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Corona

Mit dem letzten Flug nach Stuttgart

Vera Lützelschwab aus Erdmannhausen arbeitet seit einigen Jahren in London. Zu Weihnachten hat sie es gerade noch nach Deutschland geschafft, bevor der Flugverkehr wegen einer neuen Variante des Coronavirus gestoppt wurde. Eindrücke aus der leeren Stadt im Lockdown und vom Einfluss des Premierministers und der Queen.

Sie kennt die Metropole inzwischen gut: Vera Lützelschwab an der Themse vor der Tower Bridge und dem Wolkenkratzer The Shard.Foto: privat
Sie kennt die Metropole inzwischen gut: Vera Lützelschwab an der Themse vor der Tower Bridge und dem Wolkenkratzer The Shard. Foto: privat

London/Erdmannhausen. „Es wird ein Bereich im Flughafen abgetrennt, ich sage mal mit Feldbetten, deswegen möchte ich Ihnen an dieser Stelle nochmals einige Minuten Zeit geben, ob Sie hierbleiben oder doch fliegen wollen.“ Diese und weitere Durchsagen mit immer neuen Informationen hörte Vera Lützelschwab, als sie am Abend des 20. Dezember in London im Flugzeug saß und auf den Start in Richtung Stuttgart wartete. Einige davon nahm sie mit dem Handy auf. Doch diese beunruhigende Ansage richtete sich nur an Passagiere ohne deutschen Pass, diejenigen mit deutschem Pass sollten noch normal einreisen können.

Eigentlich hätte sie an diesem Tag wegen der Coronamaßnahmen ihr Stadtgebiet schon nicht mehr verlassen dürfen, aber der Flug war bereits gebucht. „Ich habe nicht geglaubt, dass ich ankomme, bis ich wirklich im Flieger saß“, erinnert sich die 31-Jährige im Gespräch über Skype. Nach den Durchsagen entschieden sich einige Passagiere, doch in London zu bleiben. Ihr Gepäck wurde ausgeladen. „Es wurde immer später und später“, sagt Vera Lützelschwab. Nur bis Mitternacht durften in Deutschland noch Flugzeuge aus Großbritannien landen. Es klappte. In Stuttgart wurden alle Einreisenden getestet. Die Schnelltests seien super organisiert gewesen, das Personal zahlreich und freundlich. Trotz negativem Ergebnis musste Vera Lützelschwab in Erdmannhausen noch zehn Tage in Quarantäne, die sie jedoch nach fünf Tagen mit einem weiteren negativen Testergebnis vorzeitig beenden durfte.

In London lebt Vera Lützelschwab bereits seit dreieinhalb Jahren. Zunächst hatte sie in Liverpool ein Masterstudium in Marketing absolviert und sich bereits damals im Land wohlgefühlt. Nun arbeitet sie beim Technologieunternehmen Connexity, das Onlinehändler bei der Akquise von Neukunden und der Steigerung ihres Umsatzes unterstützt. Es hat seinen Hauptsitz in Los Angeles sowie Büros in Karlsruhe und London. Vera Lützelschwab kennt die Metropole an der Themse daher sowohl mit als auch ohne Pandemie.

Als im Frühjahr andere Länder das öffentliche Leben schon herunterfuhren, sei in London noch alles relativ normal weitergegangen. „Im März hatten wir noch Riesenpartys in Pubs“, erinnert sich Vera Lützelschwab. Inzwischen könne man sich gar nicht mehr vorstellen, dass das noch im Jahr 2020 war. Doch dann ging es auch in Großbritannien Schlag auf Schlag, zum Teil mit strengeren Maßnahmen als in Deutschland. Am 3. März hatte Premierminister Boris Johnson bei einer Pressekonferenz noch fröhlich erzählt, er werde auch weiterhin Hände schütteln. Am 23. März verkündete er den Lockdown. Für Sport oder zum Spazierengehen durften die Briten das Haus nur noch einmal am Tag verlassen.

„Das hört sich ernster an, als es war“, gibt Vera Lützelschwab jedoch zu bedenken. Zwar hätten in der Bevölkerung vor allem Risikogruppen die Lage ernst genommen. Aber: „Wie die Regierung die Message rübergebracht hat, macht viel aus.“ Das habe auch die Reaktionen der Menschen beeinflusst. Sie selbst habe sich lieber an den deutschen Nachrichten orientiert: „Was Angie sagte, war mir wichtiger.“ In Großbritannien hätten manche Leute mehr auf die Ansprachen von Queen Elisabeth II. gehört als auf die von Boris Johnson. Ihr Umfeld sei zwar vor allem noch an Klatsch aus dem Königshaus interessiert, doch für das Volk als Ganzes sei es noch immer sehr wichtig.

In London habe sich schnell herumgesprochen, dass die Maßnahmen nicht wirklich kontrolliert würden. Auch das Maskentragen sei nicht durchgesetzt worden, in manchen Supermärkten hätten nicht einmal Mitarbeiter welche getragen. „Keinen juckt irgendwas“, habe sie jedes Mal nach der Rückkehr aus Deutschland festgestellt. Denn im Pandemiejahr sei sie häufiger nach Hause gekommen, um Zeit mit Familie und Freunden zu verbringen. „Man konnte hier mehr machen.“ Doch auch in London hätten im Sommer Lockerungen zu einem fast normalen und relativ schönen Leben geführt: „Die Parks waren unfassbar voll.“

Im Sommer war Vera Lützelschwab viel mit dem Fahrrad auf den leeren Straßen unterwegs. Ob an der Themse oder in der Innenstadt: „Es war einfach keiner da.“ Der Anblick der sonst belebten Oxford Street oder des Piccadilly Circus sei „ziemlich cool“ gewesen, aber nur am Anfang. „Man merkt, dass die Seele der Stadt ein bisschen fehlt“, stellte sie schließlich fest. Das gewohnte Ausgehen und das kulturelle Angebot blieben aus.

Gab es auch in Großbritannien Proteste gegen die Maßnahmen der Regierung? Durchaus, aber während man in Deutschland offen darüber spreche, kehrten andere Länder das Thema unter den Tisch, so die Einschätzung von Vera Lützelschwab. Vor allem im Sommer habe es in London weniger große, aber doch relativ viele Proteste gegeben, etwa auf dem Platz Trafalgar Square im Stadtzentrum.

Anfang November ging der englische Landesteil in den zweiten Lockdown. In immer mehr Regionen gilt inzwischen die höchste Alarmstufe vier „Stay at Home“ (Bleiben Sie zu Hause). Als Vera Lützelschwab zum Londoner Flughafen fuhr, sei die U-Bahn zwar voll, ansonsten aber wenig los gewesen: „Man hat schon gemerkt, dass sich an der Mentalität etwas geändert hat.“ Eigentlich sollte es für sie am 9. Januar wieder nach London gehen. Einen Flug hatte sie zum Zeitpunkt des Gesprächs aber noch nicht gebucht.

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