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Statistik

Mehr Covid-19-Tote als Grippeopfer

Welche Virusinfektion ist gefährlicher? Seit Beginn der Coronapandemie heißt es nicht nur in den Sozialen Medien, dass die Grippe doch viel gefährlicher sei als Covid-19. Klar ist, dass die Zahlen bei Covid-19 im Landkreis deutlich höher sind. Bis zum 12. Mai forderte die Pandemie 66 Todesopfer, die Grippe drei. Wir haben mit dem Gesundheitsamt und Dr. Carola Maitra, Vorsitzende der Ärzteschaft im Kreis Ludwigsburg, Antworten auf die wichtigsten Fragen zusammengestellt.

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Kreis Ludwigsburg. Was ist der Unterschied zwischen Grippe und Covid-19?

Sowohl die echte Influenza wie auch Covid-19, also die Erkrankung durch eine Infektion mit dem neuen Coronavirus SARS-CoV2, sind Viruserkrankungen, wobei im Vergleich zu den wenigen Gattungen der Grippeviren die Gruppe aller Coronaviren vielgestaltiger ist. Sowohl die Influenza wie Covid-19 führen beim Menschen zu Symptomen mit einer Beeinträchtigung des oberen Lufttraktes. Der hauptsächliche Unterschied liegt darin, dass wir bereits seit vielen Jahren und Generationen über Erfahrungen mit der Grippe verfügen, wohingegen das Immunsystem der Menschheit gegenüber Covid-19 völlig unerfahren ist.

Wie werden die beiden Krankheiten übertragen?

Die hauptsächliche Übertragung erfolgt durch eine Tröpfcheninfektion, weiterhin ist die Übertragung durch Aerosole und kontaminierte Flächen möglich. Bei einer Influenza werden oft schon vor der Ausprägung von Symptomen weitere Menschen angesteckt.

Wie schnell breiten sich die beiden Krankheiten aus?

Beide Erkrankungen sind relativ ansteckend. Sowohl die Influenza wie auch Covid-19 breiten sich nach entsprechendem Kontakt und der Aufnahme einer ausreichenden Anzahl von Viruspartikeln in der nicht erkrankten Bevölkerung schnell aus.

Wie sehen die Präventionsmaßnahmen aus?

Als wichtigste Präventionsmaßnahme ist die Vermeidung größerer Menschenansammlungen beziehungsweise ein ausreichend großer Abstand von 1,5 Metern zu nennen. Von besonderer Wichtigkeit ist darüber hinaus die Einhaltung der Nies- und Hustenetikette und das häufige Händewaschen. Die jetzige Verordnung des Tragens von Schutzmasken ist nicht unumstritten und ist eher als Fremdschutz zu verstehen.

Wie ist die Ansteckungsrate?

Die Ansteckungsrate ist, wie eine Vielzahl weiterer Kennzahlen, nicht genau zu bestimmen. Die Erkrankungen durch das neue Coronavirus sind noch in vielen Bereichen nicht ausreichend erforscht, genauere Zahlen werden erst in den kommenden Monaten zu erlangen sein. Von besonderer Schwierigkeit ist der Umstand, dass nur ein geringer Teil der Erkrankten erfasst wird und auch davon auszugehen ist, dass ein großer Teil infizierter Menschen symptomfrei bleibt und deshalb ebenfalls nicht erfasst wird (Dunkelziffer).

. Wie ist der Krankheitsverlauf?

Der Krankheitsverlauf ist stark variabel und kann nicht einheitlich geschildert werden. Der überwiegende Teil der Infizierten weist nur geringe Symptome auf. Nur wenige Erkrankte zeigen starke und nur ein sehr geringer Anteil lebensbedrohliche Symptome. Nach Angaben des Robert-Koch-Institutes ist von einer Inkubationszeit von fünf bis sechs Tagen auszugehen, wobei Patienten bereits zwei bis drei Tage vor Krankheitsbeginn infektiös sind. Die Erkrankung dauert in den meisten Fällen ein bis zwei Wochen, schwere Verläufe zeichnen sich meist nach der ersten Woche ab. Ein Keimnachweis kann teilweise länger möglich sein. Nach derzeitigem Stand ist davon auszugehen, dass die Erkrankung eine Immunität hinterlässt, wobei deren Dauer derzeit noch völlig offen ist. Die Antikörperuntersuchung im Blut ist derzeit noch unsicher.

Welches sind die Risikogruppen?

Als Risikogruppen für schwere Verläufe gelten insbesondere ältere Männer über 85 Jahren mit mehr als drei chronischen Erkrankungen. Vor allem Erkrankungen der Atemwege, aber auch Herz- und Kreislauferkrankungen, Erkrankungen, die mit einer Immunschwäche einhergehen, aber auch deutliche Übergewichtigkeit sind als weitere Risikofaktoren zu nennen.

. Welche Rolle spielen bei der Übertragung die Kinder?

Nach jetzigem Kenntnisstand haben Kinder sehr häufig einen asymptomatischen Krankheitsverlauf und sind bei der Erkrankung auch deutlich weniger schwer betroffen. Gerade deshalb ist es aber problematisch, dass Kinder ja auch als Überträger andere Menschen infizieren können.

. Welche Behandlungsmethoden gibt es für Erkrankte?

Derzeit gibt es trotz intensiver Forschungen noch keine gesicherten Behandlungsmethoden, die die Covid-Erkrankung kausal behandeln könnten. Es werden eine Vielzahl verschiedener Substanzen in Studien untersucht, zum Beispiel antivirale Substanzen, Malariamittel, bestimmte Antibiotika. Die derzeitige Therapie orientiert an der Schwere der Symptome und reicht von der rein unterstützenden Behandlung bis hin zu künstlicher Beatmung und dem Einsatz künstlicher Lungensysteme. Bei Influenza hingegen gibt es sowohl schützende Impfungen als auch antivirale Medikamente.

. Ist die Grippe denn gefährlicher als Covid-19?

Diese Frage wird erst in einigen Jahren abschließend zu beantworten sein, da derzeit das vollständige Ausmaß der Covid-19-Erkrankung bei weitem noch nicht erfasst ist. Nach derzeitigem Stand ist wohl davon auszugehen, dass die normale saisonale Grippe nicht gefährlicher als die Covid-19-Erkrankung ist, die deutlich seltener auftretende pandemische Grippe (bekannt als zum Beispiel die „Spanische Grippe“ 1918/19) aber durchaus eine höhere Anzahl von Opfern hinterließ – wozu allerdings eine Vielzahl weiterer Faktoren beitrug.

. Häufig wird argumentiert, dass die Grippe rund 25 000 Tote im vergangenen Jahr gefordert hat, Corona in diesem Jahr bislang mehr als 7700 in ganz Deutschland. Ist Covid-19 damit nicht viel harmloser?

Die Zahl der 25.000 Toten im Jahr 2018/2019 ist eine Schätzung auf der Basis der sogenannten Exzessmortalität, welcher die Häufung der Sterblichkeit in den Grippemonaten gegenüber den Sommermonaten zugrunde liegt. Es ist davon auszugehen, dass die Anzahl der verstorbenen Patientinnen und Patienten, die mit dem Coronavirus infiziert waren, derzeit eher genauer erfasst wird. Etliche Kritiker betonen allerdings, dass in der Erfassung derzeit kein Unterschied besteht, ob ein Mensch durch die Corona-Infektion verstarb oder diese nur begleitend festgestellt wurde. Die Sterblichkeit muss bei beiden Erkrankungen in Bezug auf die Häufigkeit der Erkrankung selbst gestellt werden. Nach jetzigem Kenntnisstand scheint es so, als sei Covid-19 geringgradig bedrohlicher als die saisonale Grippe.

Wie sieht es im Kreis Ludwigsburg aus?

In der jetzt zu Ende gehenden Saison 2019/2020 hatten wir im Landkreis 1277 gemeldete Influenzafälle, die von einem Labor bestätigt wurde.

Wie hoch ist dabei die Dunkelziffer?

Die Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) am Robert-Koch-Institut geht von einer Dunkelziffer vom 20-fachen aus, bei den Personen, die wegen einer Grippe den Arzt aufsuchen. Das wären etwa 25.000 klinisch, also mit behandlungsbedürftigen Symptomen, Erkrankte. Wie hoch die tatsächliche Dunkelziffer ist, bleibt Spekulation. Bei Covid-19 geht man von einer Dunkelziffer von zehn aus.

Wie viele gemeldete Todesfälle hat es gegeben?

Bei der Influenza hat es in der Saison vom 16. .November 2018 bis 15. Mai 2019 zwei gemeldete Todesfälle gegeben. In der laufenden Grippesaison vom 9. Oktober 2019 bis 12. Mai 2020 gab es bislang drei gemeldete Todesfälle. Bei Covid-19 waren es bis zum 12. Mai insgesamt 66 Tote.

. Wie war der Grippeverlauf in diesem Jahr bisher?

Nach Angaben des Robert-Koch-Institutes und den bis jetzt vorliegenden Zahlen war der Grippeverlauf des Jahres 2019/2020 an der Erkrankungsanzahl ähnlich wie in den Vorjahren. Auffällig war die um etwa drei Wochen kürzere Dauer der Grippezeit sowie das abrupte Absinken der Erkrankungen, die mit den Eindämmungsmaßnahmen im Zusammenhang mit der Covid-19-Erkrankung in Verbindung gebracht wird.

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