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KINDERSCHUTZ

Jugendhilfe hält weiter Kontakt zu Familien

Beratung und Betreuung ist derzeit nur mit enormem personellem Aufwand möglich. Ein Krisenteam hat Notfallpläne erarbeitet.

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REMSECK/ BIETIGHEIM-BISSINGEN. „Wir können nicht einfach wochenlang alles ruhen lassen“, sagt Claudia Obele. Die Vorstandsvorsitzende der Evangelischen Jugendhilfe Hochdorf berichtet im Gespräch mit unserer Zeitung, wie sich die Corona-Pandemie auf ihre Arbeit im Kinder- und Jugendschutz auswirkt. Sowohl für die Familien als auch für die Mitarbeiter täten sich aktuell eine Menge Fragen, Herausforderungen und Schwierigkeiten auf. Allen werde eine Menge abverlangt. Dies betreffe insbesondere jene Familien, die auch schon vor der Krise belastet waren, beispielsweise durch Arbeitslosigkeit, psychische Erkrankungen oder Paarkonflikte.

Dazu komme, so Claudia Obele weiter, dass Kinder und Jugendliche jetzt in ihrer Eigenständigkeit und Bewegungsfreude eingeschränkt sind und die Familien viel Zeit auf engem Raum miteinander verbringen müssen. „Eltern, Kinder und Jugendliche benötigen gerade in der gegenwärtigen Situation Ansprache, Halt und Zuversicht. Und dafür braucht es vertraute Bezugspersonen.“ Den Kontakt aufrechtzuerhalten erfordere enormen Einsatz aller Mitarbeiter.

Auf viele Fragen seien inzwischen erste Antworten gefunden worden, die wieder etwas Sicherheit geben. Alle Mitarbeiter seien nun mit Laptops ausgestattet worden, um mobiles Arbeiten möglich zu machen. Die Betreuungsformen und -kontakte habe der Verein umgestellt. Hygiene- und Abstandsregeln würden eingehalten und an die Familien vermittelt. Ein neunköpfiges Krisenteam tagte anfangs täglich. Inzwischen sind Notfallpläne erstellt. „Doch sobald wieder eine neue Verordnung kommt, müssen sie angepasst werden“, so Obele. Bisher gebe es in den Gruppen glücklicherweise noch keine Infektion. Es seien aber vorsorglich Notfallkisten gepackt worden, die Schutzkleidung enthalten. Da von übergeordneten Stellen kein Material geliefert wurde, hat die Jugendhilfe selbst diese Ausrüstung besorgt. „Die erfüllt die Anforderungen natürlich nicht, aber gibt doch ein bisschen Sicherheit“, sagt die Vorstandsvorsitzende.

In den beiden Wohngruppen in Remseck und Bietigheim-Bissingen, in denen jeweils sechs bis sieben Jugendliche untergebracht sind, gibt es strenge Regeln. Seit die Schulen geschlossen wurden, sind Besuche dort nicht erlaubt. Auch Aufenthalte bei den Eltern werden seither nicht genehmigt. Der Grund: Sollte sich ein Bewohner zu Hause infizieren, müsste er 14 Tage im Elternhaus in Quarantäne bleiben. Das sei nicht erstrebenswert, so Obele. Die Wohngruppe gelte glücklicherweise als Familie. Das heißt: Während der Kontaktsperre dürfen Bewohner und Betreuer gemeinsam unterwegs sein. Normalerweise haben die Mitarbeiter am Vormittag, wenn die Kinder in der Schule sind, Pause. Jetzt muss rund um die Uhr jemand da sein. „Noch ist die Stimmung gut, alle machen das Beste draus“, versichert Obele. Und die meisten Eltern seien dankbar, dass sich die Jugendhilfe auch in der Coronakrise so gut um ihre Sprösslinge kümmert.

Der größte Arbeitsbereich der Jugendhilfe ist die sozialpädagogische Familienhilfe, auch flexible Hilfe genannt. Rund 25 Mitarbeiter kümmern sich hier um etwa 120 Familien aus dem gesamten Kreis Ludwigsburg. Hier hat sich am meisten verändert, denn die üblichen Hausbesuche sollen nicht mehr stattfinden. Jetzt wird gescypt, es gibt Videoangebote, Zoommeetings und vieles mehr. „Die Kunst ist es, an den Kindern dranzubleiben. Die Mitarbeiter müssen ein Gefühl dafür entwickeln, was in den Familien jetzt abläuft, ohne dort zu sein“, erklärt Obele. Oft seien die Wohnverhältnisse beengt, den Kindern fehlten die gewohnten erwachsenen Ansprechpartner. Da nähmen die Spannungen schnell zu. „Wir müssen es irgendwie mitkriegen, wenn etwas schiefläuft.“ Sollte das Kindeswohl in Gefahr sein, könne der Notdienst des Kreisjugendamtes eingeschaltet werden.

Am wenigsten geändert hat sich die Arbeit in der Tagesgruppe in Bietigheim-Bissingen, die neun Kinder nachmittags besuchen. „Auf Sicherheitsabstand und Einhaltung der Hygieneregeln wird bei diesem pädagogisch-therapeutischen Förderangebot natürlich geachtet“, sagt Claudia Obele. Und das funktioniere. Soziale Gruppenarbeit kann dagegen derzeit überhaupt nicht stattfinden. Jetzt gibt es nur noch Einzelbetreuung. „Ein brutaler Personalaufwand“, beschreibt Claudia Obele die Situation. Die Mitarbeiter telefonieren mit den Kindern oder treffen sich mit ihnen im Freien.

Die Vorstandsvorsitzende der Jugendhilfe hofft, dass der Landkreis das Engagement der Mitarbeiter honoriert und weiter die Hilfsangebote des Vereins finanziert – auch wenn manche Angebote derzeit reduziert sind und einige Familien nicht im gewohnten Umfang erreicht werden können.

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