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Corona

Kliniken über der Belastungsgrenze

RKH muss wegen der vielen Covid-Patienten Operationen im großen Stil absagen und Versorgungsstandards senken

Krisenalarm auch in den Krankenhäusern in Ludwigsburg und Bietigheim: Die gewohnten Standards der medizinischen Versorgung sind nicht mehr durchgängig zu halten. Foto: Sebastian Gollnow/dpa
Krisenalarm auch in den Krankenhäusern in Ludwigsburg und Bietigheim: Die gewohnten Standards der medizinischen Versorgung sind nicht mehr durchgängig zu halten. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Kreis Ludwigsburg. Die Lage an den Krankenhäusern spitzt sich auch im Landkreis dramatisch zu. „Wir befinden uns in einer Situation, in die wir nie kommen wollten“, sagt der Geschäftsführer der Regionalen Kliniken-Holding RKH, Professor Jörg Martin. Angesichts der zuletzt stark gewachsenen Zahl der Coronapatienten sowohl auf den Normal- als auch auf den Intensivstationen müssen in Ludwigsburg und Bietigheim wieder viele Operationen abgesagt werden; für Patienten, die akut behandelt werden müssen, ist das gewohnte Niveau der medizinischen Versorgung nicht mehr durchgängig gesichert: „Eine Priorisierung wird wahrscheinlich. Wir werden überlegen müssen, wen wir zwingend auf die Intensivstation legen müssen und wen wir auch anders optimal behandeln können“, erläutert der Chef des RKH-Krisenstabs, Dr. Stefan Weiß.

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„Die Schritte der Politik reichen nicht, um die Welle zu brechen. Meine Hoffnung ist ein Lockdown der Vernünftigen.“

Jörg Martin
RKH-Geschäftsführer

Zugleich unterstreicht er, dass eine Priorisierung nicht mit der vielzitierten Triage zu verwechseln sei: Von einer Triage spreche man, wenn überforderte Rettungskräfte im Katastrophenfall Patienten ohne Überlebenschance nicht mehr behandeln können, weil sie Patienten mit besserer Aussicht retten müssen. Eine solche Situation sei aber trotz der extrem angespannten Lage auf den Intensivstationen auch in Ludwigsburg und Bietigheim nicht zu befürchten: „Wir werden alle versorgen können, wenngleich nicht immer auf dem gewohnten Level.“ So werden jetzt einzelne Intensivpatienten, die nicht mit Corona infiziert sind, auf die Intensivstation der Orthopädischen Klinik verlegt.

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„Wenn unsere Stationen mit Covid-19-Patienten volllaufen, geht das an allen anderen Patienten ‘runter.“

Götz Geldner

„Wenn unsere Stationen mit Covid-Patienten volllaufen, geht das an allen anderen ‘runter“, stöhnt Professor Götz Geldner. Der Ludwigsburger Intensivchef, der auch die Intensivkapazitäten im Land steuert, bestätigte, dass erstmals Patienten aus Baden-Württemberg – konkret aus Pforzheim und Langensteinbach – nach Rheinland-Pfalz und damit in ein anderes Bundesland verlegt werden mussten. Die Logik, dass hohe Corona-Fallzahlen immer auch zulasten aller übrigen Kranken gingen, gelte keineswegs nur für die Intensiv-, sondern auch für die Normalstationen, so Geldner.

Und die sprunghaft steigende Zahl der Neuinfektionen schlägt jetzt auch voll auf die Krankenhäuser durch: Lagen in den fünf RKH-Kliniken in den Landkreisen Ludwigsburg, Karlsruhe und Enz, die aktuell Covid-Stationen unterhalten, am Donnerstag insgesamt 109 Coronapatienten, so waren es noch eine Woche zuvor „nur“ 75 – ein Plus von 45 Prozent. In Ludwigsburg und Bietigheim ist auf den Covid-Normalstationen derzeit zwar noch etwas Luft, am Donnerstag war etwa die Hälfte der verfügbaren Betten belegt. Dagegen wird es auf den Intensivstationen extrem eng: In Bietigheim waren am Donnerstagvormittag alle 13 Intensivbetten belegt, in Ludwigsburg waren nur noch drei von 49 frei. Dabei, so Geldner, werde in beiden Häusern inzwischen die Hälfte aller Beatmungsplätze von Covid-19-Patienten beansprucht. Das entspreche den Höchstwerten der vorangegangenen Wellen. Diesmal aber sei eindeutig noch ein weiterer Anstieg zu erwarten. Geldner: „Wir sehen derzeit kein Licht am Ende des Tunnels!“

Tatsächlich sind die Prognosen für ganz Baden-Württemberg düster, für den 8. Dezember sagt die Universität Freiburg einen landesweiten Bedarf für Coronapatienten von landesweit 1100 Normal- und 700 Intensivbetten voraus. Die neuesten Infektionszahlen ließen allenfalls auf eine Verlangsamung des Infektionsgeschehens hoffen, sagt Stefan Weiß: „Wir könnten vom exponentiellen in ein lineares Wachstum kommen“, hofft er. Ein Abebben der vierten Welle sei aber nicht in Sicht. Das liege auch daran, dass die „Impfkurve immer noch nicht schnell genug ansteigt“, macht Weiß deutlich. Dabei gelte, so Jörg Martin: „Die vierte Welle ist weiterhin die Pandemie der Ungeimpften“ – vor allem im Blick auf schwere und schwerste Verläufe. In Ludwigsburg etwa war am Donnerstag von 20 Corona-Intensivpatienten nur einer geimpft – der allerdings mit dem hierzulande als wenig effektiv geltenden chinesischen Vakzin Sinovac. Möglichen Impfdurchbrüchen in den eigenen Reihen will die RKH rechtzeitig auf die Spur kommen, indem sie schon seit einiger Zeit nicht nur ihr ungeimpftes, sondern auch ihr geimpftes Personal regelmäßig testet.

Doch nicht wegen möglicher Durchbrüche, sondern weil Neugeimpfte erst sechs bis acht Wochen nach der ersten Dosis bestmöglich geschützt sind, werde die Krise noch mindestens bis Jahresende fortdauern, warnen die RKH-Spitzenleute. Zudem habe das „Kommunikationsversagen“ von Noch-Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) den „hochwirksamen“ Impfstoff Moderna „zum neuen Astrazeneca gemacht“, schimpft Jörg Martin. Eigentlich hält der RKH-Chef zum Brechen der vierten Welle und zum Schutz der Krankenhäuser einen weiteren Lockdown für zwingend nötig. „Doch von der Politik sind momentan keine mutigen Schritte zu erwarten“, sagt er. „Meine Hoffnung ist ein freiwilliger Lockdown der Vernünftigen!“

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