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Landtag

Mehr Raum und Toleranz für Dialekt

Abgeordnete unterzeichnen gemeinsame Erklärung – Auch die Schulen sollen Mundart künftig stärker behandeln

Markus Rösler (links) und Konrad Epple.
Markus Rösler (links) und Konrad Epple.

Kreis Ludwigsburg. Regionale Lebensmittel und Urlaub in der Nähe liegen im Trend. Bei Dialekten – vor allem bei denen im Südwesten – ist eine so große Begeisterung bislang allenfalls in der Unterhaltungsbranche erkennbar. Doch wenn es nach den Mitgliedern der Parlamentsgruppe „Dialekte in Baden-Württemberg“ im Landtag geht, soll sich das bald in möglichst vielen Bereichen der Gesellschaft ändern. Bereits 2019 hatten sie eine Initiative gestartet, nun haben sie laut Pressemitteilung auch eine Präambel formuliert. 49 Politiker nahezu aller Fraktionen – Grüne, CDU, SPD und FDP – haben sie unterzeichnet. Darunter sind auch vier Landtagsabgeordnete aus dem Kreis Ludwigsburg: Markus Rösler und Jürgen Walter von den Grünen sowie Konrad Epple und Fabian Gramling von der CDU.

„Wir wollen uns auch in der nächsten Legislatur gemeinsam für eine Stärkung der Dialekte im Ländle starkmachen“, so Markus Rösler, der den Wahlkreis Vaihingen vertritt. „Dazu gehört auch die Umsetzung unserer Idee eines angemessen dotierten landesweiten Dialektpreises in verschiedenen Sparten mit der Hauptzielgruppe jüngerer Menschen.“ Auf Nachfrage erklärt er, warum er sich für den Erhalt der Dialekte einsetzt. „Mein ganzes Leben habe ich nur positive Erfahrungen mit dem Dialekt gemacht“, so der aus Gerlingen stammende Grüne – ob während seines Studiums der Landschaftsplanung im damaligen Westberlin oder im Norden Deutschlands.

An eine Geschichte erinnert er sich besonders gern. Als er als Vogelwart auf der Insel Sylt Führungen für Touristen anbot, habe er gehört, wie eine Frau unter den Zuhörern zu einer anderen sagte: „Sie sind doch auch zum wiederholten Mal hier. Kommen Sie auch, weil der so nett Schwäbisch redet?“ Nur einmal habe ihn in der Schule eine Lehrerin nicht verstehen können. Die Mehrheit habe damals Dialekt gesprochen, und als Jugendlicher habe er das als etwas Normales empfunden. „Da han i genauso g’schwätzt wie jetzt“, so der 59-Jährige. „Es wäre schade, wenn dieses Kulturgut verloren geht.“

Noch in der Nachkriegszeit war das Dialektsprechen sowohl in den Familien als auch im öffentlichen Raum sehr verbreitet, heißt es in der Erklärung der Initiative. Während es früher – „durchaus zu Recht“ – ein gesellschaftliches Bemühen gegeben habe, neben dem Dialekt auch die Standardsprache sprechen zu können, gehe es ihnen nun darum, neben dieser auch einen Dialekt zu beherrschen. Markus Rösler verweist dabei auf wissenschaftliche Erkenntnisse, dass das gleichzeitige Beherrschen von Standard und Dialekt nicht nur Vorteile für den Fremdsprachenerwerb mit sich bringe, da man quasi zweisprachig aufgewachsen sei, sondern auch zu weniger Rechtschreibfehlern im Deutschen führe.

Auch deshalb möchte die Initiative den Dialekten mehr Raum im Bildungssystem geben. Markus Rösler geht es dabei zum einen um mehr Offenheit und Wertschätzung bei Dialekt sprechenden Schülern und Lehrern und zum anderen um Dialekte als Unterrichtsgegenstand – etwa in Form von schwäbischen Gedichten. Denn nicht alle Menschen hätten in ihrem Leben so positive Erfahrungen mit ihrem Dialekt gemacht wie er. Sie seien in der Schule nicht direkt diskriminiert, aber doch zur Verwendung des Hochdeutschen angehalten worden. „Man muss natürlich die Schriftsprache beherrschen“, betont er. Beim Sprechen sollten laut Markus Rösler jedoch Formulierungen wie „I bin“ anstatt „Ich bin“, die man gut verstehen könne, in Ordnung gehen. Im Bildungsplan, der voraussichtlich in der kommenden Legislaturperiode wieder auf den Prüfstand komme, wolle man ein paar Bausteine verankern, die sich mit Dialekt beschäftigen. Einen Zwang zum Dialektsprechen soll es jedoch nicht geben.

Dass die Schulen auch so schon vor immer mehr Herausforderungen stehen und die Bildungspläne zum Teil überladen sind, ist Konrad Epple von der CDU bewusst. „Zum breiten Querschnitt gehört aber auch der Dialekt“, so der Abgeordnete aus dem Wahlkreis Vaihingen. Bei der richtigen Umsetzung des Dialektangebots im Unterricht vertraue er auf die Pädagogen. Während der eine Schüler in der Mathematik aufblühe, könne das für den anderen im Dialekt der Fall sein. Für jeden solle etwas dabei sein, „das basst“.

Der 57-Jährige ist selbst mit Dialekt aufgewachsen. Die Erfahrungen seien dabei teils so, teils so gewesen. Einmal etwa habe der Schriftführer im Landtag ein Wort nicht verstanden und bei ihm nachfragen müssen. „Ich finde es sehr nett, wenn Kollegen aus dem badischen Teil einen alemannischen oder fränkischen Slang haben“, sagt Konrad Epple über die anderen Landtagsabgeordneten. Dialekt ist für ihn nicht nur etwas Schönes, sondern auch wichtig für die Einordnung und Identität von Menschen. Wenn man wisse, wo man herkomme, sei das sehr viel wert: „Sprachen machen Leute.“

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