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Literatur
Martin Walser in Marbach: Ein Fixstern im Himmel des Archivs

Martin Walser kommt nach Marbach, begrüßt von... Fotos: Holm Wolschendorf
Martin Walser kommt nach Marbach, begrüßt von... Fotos: Holm Wolschendorf
und Direktorin Sandra Richter. Fotos: Holm Wolschendorf
und Direktorin Sandra Richter. Fotos: Holm Wolschendorf
...Staatssekretärin Petra Olschowski... Fotos: Holm Wolschendorf
...Staatssekretärin Petra Olschowski... Fotos: Holm Wolschendorf
Die Übergabe des Martin-Walser-Archivs am DLA wird groß gefeiert, viel Prominenz ist anwesend, nicht zuletzt der Schriftsteller persönlich. Über den Preis des Vorlasses wurde indes wie so oft Stillschweigen vereinbart.

Marbach. Schwarze Limousinen vor der Zufahrt zum Hof vor dem Nationalmuseum signalisieren: Dies ist ein Staatsempfang. Der Anlass: Martin Walser hat entschieden, seinen umfangreichen literarischen Vorlass den Beständen des Deutschen Literaturarchivs Marbach (DLA) anzugliedern. Derartige Menschenmengen hat die Schillerhöhe lange nicht gesehen. Der Tagungsbereich des Archivgebäudes platzt aus allen Nähten, doch die Feierstunde verzögert sich noch und DLADirektorin Sandra Richter bittet um etwas Geduld: Der Ehrengast, der am 27. März seinen 95. Geburtstag gefeiert hat, sei angesichts der hochsommerlichen Witterung nicht ganz so schnell unterwegs. Eine halbe Stunde später ist es dann so weit: Im Rollstuhl wird Walser hereingefahren, lächelnd nimmt er den Applaus entgegen.

Der Grund für die Verspätung lässt sich später den Abendnachrichten entnehmen: Die Kameras der ARD hatten den Tross um Walser auf dem Weg abgepasst. Aber auch er selbst habe sich in Geduld geübt: „Ich habe längere Zeit auf diesen Tag und diesen Augenblick gewartet“, wird der 1927 in Wasserburg geborene Autor am Ende der Veranstaltung erklären. Dass sein Archiv nun hier in Marbach bewahrt und erschlossen wird, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Schiller, Hölderlin, Kafka, Hesse und Heidegger, scheint Walser jedenfalls mit spürbarer Genugtuung zu erfüllen. Wie sehr ihm diese Perspektive behagt und wie sehr sie für ihn mit der Person von Sandra Richter verbunden ist, daran lässt er keine Zweifel aufkommen. Umgekehrt wird damit auch deutlich, wie groß Richters persönlicher Anteil mit der ihr eigenen Mischung aus Kompetenz, Charme und Zielstrebigkeit am Gelingen des Unterfangens gewesen sein muss. Zweifellos werde sich dieser Bestand als „neuer Fixstern im unterirdischen Himmel“ erweisen, so Richter in Anlehnung an eine Formulierung Walsers: Der hatte die Marbacher Institution einst unter dem Rubrum „Der unterirdische Himmel“ so charakterisiert: „Das Archiv ist seine Kirche.“

25000 Seiten in 75 Tagebüchern

Dort ist Walser, der mit Büchern wie „Ein fliehendes Pferd“ (1978) oder „Tod eines Kritikers“ (2002) zu den bekanntesten deutschen Schriftstellern zählt, nun also noch zu Lebzeiten angekommen. Finanziell ermöglicht wurde diese „wichtige Erwerbung für die Literatur- und Zeitgeschichte des Landes“, so Staatssekretärin Petra Olschowski in ihrem Grußwort, mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder, der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg, des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands und der Sparkassen-Finanzgruppe Baden-Württemberg und des Zweckverbands Oberschwäbische Elektrizitätswerke. Über die konkrete Summe haben die Beteiligten hingegen Stillschweigen vereinbart.

Ulrich von Bülow, Leiter der Abteilung Archiv am DLA, und DLA-Mitarbeiterin Dorit Krusche gaben mittels einiger Fundstücke aus dem Vorlass Einblick in ihr neustes Luxusproblem: Bereits die Manuskripte der Romane beanspruchen einigen Raum, sagt von Bülow, und zeigt einen Turm gestapelter Papiere: 1200 handschriftliche Seiten umfasst das Manuskript zu Walsers 1985 erschienenem Roman „Brandung“, in dem er Helmut und Sabine Halm, die Protagonisten aus „Ein fliehendes Pferd“, vom Bodensee nach Kalifornien transferiert. Rund 25000 Seiten warten in den 75 Tagebüchern auf ihre nähere Erschließung: Seit 1958 entstanden, sind sie ein „wichtiges Arbeitsmittel“ (von Bülow) für Walser: „Sammelbecken, Spielwiese, Speicher für alles Mögliche.“ Zudem umfasst die Neuerwerbung Korrespondenzen mit Ruth Klüger, Arno Schmidt oder seinem Verleger Siegfried Unseld.

Mit Mut und Leidenschaft den Debatten gestellt

Petra Olschowski würdigte Walser als „zentrale Figur der Gegenwartsliteratur“ und als „suchenden, manchmal hadernden Chronisten der Bundesrepublik Deutschland“, Markus Hilgert, Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder, als „einen der prägendsten Schriftsteller der Nachkriegsliteratur“, der sich stets „mit Mut und Leidenschaft“ den literarischen und politischen Debatten der Zeit gestellt habe. Ein besonderes Gepräge erhielt die Feststunde dadurch, dass Franziska Walser, Martin Walsers älteste Tochter, mit ihrem Mann Edgar Selge und dem gemeinsamen Sohn Jakob Walser dem Geehrten ihre ausgebildeten Schauspielerstimmen liehen. Eine große Martin-Walser-Ausstellung sei für 2027 geplant, der Vorlass soll bis dahin erschlossen und in einer Datenbank erfasst sein.