Logo

Interview

Interview mit Hausarzt Robin Maitra: „Die Priorisierung muss aufgehoben werden“

Es geht weiter mit Astrazeneca: Ein Gespräch mit dem Hemminger Hausarzt Robin Maitra, der in seiner Pilotpraxis schon gegen Corona impfen kann

350_0900_31329_Frei_robin_maitra_hemmingen.jpg

Hemmingen. Wie haben Ihre Patienten in dieser Woche auf das Hickhack um den Impfstoff von Astrazeneca reagiert?

Mit großer Unsicherheit. Viele Patientinnen und Patienten, die wir jetzt im Rahmen des Pilotprojekts des Sozialministeriums impfen konnten, versicherten sich vor der Impfung, dass sie auch nicht den Impfstoff von Astrazeneca erhielten.

War der Impfstopp richtig?

Bei aller Kritik: Der Impfstopp war die einzige Möglichkeit, die dem Bundesgesundheitsministerium blieb. Das Paul-Ehrlich-Institut als verantwortliche und fachkompetente Behörde hatte eine Warnung ausgesprochen, wonach es in der Gruppe der Geimpften zu Todesfällen durch Sinusvenenthrombosen kam. Stellen Sie sich vor, es wäre bis zu einer Wiederfreigabe zu weiteren Todesfällen gekommen – die Verantwortung konnte und wollte keiner übernehmen.

Wie bewerten Sie die Informationspolitik?

Die Informationspolitik rund um das Impfmoratorium ist als Kommunikationsdesaster zu bezeichnen und hat zu großen Zweifeln und einer Unsicherheit gegenüber Impfungen gegen das Coronavirus geführt, mit der wir uns sicher noch länger befassen müssen.

Was hätten Sie vorgeschlagen?

Es wäre doch viel sinnvoller gewesen, in der Öffentlichkeit darauf hinzuweisen, dass gerade der Impfstopp zeigt, wie gut unser Überwachungssystem nach Impfungen funktioniert. Durch die Nachverfolgung Geimpfter konnte die Häufung sehr seltener Erkrankungen erfasst werden. In einer wenige Tage andauernden Impfpause konnte nun zuverlässig belegt werden, dass ein ursächlicher Zusammenhang zwischen der Impfung und den Erkrankungen nicht besteht.

Wie stehen Sie zu der Entscheidung der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA, weiter mit Astrazeneca zu impfen?

Die Entscheidung ist vor dem Hintergrund einer nochmaligen gründlichen wissenschaftlichen Prüfung des Sachverhalts gefallen und nicht zu beanstanden. Aus ärztlicher Sicht ist die Entscheidung unbedingt zu begrüßen, da das Ziel einer raschen Durchimpfung der Bevölkerung schneller erreicht werden kann.

Was hätte es bedeutet, wenn Astrazeneca langfristig in Deutschland ausgefallen wäre?

Ohne den Impfstoff von Astrazeneca wäre es zu einer deutlichen Verzögerung der Impfungen und der Durchimpfung der Bevölkerung gekommen. Wir haben momentan ohnehin viel zu wenig Impfstoff – die Impfzentren fahren mit einem Bruchteil der möglichen Kapazitäten. In den Praxen ist – außerhalb der Pilotprojekte – die Möglichkeit zur Impfung noch gar nicht gegeben. Gerade im Angesicht der dritten Welle hätte ein Ausfall des Astrazeneca-Impfstoffs eine erhebliche Beeinträchtigung ausgemacht und unsere Chancen, die Pandemie zu besiegen, deutlich verringert.

Geringere Wirksamkeit als bei den Vakzinen von Biontech und Moderna, Lieferschwierigkeiten – und dann wurde Astrazeneca zunächst auch noch nur für Jüngere empfohlen. Muss die Priorisierung aufgehoben werden, um den Impfstoff überhaupt noch unter die Leute zu bekommen?

Der Astrazeneca-Impfstoff hatte von Beginn an einen schlechteren Ruf, der meines Erachtens nicht berechtigt ist. Als Zeichen der Reaktion des Organismus’ auf die Impfung kommt es zwar nach der Impfung mit Astrazeneca vor allem bei jüngeren Menschen etwas häufiger vorübergehend zu Fieber, Kopfschmerzen und grippeähnlichen Symptomen, auch ist die Wirksamkeit einige wenige Prozentpunkte niedriger als bei anderen Impfstoffen.

Aber?

Viel wichtiger ist doch, dass auch der Astrazeneca-Impfstoff in allen Fällen die Geimpften zuverlässig und ebenso sicher wie die anderen Impfstoffe vor schweren Verläufen und Todesfolgen durch die Corona-Infektion schützt. Es ist sehr viel besser, mit Astrazeneca geimpft zu sein, als sich ungeschützt der Gefahr einer Corona-Infektion auszusetzen.

Wird sich diese Einsicht durchsetzen?

Ich hoffe das. Die Priorisierung, um auf Ihre Frage zurückzukommen, ist in Zeiten der Impfstoffknappheit zwar nachvollziehbar, darf aber nur als äußerstes Mittel verstanden und keinesfalls zur Regel werden. Die Aufhebung der Priorisierung ist meines Erachtens deshalb unumgänglich, zumal auch unbedingt verhindert werden muss, dass die Diskussionen um eine Priorisierung an den Theken der Arztpraxen erfolgt.

Können Hausärzte Komplikationen wie Hirnvenenthrombosen zuverlässig diagnostizieren?

Hausärzte sind erfahren im Umgang mit Impfungen, die für uns gewissermaßen zum Tagesgeschäft gehören. „Wir können Impfung“ seit Jahrzehnten – und zeigen das auch in großen Mengen, wie jedes Jahr bei den Grippeimpfungen. Auch wenn die EMA nun nachweisen konnte, dass Hirnvenenthrombosen nicht zu den Komplikationen der Astrazeneca-Impfungen gehören, sind wir als Ärzte darauf vorbereitet, auch seltene Nebenwirkungen zu erkennen und damit umzugehen.

Was können Sie dagegen tun?

Wir wissen als Hausärzte um die Krankheitszeichen und Begleiterscheinungen einer Sinusvenenthrombose, auch wenn diese häufig nicht ganz eindeutig sind oder in einem geringen Anteil die Erkrankung sogar ohne Beschwerden abläuft. Bei einem bestehenden Verdacht kann die Bestätigung durch eine Kernspin- oder Computertomographie erfolgen, und die notwendigen Maßnahmen können eingeleitet werden.

Wer wird bei Ihnen geimpft?

Unsere Praxis hat im Rahmen des Pilotprojektes die Auflage erhalten, nur ältere Patientinnen und Patienten unserer Praxis zu impfen, die der Priorisierungsgruppe 1 zugeordnet wurden. Nach den Menschen über 80 Jahre können wir jetzt in der dritten Woche auch Menschen impfen, die mindestens 70 Jahre alt sind und aufgrund ihrer Vorerkrankungen ein hohes Risiko für einen schweren Verlauf haben. Die meisten haben wir in der Praxis geimpft, etwa fünf bis zehn Prozent wurden aber auch zu Hause bei Hausbesuchen geimpft. Darüber hinaus haben wir derzeit leider keine Möglichkeit der Impfung. Alle zu Impfenden sind bereits informiert, und alle Termine wurden in den vergangenen Tagen vergeben.

Welche Vorteile hat es, Hausärzte in den Impfprozess einzubinden?

Nur durch die Einbindung der niedergelassenen Ärzteschaft wird es möglich sein, Impfungen der Bevölkerung in großem Umfang zu erreichen. Insbesondere die Primärärzte – Hausärzte, Kinderärzte und Frauenärzte – haben nicht nur die erforderlichen Kapazitäten und Erfahrungen, sondern kennen ihre Patientinnen und Patienten gut, wissen um die Begleiterkrankungen, Allergien und Medikation. Vielleicht das Wichtigste ist aber, dass wir ein großes und meist über Jahre gewachsenes Vertrauen zueinander haben, das in diesen unsicheren Zeiten von besonderer Bedeutung ist.

Ist ein Ausweg aus der Krise nur übers Impfen möglich?

Ja. Zuverlässige Medikamente gegen Covid-19 sind auch nach über einem Jahr trotz vielfacher Bemühungen nicht in Sicht. Ich persönlich bin der Auffassung, dass die Impfung die derzeitig einzige vernünftige Möglichkeit darstellt, die Pandemie zu besiegen. Nur mit der Impfung wird uns wieder der Weg zurück in unsere gewohnte Normalität gelingen: Bitte lassen Sie sich impfen, mit jedem Impfstoff, der zur Verfügung steht.

Autor: