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Weihnachten

Herr C. träumt vom Mittelmeer

Einen Tag vor Heiligabend 2015 platzt einem Mann in Ditzingen die Gallenblase. Nach Notoperationen kämpft er sich zurück ins Leben. An Weihnachten 2020 ist er trotzdem allein – wie Millionen andere Deutsche auch.

„Ich wollte unbedingt wieder eigenständig leben.“ Herr C. in seiner kleinen Ditzinger Wohnung. Foto: Ramona Theiss
„Ich wollte unbedingt wieder eigenständig leben.“ Herr C. in seiner kleinen Ditzinger Wohnung. Foto: Ramona Theiss

Ditzingen. Am Tag vor Heiligabend will Herr C. in Ditzingen frische Luft schnappen. Es geht ihm nicht gut. Auf dem Bürgersteig merkt Herr C., dass es ihm den Hals zuschnürt. Er ruft mit letzter Kraft einen Krankenwagen, der ihn in eine Stuttgarter Klinik bringt. „Vom Transport habe ich schon nichts mehr mitbekommen“, sagt Herr C., der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Er fällt ins Koma und muss offenbar mehrfach operiert werden. Die Diagnose: geplatzte Gallenblase.

Als Herr C. wieder aufwacht, ist er an Kabel angeschlossen. Er muss jetzt Medikamente nehmen und zur Dialyse. Die künstliche Blutwäsche übernimmt die Reinigungsfunktion seiner Nieren. „Ekelhaft“, sagt der Patient. Da sein Immunsystem schwach ist, legen ihn die Ärzte in ein Zelt. „Ich war vollkommen hilflos.“ Ein Mikrokeim wirft ihn weiter zurück.

Fünf Jahre später sitzt Herr C., 62, in seiner kleinen Dachgeschosswohnung im Ditzinger Zentrum und kocht Kaffee. An der Wand hängt eine USA-Fahne. Er hat ein bordeauxrotes Nummernschild des Bundesstaats Missouri ausgestellt. Auf der Fensterbank steht ein Pink Cadillac als Modell. Herr C.s Vater ist Amerikaner, seine Mutter Deutsche, er kommt in Hessen auf die Welt, doch die Eltern schieben ihn in ein Heim ab. „Im Heim gab es an Weihnachten keinen Tannenbaum. Da gab es Schläge“, sagt Herr C.

Das Fest hat ihm nie etwas bedeutet. Er wird den Heiligen Abend allein verbringen und vermutlich Fernsehen schauen – wie Millionen andere Deutsche auch. Laut einer repräsentativen Umfrage verbringen drei Prozent der Bundesbürger zwischen 14 und 75 Jahren die Festtage allein. Hochgerechnet sind das etwa 2,4Millionen Menschen.

Herr C. hat keine Familie mehr. Manchmal trifft er in Ditzingen Leute an der Bushaltestelle und plaudert mit ihnen. Wegen Corona ist das noch seltener geworden. „Ich bleibe meistens daheim, halte mich an die Abstandsregeln – und fertig“, sagt Herr C.

Vor seinen Notoperationen arbeitet er in der Landwirtschaft, erntet Zuckerrüben oder sticht Spargel. Das ist ein Knochenjob. Auch auf dem Bau verdingt er sich. So kommt Herr C. vor Jahren nach Ditzingen. „Der Pickel und die Schubkarre sind meine Freunde“, sagt er. Meistens fühle er sich wie ein Paket, das nichts taugt und ständig weitergeschoben wird. Wegen Körperverletzungen muss Herr C. zweimal ins Gefängnis.

In seiner Wohnung steht nicht nur ein Pink Cadillac als Modell, sondern auch ein Gehstock. Er hilft ihm, sich selbstständig fortzubewegen. Das ist direkt nach der geplatzten Gallenblase noch undenkbar. Monatelang versucht Herr C., sich in Rehaeinrichtungen und bei Therapeuten zurück ins Leben zu kämpfen. Er bekommt einen Rollstuhl und einen Betreuer. „Ich will aber wieder eigenständig leben“, sagt Herr C. Als der junge Mann ihm seinen Rollstuhl wegnimmt und ruft: „So – und jetzt wird gelaufen“, habe Herr C. den Helfer fast gehasst. Doch die Anstrengungen fruchten. „Ein Jahr lang war ich in einem Pflegeheim in Bayern. Dabei wollte ich immer nur raus.“

2017 findet Herr C. in Ditzingen die kleine Dachgeschosswohnung. Einen Betreuer braucht er nicht mehr. Herr C. hat jetzt einen Schwerbehindertenausweis und lebt von Grundsicherung und einer kleinen Rente. In seinem Arm wird bis zu seinem Lebensende ein Shunt bleiben, in den eine Kanüle gestochen werden kann, um das Blut zur Reinigung aus dem Körper zu pumpen. Derzeit muss Herr C. allerdings nicht mehr zur Dialyse. Dafür schluckt er morgens und abends Tabletten. „Ich habe kaum Appetit“, sagt er.

Das Geld, es sind vielleicht 500 Euro im Monat, reicht Herrn C. hinten und vorne nicht. „Ich würde mir ja schöne Klamotten kaufen“, sagt er. Aber Tage vor Monatsende ist das Geld weg. Früher hat Herr C. an Motorrädern geschraubt und ist mit dem Roller zur Tonmühle gefahren, wo er sich ein Frühstück zubereitet hat. „Das Ding war aber mehr kaputt als fahrbereit“, also hat er es verkauft. Das war noch zu D-Mark-Zeiten.

Heute würde Herr C. gerne wieder mit einer Vespa fahren, etwa zum Hamburger Hafen. Oder weiter verreisen. Herr C. sagt: „Einmal auf das Mittelmeer schauen – das wär’s.“

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