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Corona

Mehr Fälle, kaum schwere Verläufe

Corona-Fallzahlen und Sieben-Tage-Inzidenz sind im Kreis so hoch wie seit Ende April nicht mehr. Trotzdem liegt derzeit nur ein Covid-19-Patient im Ludwigsburger Klinikum. „Wir haben es aktuell offenbar überwiegend mit symptomfreien oder leichten Verläufen zu tun“, konstatiert die Medizinerin Sabine Gfrörer.

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Ein Laborant befüllt zur Diagnostik eine Zentrifuge mit Probenröhrchen. Stand lange Zahl und Verlässlichkeit der Coronatests zur Debatte, so rückt jetzt die Frage ins Zentrum, wie lange das Virus infektiös ist.Foto: Felix Kästle/dpa
Ein Laborant befüllt zur Diagnostik eine Zentrifuge mit Probenröhrchen. Stand lange Zahl und Verlässlichkeit der Coronatests zur Debatte, so rückt jetzt die Frage ins Zentrum, wie lange das Virus infektiös ist. Foto: Felix Kästle/dpa
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Kreis Ludwigsburg. Angetrieben vornehmlich durch Reiserückkehrer, gehen die Corona-Fallzahlen im Kreis seit Ferienbeginn steil nach oben: 117 Neuinfektionen wurden dem Gesundheitsamt, Stand Donnerstagabend, allein in den letzten sieben Tagen gemeldet. Doch ins Krankenhaus müssen aktuell die wenigsten der positiv getesteten Personen. Lediglich vier Coronapatienten lagen am Freitag in einem der neun Krankenhäuser der Regionalen Kliniken-Holding RKH in den Landkreisen Ludwigsburg, Karlsruhe und Enz. Nur ein älterer Patient, bei dem es sich um keinen Reiserückkehrer handelt, wird derzeit stationär im RKH-Coronazentrum Ost, dem Ludwigsburger Klinikum, behandelt – mit günstigen Prognosen. Bei Coronapatienten aus dem Kreis Ludwigsburg hat es seit Mitte Mai keine Todesfälle mehr gegeben.

Offenbar brächten gegenwärtig vor allem Urlauber, die zu keiner Risikogruppe gehören, das Coronavirus mit nach Hause, mutmaßt Dr. Sabine Gfrörer, Leitdende RKH-Ärztin für Klinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene. Als Beispiel nennt sie einen 19-jährigen Kroatien-Rückkehrer, der aus anderem Grund symptomfrei im Krankenhaus Mühlacker aufgenommen und erst dort positiv getestet wurde. Für Gfrörer gibt es vor allem zwei Erklärungen für die Schere, die sich zwischen dem Anstieg der Infiziertenzahlen und den wenigen, schweren Krankheitsverläufen zu öffnen scheint: Zum einen gehören die meisten Urlauber, die – wie Familien mit schulpflichtigen Kindern – in der Hauptsaison verreisen, eben wohl keiner typischen Risikogruppe an. Und zum zweiten passten Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen, die im Frühjahr das Gros der Schwerkranken und Coronatoten stellten, inzwischen einfach besser auf sich auf.

Hinzu kommt die deutlich höhere Zahl der Tests, durch die die Dunkelziffer nicht erkannter Infizierter sinkt. Vermutlich kann die Sterblichkeitsrate von Coronapatienten daher in absehbarer Zeit gegenüber den bisherigen, vor allem auf den vielen Toten der ersten Welle basierenden Annahmen, gesenkt werden.

Dennoch bleibt für Gfrörer klar: Das Coronavirus ist deutlich gefährlicher als der Influenza-Erreger, mit dem es anfangs oft verglichen wurde: Es greife keineswegs nur die Atemwege, sondern auch die Blutgefäße an und könne daher alle Organe befallen.

Das aber ist nur eine Erkenntnis über das anfangs auch der Medizin völlig unbekannte Virus: „Wir lernen es ständig besser kennen“, sagt Gförer. Das sei doch positiv – nur wenn ältere Irrtümer sichtbar würden, könne man sie auch berichtigen. So haben auch die RKH-Ärzte die Erfahrung gemacht, wie wichtig der Einsatz blutgerinnungshemmender Mittel zur Verhinderung von Thrombosen ist – eine Einsicht, die die Todeszahlen ebenfalls senken dürfte.

Auch, dass die anfangs genannte Inkubationszeit von bis zu zwölf Tagen, die bis zum Auftauchen der ersten Krankheitssymptome vergehen sollten, inzwischen für deutlich kürzer gehalten wird, sei ein Ergebnis dieses Lernprozesses. Mit Skepsis betrachtet Gfrörer derzeit aber noch die Annahme, dass das Virus möglicherweise nur fünf Tage ansteckend sei. „Das sind Hypothesen. Um als gesichert gelten zu können, müsste es deutlich breitere Studien geben“, sagt Gfrörer. Deshalb halte sie die jüngsten Quarantäne-Empfehlungen des Virologen Christian Drosten „für ziemlich kühn“.

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