigen, die seit Mitte März wegen häuslicher Gewalt im Polizeipräsidium eingegangen sind, liegt im unteren dreistelligen Bereich – und damit auf Vorjahresniveau. Genaue Zahlen für den vergleichbar kurzen Zeitraum will das Präsidium nicht nennen. Auch die Zahl der Einsätze, bei denen die Polizei zur Schlichtung häuslichen Streits gerufen wird, ist nur unwesentlich gestiegen. Sie liegt weiter im hohen dreistelligen Bereich und ist damit deutlich größer als die der Anzeigen, bezieht aber auch Nachbarschaftskonflikte mit ein.

Mit einer konkreten Zahl wartet das Kreis-Jugendamt auf: Zwischen Mitte März und Mitte April seien dort 58 Anzeigen wegen einer Gefährdung von Kindeswohl eingegangen. Die Behörde klagt über das „unverändert hohe Niveau“, das sich durch die Coronakrise aber nicht verändert habe. Und auch die Interventionsstelle des Beratungszentrums Frauen für Frauen hat bislang keine höheren Fallzahlen konstatieren müssen.

Dass die amtlich erfassten Fälle ein realistisches Abbild der Entwicklung wiedergeben, ist indessen fraglich. Denn die meisten Alarmsysteme und Meldekanäle sind derzeit beeinträchtigt oder blockiert – insbesondere für Kinder und Jugendliche: Ihre regelmäßige Begegnung mit und Beobachtung durch Lehrkräfte oder Kita-Personal entfällt. Generell sind zudem unbeobachtete Anrufe für Opfer seltener als sonst möglich, während persönliche Kontakte mit Beratungsstellen durchs Telefon ersetzt werden müssen.

Behördliche und freie Jugendhilfe seien zwar weiter mit den Familien in Kontakt, die dem Jugendamt bekannt sind, so das Landratsamt. Wenn es nun aber auch in anderen Haushalten zu Gewalt komme, stelle sich die Frage, ob Informationen darüber überhaupt „bei der Jugendhilfe und anderen helfenden Institutionen ankommen“. Lehrkräfte und Schulsozialarbeiter müssten bei ihren eingeschränkten Kontakten jetzt besonders interessiert an der Lebenssituation ihrer Schüler sein, Hilfsmöglichkeiten sollten als Thema ins Homescooling einfließen, fordern deshalb die freien Fachberatungsstellen.

Telefonberatung nur Notlösung

Frauen für Frauen in Ludwigsburg spricht im Blick auf die umfangreiche eigene Telefonberatung von einer „hilfreichen Notlösung“. Beratungsbedarf und -aufwand seien ohne direkte Begegnung mit den von Gewalt betroffenen Frauen und Kindern deutlich größer als sonst. Vor allem aber entfällt wegen der virusbedingten Abstandsregeln im Ludwigsburger Frauenhaus im Moment ein Viertel der ohnehin knappen 19 Plätze – ein Problem, das überall im Südwesten so besteht und unter anderem die Liga der freien Wohlfahrtspflege, Frauenverbände und Fachberatungsstellen auf den Plan gerufen hat. Andernorts – etwa im Kreis Calw – wurden deshalb leerstehende Ferienwohnungen und Hotelzimmer als Ausweichquartiere für von Gewalt betroffene Frauen und Kinder angemietet. Das Ludwigsburger Frauenhaus indessen ist, „unterstützt“ vom Landkreis, auf der Suche nach einer zusätzlichen Schutzwohnung mit fünf Plätzen. Wegen der Finanzierung „sind wir im Gespräch“, teilen Frauenhaus und Landratsamt mit.

Ein stärkeres finanzielles Engagement des Kreises wäre wichtig. Denn die virusbedingt geringere Belegung schwächt die Frauenhäuser auch finanziell. Zwar hat das Land ein Sonderprogramm von zwei Millionen Euro aufgelegt. Doch dabei handelt es sich nicht um zusätzliche, sondern nur um umgewidmete Mittel. Das Geld fehlt nun in der Fachberatung.

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