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Minister mahnt penible Einhaltung der Vorsichtsregeln an

Manne Lucha schließt rasche Rückkehr zum Vor-Corona-Alltag aus und fordert wirksame Stärkung der Pflege – „Genug freie Beatmungsplätze in den Krankenhäusern“

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Remseck. „Singen ist leider ansteckend!“ Manne Lucha spricht nicht von der Freude am Gesang, als er diesen Satz mit mahnenden Gesten unterstreicht. Vielmehr spricht Baden-Württembergs Sozialminister, der auch für das Gesundheitswesen und damit für die Eindämmung der Corona-Epidemie im Südwesten zuständig ist, von den Gefahren der Tröpfcheninfektion. Und die seien nun mal bei gemeinsamem Gesang besonders groß. Wie bei allem, wobei es leicht feucht-fröhlich zugeht.

Der Minister ist an diesem Abend in Swantje Sperlings digitalem Kaffeekränzchen zu Gast, das die Remsecker Grünen-Kreis- und Stadträtin schon seit vier Wochen anbietet. 35 Gäste, durchaus nicht nur aus der grünen Ecke, können Lucha zur Lage befragen. Bei dessen faktengesättigtem Auftritt wird schnell klar: Der Oberbayer aus Ravensburg ist einerseits froh, dass es gelungen ist, die Zahl der Neuinfektionen im Land deutlich zu senken. Andererseits ist Lucha spürbar besorgt, dass die Lockerungen der Kontaktbeschränkungen viele zu Leichtsinn verführen könnten: Gemeinsames Singen ist leider ansteckend!

Das sei leicht an den Gebieten mit einer hohen Inzidenz abzulesen, also am Anteil der Covid-19-Infiziertenpro100 000 Einwohner, sagt Lucha. Denn die Ansteckungsherde der Corona-Hotspots im Ländle ließen sich unschwer nachvollziehen. Lucha nennt ein religiöses Treffen im Elsass – mit Gesang und vielen Teilnehmern aus dem Remstal – oder ein Weinfest in der Hohenlohe als Beispiele. Andere Infektionsnester – natürlich Ischgl, aber auch das Ötztal oder Südtirol – „können wir quasi skiclubweise nachweisen“, so der Minister.

Neben die Mahnung, die ab Montag geltende Maskenpflicht und die Abstandsregeln weiter penibel einzuhalten, tritt aber auch die Erleichterung, dass der Shutdown der letzten Wochen gewirkt hat: Steckte zu Beginn der Epidemie im Land ein Infizierter noch vier bis fünf andere an, so liegt diese „Reproduktionsrate“ jetzt bei 0,8; verdoppelte sich die Zahl der Infizierten Mitte März noch alle drei Tage, so dauert das jetzt 41 Tage. Die gewonnene Zeit sei genutzt worden, um eine ausreichende Zahl von Intensivbetten aufzubauen, Baden-Württemberg allein habe jetzt mehr freie Beatmungsplätze als Frankreich und Spanien zusammen.

Auch die politische gewollte Schaffung großer, dafür hochkompetenter und flexibler Krankenhäuser sowie deren inzwischen sehr gute Kooperation und Abstimmung hätten sich gelohnt, so Lucha. In diesem Zusammenhang gibt es ein dezidiertes Kompliment an die RKH-Kliniken: Obwohl der Landkreis besonders viele Infizierte aufweist und in den Häusern in Ludwigsburg und Bietigheim – Stand gestern – 59 Coronapatienten auf einer Isolier- und 19 auf der Intensivstation liegen, habe man in Ludwigsburg geholfen, Engpässe in Nürtingen und Kirchheim zu überbrücken.

Lucha, der sich selbst als „gelernte Krankenschwester“ vorstellt, macht aber auch deutlich, welche Konsequenzen er politisch aus der Epidemie zieht: Erstens müssten die Pflegeberufe dauerhaft und wirksam gestärkt werden. Zweitens müssten wieder „von uns steuerbare Lieferketten“ für Medikamente und andere Medizinprodukte wie Schutzmasken aufgebaut werden. Und drittens brauche es eine Impfpflicht, sobald es einen Corona-Impfstoff gebe. „Da“, sagt Lucha, „darf es keine Kompromisse geben!“

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