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Corona

Impfung für Kinder eine Frage von Nutzen und Risiko

Nachdem die Europäische Arzneimittelbehörde EMA den Weg frei gemacht hat, sollen sich Eltern ab 7. Juni um eine Corona-Impfung für ihre Kinder mit Biontech/Pfizer bemühen können. Dr. Karlin Stark, Leiterin des Kreisgesundheitsamts, plädiert dafür, zuerst die Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) abzuwarten.

Die Corona-Impfung von Kindern ist für Kinderärzte eine schwierige Abwägung. Foto: Patrick Seeger/dpa
Die Corona-Impfung von Kindern ist für Kinderärzte eine schwierige Abwägung. Foto: Patrick Seeger/dpa

Kreis Ludwigsburg. Dr. Thomas Kauth ist Kinder- und Jugendarzt in der Ludwigsburger Oststadt und in diesen Tagen noch beschäftigter als sonst. Grund sind die Pfingstferien, in denen viele seiner Kolleginnen und Kollegen ihre Praxen urlaubsbedingt geschlossen haben. Doch damit nicht genug, häufen sich in der Gemeinschaftspraxis neben den Vertretungsfällen auch die Anfragen hinsichtlich eines Impftermins für Kinder und Jugendliche zwischen zwölf und 15 Jahren. „Ich verstehe das, zumal die Sommerferien bevorstehen“, sagt der stellvertretende Vorsitzende der Ärzteschaft im Landkreis Ludwigsburg. Dennoch gelte es, erst mal abzuwarten, zumal die Stiko dazu noch keine endgültige Aussage getroffen habe. Ob Kinder und Jugendliche bereits gegen Corona geimpft werden können, sollten angesichts des weiterhin bestehenden Impfstoffmangels die Stiko und die Ärzte entscheiden, aber nicht die Politik.

Laut Thomas Kauth soll Kindern durchaus die Möglichkeit eingeräumt werden, geimpft zu werden. „Sie sind potenziell gefährdet, an Covid-19 zu erkranken, wenn auch nicht so wie Erwachsene.“ Ein Pikser für die Zwölf- bis 15-Jährigen sei durchaus sinnvoll, aber nicht oberste Priorität. Seiner Meinung nach ist es wichtiger, die Erwachsenen sowie Kinder mit chronischen Erkrankungen zu impfen. Wenn genügend Impfstoff zur Verfügung stehe, dürften freilich auch die Jüngeren drankommen. Keineswegs, so der Mediziner, dürfe die Beschulung vom Impfstatus abhängen. Dann würde er die Impfung ablehnen, zumal es in den Schulen genügend Möglichkeiten gebe, die jungen Leute vor der Infektionsgefahr zu schützen.

Zwei Ampullen Impfstoff, die jeweils sechs Dosen ergeben, erhält Kauth pro Woche für seine Patienten, die ab 16 Jahren bereits geimpft werden können. Das reicht hinten und vorne nicht, zumal jetzt auch die Zweitimpfungen anstehen. „Wir kommunizieren daher, dass erst die chronisch Kranken dran sind und die anderen auf eine Warteliste kommen, die dann abgearbeitet wird“, so der Kinder- und Jugendarzt.

Laut Kassenärztlicher Vereinigung (KV) Baden-Württemberg sind „die Rückmeldungen aus den Kinderarztpraxen sehr unterschiedlich“. Dort würden viele Anfragen zu den Impfungen eingehen. Die KV verweist auf die Stiko: „Bisher hat die Ständige Impfkommission noch keine Empfehlung für die Impfung von Kindern und Jugendlichen abgegeben. Daher können wir uns dazu auch noch nicht äußern“, antwortet KV-Pressesprecher Kai Sonntag auf eine Anfrage unserer Zeitung. Klar sei momentan nur, dass es ab 7. Juni kein breit angelegtes Impfangebot für diese Altersgruppe geben könne, da nicht ausreichend Impfstoff verfügbar sei.

Laut Dr. Karlin Stark vom Kreisgesundheitsamt gibt es „auf beiden Seiten gute Argumente“, das Impfen von Kindern und Jugendlichen ab zwölf Jahren ab 7. Juni freizugeben. Doch die Expertin schränkt ebenfalls ein: „Generell finde ich, dass wir auf die Empfehlung der Ständigen Impfkommission warten sollten. Die beschäftigt sich eindringlich mit dem Thema und wertet auch Studien zu Nutzen und Risiken aus.“ Die Kontaktbeschränkungen in der Pandemie würden den Kindern mehr zusetzen als den Erwachsenen. Gleichzeitig sei bei den Jüngsten das Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken, niedrig. Die Impfung nur zu empfehlen, um Schülern den Präsenzunterricht zu gewährleisten, hält Karlin Stark für schwierig. Bevor Kinder gegen Corona geimpft werden, sei es wichtig, zu schauen, welcher Nutzen und welche Risiken sich aus der Impfung ergeben. Die Frage, ob genug Impfstoff vorhanden ist, sollte laut Karlin Stark nicht darüber entscheiden, ob eine Impfempfehlung ausgesprochen wird. Primär sollte der fachliche Aspekt beurteilt werden. Hier gehe es ihrer Ansicht nach darum, den Nutzen für Kinder gegen mögliche Nebenwirkungen abzuwägen. Dabei würde die Stiko die besten Empfehlungen bieten. Chronisch kranke Kinder zu impfen, könne durchaus sinnvoll sein. „Wenn durch das spezifische Krankheitsbild ein Kind ein deutlich erhöhtes Risiko hat, durch eine Infektion schwer, eventuell sogar lebensbedrohlich zu erkranken, stellt das ein starkes Argument für die Impfung dar“, sagt Karlin Stark.

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