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Marcus Meyn, Sänger der Bietigheimer Band „Camouflage“ über Erfolg und Misserfolg

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Die erste und die Letzte Platte: „Voices&Images“ (links), „Greyscale“ (rechts). Foto: Holm Wolschendorf
Die erste und die Letzte Platte: „Voices&Images“ (links), „Greyscale“ (rechts). Foto: Holm Wolschendorf
Der Sänger der Bietigheimer Band „Camouflage“ über Erfolg und Misserfolg, warum er immer ein Mensch mit Bodenhaftung blieb und warum er von Berlin wieder nach Stuttgart zog.

Bietigheim-Bissingen. Noch heute laufen ihre beiden Hits „The Great Commandment“ und „Love is a shield“ mehrmals täglich in vielen Radioprogrammen, doch um die Bietigheimer Band „Camouflage“ ist es ruhig geworden. Das soll nicht so bleiben, wie Sänger Marcus Meyn im Gespräch verrät. „Wir sind am Diskutieren, wie es im kommenden Jahr weitergehen könnte.“

Offiziell hat sich die Band nie aufgelöst und so können Marcus Meyn, Oliver Kreyssig und Heiko Maile 2023 tatsächlich ihr 40-jähriges Bestehen feiern, wenn auch vielleicht anders, als damals gedacht, als die ursprünglich vier Jungs ihre Karriere starteten. Sie sind heute keine weltweit gefeierten Popstars, sondern stehen alle mit beiden Beinen fest im Berufsleben – und machen nebenher Musik. Das aber dafür mit voller Leidenschaft.

Angefangen hat alles in Bietigheim. Oli und Marcus gehen gemeinsam bis zur achten Klasse ins Ellental-Gymnasium, Heiko lernt Marcus bei einer CVJM-Ritterfreizeit kennen und über ihn trifft Marcus wieder auf den alten Sandkastenfreund Martin. Auf einer Modenschau zur Eröffnung des Buch-Zentrums erzählen die drei Marcus, dass sie eine Band gründen wollen. „Da gibt es noch ein Bild von den Jungs auf dem Laufsteg mit Badehose, das war so witzig“, erinnert sich der heute 55-jährige Meyn. Im jugendlichen Sturm und Drang beschließt der 17-Jährige: „Da mache ich mit“. Der Schüler jobbt sechs Wochen lang und kauft sich einen Synthesizer, den eigentlich gewünschten Schlagzeugcomputer hatte Oli schon. Alle vier haben rein gar nichts mit Musik am Hut, treffen sich aber trotzdem voller Begeisterung für elektronische Popmusik – es ist die Zeit von Depeche Mode oder Kraftwerk – im September 1983 zum ersten Mal zum Musik machen. Meyn probiert auf dem Synthesizer herum, schreibt die ersten Songs. „Das kam irgendwie einfach so.“ Der erste Bandname „Licenced Technology“ überzeugt noch nicht, sie entscheiden sich für „Camouflage“ – „der Name lässt sich gut aussprechen und bedeutet Maskerade, Tarnung, das gefiel uns“, so Meyn. Das erste Konzert bei den Segelfliegern in Bietigheim geht gerade noch so über die Bühne, das nächste in der Halle des Gymnasiums bezeichnet Meyn als „Katastrophe“.

Camouflage hat sich nie aufgelöst

Kassetten ebnen dennoch den Weg zu einer Plattenfirma in Darmstadt, wo die Band „Great Commandment“ präsentiert. „Wir dachten, dass das der Song ist, der sich am besten kommerziell vermarkten lässt.“ Sie sollen recht behalten: Ein Amerikaner, der zur gleichen Zeit im Studio ist, kommentiert, „Das ist ein Hit.“ Doch ein Jahr lang tut sich nichts, die Promoterin und spätere Managerin wartet auf den richtigen Zeitpunkt. „Wir waren furchtbar unglücklich, weil nichts passierte.“ Marcus Meyn geht weiter aufs Gymnasium – „da legte meine Mutter Wert darauf“ – , die anderen machen ihre Ausbildung. Der perfekte Moment ist die Fernsehsendung „Spruchreif“ sonntagmorgens, wo die Band live auftritt. Danach zündet die Single durch. „Das war total strange, ich war tagelang nicht in der Schule, weil wir Auftritte hatten“, erinnert sich Meyn. Die Band nimmt die erste Platte auf, Meyn macht Abitur. „Wir waren total gesittet, Party war ohnehin nie mein Ding, aber es war schon irgendwie wie Alice im Wunderland: Am Wochenende war man Popstar, und unter der Woche einer von tausenden Schülern.“

Das erste Album „Voices & Images“ wird in 27 Ländern veröffentlicht, die Band macht sich an die Nachfolgeplatte, die natürlich nie wieder so locker entsteht wie die erste. Zum Glück gibt es „Love is a shield“, das Heiko eigentlich für eine andere Band geschrieben hatte, die es aber nicht wollte. Auf Promoreise in Amerika schreibt Meyn in einem Hotelzimmer den Chorus und kreiert den Titel: Im Fernsehen läuft ein Film mit Ernest Borgnine, der sagt: „But you know, love is a shield.“ Der Ursprungssong steht, wird aber für das Albun aufgrund von Textfehlern nochmal neu aufgenommen, weshalb es eine Single- und eine Album-Version gibt. Wiederum ein Amerikaner prophezeit: Das wird kein Hit, weil das Lied nicht Schema F entspricht. In Europa schlägt der Song aber ein, ist sogar erfolgreicher als „The Great Commandment“.

Schon während der Produktion des zweiten Albums kommt es zu Spannungen, 1989 verlässt Oli die Band. „Fatalerweise orientierten wir uns danach musikalisch um“, erinnert sich Meyn. Die dritte Platte ist akustischer angelegt und sehr teuer, kommt aber nicht an. Es fängt an, schwierig zu werden. Heiko und Meyn ziehen nach Hamburg, schreiben den Song „Suspicious love“, der zwar europaweit auf MTV rauf und runter gespielt wird, aber von der Plattenfirma nicht promotet wird – die haben inzwischen die schwedische Band „Ace of Base“ zu ihrem Liebling erkoren.

Nach dem Erfolg kam der Abstieg

Der Abstieg ist unaufhaltsam: Keine Live-Auftritte, keine Amerika-Tour – „die lehnten wir ab, weil wir zu verwöhnt waren“, – auch das Engagement des Musikmanagers Andreas Bär Läsker, der sich der Band angenommen hat, bringt nichts mehr. Nach dem Misserfolg der vierten Platte wird das Leben in Hamburg ungemütlich. Es gibt keinen neuen Plattenvertrag, auch das fünfte Album floppt, das zuvor verdiente Geld geht zu Neige. „Wir hatten keinen Welthit wie „Lemon Tree“, der uns finanzierte“, erklärt Meyn. Er heiratet, bekommt eine Tochter, kommt zurück nach Stuttgart, wo er bei Jonny M. jobbt und sich bei Pur-Mitglied Ingo Reidl rechtfertigen muss, warum er in der Badmintonhalle Schläger austeilt. „Das war schon krass, aber ich schäme mich nicht dafür. Wenn man sich nicht aufgibt, ergibt sich immer eine andere Möglichkeit“, weiß der heute 55-Jährige. Und sie kommt erneut in Gestalt von Andreas Bär Läsker, der Meyn als Produktmanager anstellt – sein 30. Geburtstag ist sein erster Tag als Angestellter. „Ich hatte keine Ahnung, was ich da tun sollte, aber ich hörte zu und lernte.“ Es gelingt, den nach seinen Worten bis dato Nicht-Hit „Anna“ der Band Freundeskreis zu einem Hit zu machen. Die Welt ist wieder in Ordnung, auch Heiko kommt zurück nach Stuttgart, die Band startet den nächsten Anlauf mit „Thief“ und findet auch eine Plattenfirma. Doch die machen den Song kaputt, so Meyn, weil sie ihn unbedingt im 80er-Jahre Sound performt haben wollen. Mit neuer Plattenfirma bekommt der Song den von Camouflage gewollten modernen Schliff – im Stil von Madonnas „Frozen“ – und wird 2003 auf dem nächsten gemeinsamen Album „Sensor“ zum Hit. Hohe Charts-Platzierungen, eine Tournee – „Sensor“ bringt den Erfolg zurück – neben dem normalen Joballtag. „Es war einfach toll, in Buenos Aires vor 1000 Leuten zu spielen und die Leute feiern zu sehen wegen unserer Musik. Das macht einen demütig und glücklich“, so Meyn. Natürlich hoffe man weiter auf den großen Hit, aber das sei dennoch sekundär.

Scheidung und Jobwechsel bringen Marcus Meyn nach Berlin, wo er schon immer hinwollte. Ein Büro bei Sony mit Blick auf den Potsdamer Platz und eine Wohnung in Prenzlauer Berg, eine neue Liebe und zwei Kinder festigen ihn. Die Familie zieht an den Stadtrand, alles scheint perfekt. Doch beim Zusammenschluss von Sony mit BMG gerät Meyn unter die Räder und muss sich beruflich nochmals umorientieren. Seitdem arbeitet er in der Baubranche im Breitbandausbau im Südwesten, war nur noch am Wochenende in Berlin. 2015 erscheint das vorerst letzte Album „Greyscale“ von Camouflage, die Band legt sich selbst sozusagen still. „Jeder hat sein eigenes Leben und das Leben ist voll“, begründet Meyn, der aber das Musikmachen nicht sein lassen will und die Band „M.I.N.E“ gründet. In jüngster Zeit nähern sich die Drei von Camouflage jedoch wieder an, wollen in irgendeiner Form wieder etwas machen. „Wir wissen noch nicht was, aber wir wissen, dass wir wollen.“

Der Rummel fehlt Marcus Meyn nicht

Seit 2020 wohnt Meyn zudem mit seiner Familie wieder in Stuttgart. Seine Frau bekam ein Jobangebot in Stuttgart, die beiden Kinder fanden die Tatsache, dass der Vater wieder jeden Abend zuhause sein könnte, so toll, dass sie sich alle gegen Berlin und für Stuttgart entschieden – und das im Alter von 13 und 16 Jahren, was keine Selbstverständlichkeit ist. „Wir bekamen nochmal eine neue Chance als Familie“, sagt Meyn. Und alle seien total happy in Stuttgart. Im Westen haben sie eine Traumwohnung gefunden, alles sei fußläufig zu erreichen. Seine Frau hat einen kurzen Arbeitsweg, alles funktioniere. „Wenn es jetzt mit der Musik irgendwann wieder losgeht, ist es perfekt“, freut sich Meyn.

Der Popstar-Rummel fehlt dem 55-Jährigen indes nicht. Natürlich freut er sich, wenn ein Lied von Camouflage im Radio läuft und singt auch mal mit, aber ganz ohne Wehmut. Ganz im Gegenteil: Jedes Mal verdient er über die Tantiemen Geld. Auch wenn er davon nicht leben will. „Wenn ich sehe, wovon eine Friseurin leben muss, dann kann man schon von Tantiemen leben, aber ob man das will?“ Da Camouflage nie einen Welthit hatte, sei man auch nie im Geld geschwommen, womit Meyn auch erklärt, warum alle Bandmitglieder nie die Bodenhaftung verloren hätten.

„Ich habe mit ganz normalen Menschen zu tun und bin auch selbst ein ganz normaler Mensch, der jeden Tag alles gibt und versucht, das Beste daraus zu machen.“