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Interview

Interview zum Thema QAnon und Co. - „Verschwörungstheorien sind wie Krücken“

Sarah Pohl, die Leiterin der Zentralen Beratungsstelle für Weltanschauungsfragen Baden-Württemberg über die Folgen der Pandemie auf das Zusammenleben

Zweifelhafte Mischung: „Compact“, „Q“ und „Querdenker“. Foto: Fabian Strauch/dpa
Zweifelhafte Mischung: „Compact“, „Q“ und „Querdenker“. Foto: Fabian Strauch/dpa
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Frau Pohl, die Kirchen verlieren Mitglieder. Heißt das auch, dass die Menschen keinen Glauben oder Halt mehr suchen?

Stichwort
Zebra

Die vom Kultusministerium geförderte Zentrale Beratungsstelle für Weltanschauungsfragen zebra-bw.de) in Freiburg soll über gefährliche religiös-weltanschauliche Angebote aufklären. Leiterin der vor einem Jahr eröffneten Stelle ist die Diplom-Pädagogin Sarah Pohl. Im ersten Jahr wurden knapp 280 Personen beraten, viele mehrmals. Die häufigsten Anfragen (84) bezogen sich auf Verschwörungstheorien, 66 auf neue religiöse Bewegungen, 38 auf Esoterik, in 36 Fällen ging es um Coaching.

Überhaupt nicht, ich würde sogar sagen, dass die vielen Verschwörungstheorien, die gerade Konjunktur haben, fast so etwas wie eine Form der säkularen Religiosität darstellen. Bewegungen wie QAnon zum Beispiel machen Sinnstiftungsangebote, die früher die Religion geliefert hat.

Was sind das für Sinnstiftungsangebote?

Das sind Erklärungen und Weltbilder, die Fragen nach dem „Wohin geht die Welt“ oder „Warum sind die Zustände gerade so, wie sie sind“ vermeintlich beantworten.

Wenden sich die Menschen dann auch seltener Sekten zu?

Tatsächlich gibt es den Satz „Guru war gestern“. Sogenannte Sektenbewegungen gibt es zwar auch noch, aber in neuester Zeit beobachten wird, dass zum Beispiel Lifecoaches die Funktion von Gurus übernehmen. Eine gewisse Würzung an Spiritualität ist da zwar noch dabei, aber diese Lebensberater zeigen sich eher als Autorität, die die Richtung weisen. Die enge Anbindung an Gruppierungen, die teils über viele Jahre dauert, ist zu einem großen Teil ersetzt worden vom Phänomen des Religionshopping oder der Patchworkspiritualität.

Das hört sich nach Beliebigkeit an.

Die Bedürfnislage der Menschen hat sich verändert. Sie neigen mehr dazu, Verschiedenes auszuprobieren. Sie sind spirituelle Sinnsucher, das bedeutet, dass sich Menschen auch kreativ eine eigene Religion basteln und mehr ausprobieren. Der spirituelle Markt reagiert auf diese veränderte Bedürfnislage mit deutlich mehr Angeboten.

Ist es also denkbar, dass Menschen, die bei Gruppen von Verschwörungstheoretikern wie etwa QAnon landen, da auch wieder schnell rauskommen?

Man kann bei allen Angeboten bestimmte Bindungsprozesse beobachten. Am Anfang sind viele sehr begeistert von QAnon, einem Guru oder einem Coach eingenommen. Nach einigen Monaten zeigen sich dann aber erste Konflikte und man sieht manches nicht mehr so rosarot. Dann, nach etwa einem halben Jahr, kommt die nicht immer bewusst ablaufende Differenzierungsphase, nach der viele weiterziehen, weil vielleicht etwas anderes interessanter wird, sie nicht mehr bereit sind, allzu hohe Opfer zu bringen, oder auch der Wellnessfaktor wichtiger wird. Die Sinnsuche ist egofixierter geworden.

Lesen Sie hier unseren Themenschwerpunkt Antisemitismus: Von der Parole zum Narrativ

Die Beratungsstelle hat seit ihrer Eröffnung vor einem Jahr Hunderte Gespräche geführt. Wie hat sich die Coronakrise dabei ausgewirkt?

Die Anfragen zu Verschwörungstheorien haben sehr stark zugenommen. Bis zum Ende des vergangenen Jahres kam jeder dritte Anruf von Angehörigen, die sehr verzweifelt waren, weil sie deshalb in starken Konflikten mit Familienangehörigen waren. Aber auch unter Freunden und Kollegen gab es mehr Konflikte. Im Januar und Februar in diesem Jahr hat das noch mal drastisch zugenommen. Inzwischen geht es bei jedem zweiten Anruf um Verschwörungstheorien – Tendenz steigend.

Können Sie Beispiele nennen?

Es gibt Paare, da will der eine nicht, dass der andere in der Wohnung ist, weil er ohne Mundschutz bei einer Demonstration war. Oder es geht darum, dass ein Partner nicht will, dass die Kinder in der Schule Mundschutz tragen. Sehr oft haben wir es mit 30- bis 50-Jährigen zu tun, die anrufen, weil sich ihre Eltern radikalisiert haben und bei Whatsapp oder Telegram verschwörungsnahe Videos teilen. Wir hatten auch einige Fälle, wo solche Eltern ausgewandert sind. Das sind Konflikte, die die Kinder oft in eine große Verzweiflung treiben. Das Grundmotiv bei den Betroffenen selber ist oft eine unheimliche Angst vor dem, was hier passiert und wohin unser System driftet.

Was sind das für Ängste?

Zum Beispiel, dass man zwangsgeimpft wird oder bei der Impfung ein Chip implementiert werden könnte. Bei manchen ist es die Sorge um die Einschränkung der Grundrechte. Was verrückt ist: Beide Seiten verbindet eigentlich mehr, als dass sie trennt – die Angst und außerdem die Sorge um die Demokratie. Der Angehörige hat Angst vor Corona, Verschwörungstheoretikern und einem Rechtsruck, und der Verschwörungstheoretiker hat Angst vor dem, was der Staat vermeintlich tut und einem Verlust seiner Grundrechte.

Wie versuchen Sie zu helfen?

Wir sehen uns als Brückenbauer. Wir versuchen, Verständnis für beide Seiten zu schaffen, um aus dieser Polarisierung herauszukommen, damit die Betroffenen in Kontakt bleiben. Ein Generalrezept gibt es allerdings nicht, da die Konflikte sehr individuell sein können. Manchmal brechen auch alte Konflikte in solchen Situationen wieder auf. Wir beraten nach dem Grundsatz: Verstehen ist besser als Verurteilen. Zum Verstehen gehört zum Beispiel auch, dass eine Verschwörungstheorie in einer Krise wie eine Krücke ist, die einem durch so eine schwierige Zeit hilft.

Sind Verschwörungstheoretiker mit Argumenten überhaupt zu überzeugen?

Wir alle konstruieren uns Wahrheit auf eine bestimmte Art und Weise. So werten wir etwa Argumente, die für unsere Ansicht sprechen, stärker. Das bedeutet, die andere Seite braucht noch mehr Argumente, um eine Theorie zu widerlegen. Faktengeleitete Diskussionen führen tatsächlich oft nicht weiter, deshalb raten wir, weg von der Wahr-/Falsch-Ebene zu kommen. Besser ist es, die Gefühlsebene anzusprechen, etwa mit emotionalisierenden Beispielen aus dem Umfeld. Geschichten von Menschen, die wir kennen, wirken oft überzeugender als Statistiken oder Fakten. Das kann eher zum Nachdenken bewegen.

Zeigen die Beratungsgespräche auch gefährliche Entwicklungen auf?

Radikalisierung ist bestimmt ein Thema. Aber die gefährlichere Entwicklung sehe ich im sozialen Abtauchen, wenn Begegnungen im Äußeren weniger werden. Am Anfang nehmen Verschwörungstheorien Ängste und liefern so was wie Sicherheit. Das Perfide ist, dass durch die negativen Zukunftsprognosen vieler Verschwörungstheorien wie QAnon längerfristig Ängste entstehen. Das kann zu einer tiefen Verzweiflung und depressiven Haltung bei Menschen führen. Wenn sie an diesem Punkt sind, haben sie den Kontakt zu vielen, die ihnen eigentlich helfen könnten, bereits abgebrochen.

Corona belastet die Gesellschaft sehr. Welche Folgewirkungen erwarten Sie?

Manche Menschen sehen das Glas halb voll, andere halb leer. Die, die es halb leer sehen, werden noch über eine lange Zeit mit den Folgen der Krise zu kämpfen haben. Ich bin zurückhaltend mit einer Prognose, wo das gesamtgesellschaftlich hingehen wird. Aber Krisen sind eine Chance. Auch in dieser Krise liegt das Potenzial, zu schauen, wie kann unser Miteinander besser gelingen, in welchen Bereichen müssen wir nachschärfen.

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