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Nur Vielfalt lässt die Krabbler der Wiese überleben

„Das große Krabbeln“ war ein lustiger, wenn auch nicht ganz realistischer Hollywoodfilm über eine Insektenkolonie in einer Wiese. Heute, mehr als 20 Jahre später, wäre der Film noch unrealistischer, denn es krabbelt und summt immer weniger. Wir haben uns zum heutigen Tag der Umwelt von einem Wiesen-Experten und einem Hobby-Insektenforscher das Krabbeln, Blühen und Zwitschern auf den Wiesen erklären lassen.

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Markus Rösler zeigt mit einem Grashalm die so genannte Schlagbaumbestäubung am Wiesensalbei. Die beiden runden Bilder unten zeigen eine Schwebfliege und einen Wegerich-Schecken- falter.Fotos: Andreas Becker/Helge May(Nabu)
Markus Rösler zeigt mit einem Grashalm die so genannte Schlagbaumbestäubung am Wiesensalbei. Die beiden runden Bilder unten zeigen eine Schwebfliege und einen Wegerich-Schecken- falter. Foto: Andreas Becker/Helge May(Nabu)
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Kreis Ludwigsburg. Mehr als eine Million verschiedener Insektenarten krabbeln und summen auf der ganzen Welt, allein in Baden- Württemberg gibt es 460 Wildbienenarten, über 1000 Schmetterlingsarten und 400 verschiedene Schwebfliegenarten, in Deutschland rund 2140 Pflanzenarten auf einer Wiese. Doch in den vergangenen Jahren sind ihre Bestände dramatisch zurückgegangen.

Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) will mit seiner jährlichen Mitmachaktion Interesse für die Krabbler wecken; die erste Phase des „Insektensommer“ genannten Projekts geht noch bis einschließlich diesen Sonntag. Die zweite Phase startet am Freitag, 31. Juli und dauert bis Sonntag, 9. August. „Suchen Sie sich einen schönen Platz, von dem aus Sie einen guten Blick in die Natur haben. Zählen Sie die kleinen Krabbler und sammeln Sie Daten für die Artenvielfalt“, rät der Nabu und fordert vor allem Familien und Kinder auf, sich zu beteiligen. Stellen sich zwei Fragen: Wie erkenne ich überhaupt, was da krabbelt? Und: Bringt das Insektenzählen etwas? Hat es irgendeinen wissenschaftlichen Nutzen, wenn Laien Käfer zählen? Diese letzte Frage beantwortet Markus Rösler eindeutig: „Ja, es bringt etwas!“

Rösler ist studierter Landschaftsplaner, ausgewiesener Experte für Streuobstwiesen, hat über die Arbeit in Biosphärengebieten seine Doktorarbeit geschrieben und sitzt für die Grünen im Stuttgarter Landtag. Er nennt drei Gründe, warum Mitmachaktionen wie der Insektensommer wichtig sind. Da ist zum einen die Sensibilisierung für das Thema: Was summt und krabbelt eigentlich alles in meinem Garten, auf der Wiese, am Wegrand?

Dann geht mit der aufmerksamen Beobachtung auch ein Imagewandel der beobachteten Objekte einher: Weg vom „Iiiiihhhhh! Bääähhhh!“, hin zum „Ach, schau mal da!“

Und dann bildet – zum dritten – Insektenbeobachtung von Laien, vor allem von Kindern und Jugendlichen, die Basis für die Artenkenntnis überhaupt. „Das brauchen wir ganz dringend!“, sagt Rösler, „wir haben keine Entomologen! In Baden-Württemberg gibt es keine zehn Wissenschaftler, die in der Lage wären, die 460 Wildbienenarten im Land zu bestimmen; das ist ein großes Problem.“ Aber wer weiß? Manche Wissenschaftskarriere beginnt auf dem Bauch im Gras liegend, ein leeres Marmeladenglas in der einen und eine Becherlupe in der anderen Hand. (Nach der Besichtigung werden die Tierchen natürlich wieder freigelassen!)

Um zu (über-) leben, brauchen Insekten einen möglichst naturnahen Lebensraum. Wie der aussehen sollte, erklärt Marcus Rösler bei einem Spaziergang über die Streuobstwiesen im Vaihinger Stadtteil Ensinger. Dunkelgrün ist eine schöne Farbe, aber je dunkelgrüner das Gras einer Wiese ist, desto mehr Stickstoff ist im Boden, desto artenärmer ist die Wiese, desto schlechter für Insekten und letztlich auch für insektenfressende Vögel, wie zum Beispiel Spechte. Finden sich 30 bis 40 Blumenarten auf einer Wiese ist das schon mal gut, 60 bis 80 Arten könnte man auf allen Wiesen ringsum finden, glaubt Rösler. Allerdings haben auch die Wiesenblumenarten dramatisch abgenommen.

Viele wurden weggedüngt, wobei Rösler, selbst ländlich aufgewachsen, gar keine Bauernschelte betreiben will: „Bauern brauchen Gras, das einen hohen Futterwert hat, sie sind auf proteinreiches Futter für die Kühe angewiesen und düngen deshalb.“ Biologische Vielfalt sei nur über faire Preise für Bauern zu haben, ist er überzeugt.

Nur ein paar Schritte abseits vom Weg, und wir entdecken auf den ungedüngten Wiesen Schafgarbe, Salbei und Rotklee, Wiesenbocksbart (im Schwäbischen „Guckigai“ genannt), und wenige Meter weiter lila Skabiosen. „Da fliegen Blutströpfchen drauf!“, sagt Rösler. Blutströpfchen? Eine Schmetterlingsart mit charakteristischen, knallroten Flecken auf den Flügeln; der Nektar der Skabiosen ist ihre Leibspeise. Aber wenn die Wiese jetzt gemäht würde, müssen die Blutströpfchen dann hungern? Damit sind wir beim nächsten Thema: Wann sollte man (s)eine Blumenwiese eigentlich mähen und wie oft?

Noch vor einigen Jahren galt die Regel: Nie vor dem 15. Juni! Dann haben Gräser und Blumen Gelegenheit, zu blühen und ihre Samen auszustreuen. In diesem Jahr allerdings ist die Vegetation gut zehn Tage voraus. Zwei-, maximal dreimal im Jahr mähen hält der Streuobstwiesen-Experte für naturverträglich und er rät: „Nicht alles auf einmal weghauen!“

Also nicht die ganze Wiese am Stück abmähen, sondern abschnittsweise und zeitversetzt. So erhält man den Wiesenbewohnern Nahrungsquellen und Rückzugsmöglichkeiten – „Chaosnutzung“ heißt diese Methode. Allerdings gibt es unter den Tieren auch Liebhaber kurzgemähter Flächen. Der Steinkauz zum Beispiel freut sich über ein Stück frühzeitig abgemähter Wiese. Man lernt: Auf die Vielfalt kommt es an.

Und womit sollte man mähen? Der Fachmann rät zur Sense, bei Wiesen bis 100 Quadratmetern könne man das gut schaffen, und er warnt vor dem Kreiselmäher: „Der zerhäckselt alles!“. Eine Ecke der Wiese sollte man einfach vollkommen in Ruhe lassen. „Überjährig“ nennt es der Fachmann, wenn Gräser und Blumen über Winter stehen bleiben und in ihren Stängeln Überwinterungsplätze für viele Insektenarten bieten. Hummeln zum Beispiel überwintern gern im verfilzten Boden.

Blühstreifen, obwohl hübsch fürs Auge, sieht Rösler genauso kritisch wie die Samentütchen für „Blumenwiesen“ und „Bienenbüffets“. Was soll man aber machen, wenn man auch ums Haus herum eine Wildblumenwiese und überhaupt einen insektenfreundlichen Garten haben möchte, in dem sich dann auch Insekten beobachten lassen? „Es gibt in Deutschland eigentlich nur einen Anbieter von Blühmischungen, in dem keine Neophyten und keine Zuchtformen enthalten sind“, sagt Markus Rösler, denn nicht jede Pflanze, die hübsch blüht, ist auch von Nutzen für Insekten (Adresse siehe unter „Praktische Tipps“). „Vielfalt“ ist auch das Zauberwort für ein reiches Insektenleben. Und nicht nur für dieses.

Denn wo es viele Insekten gibt, sind die Vögel nicht weit. Bei einem Spaziergang durch die Ensinger Streuobstwiesen hören und sehen wir einen Gartenrotschwanz (ein Insektenfresser!), einen Zilpzalp, eine Mönchsgrasmücke, eine Ringeltaube und einen Buchfink. Der allerdings verschmäht Insekten, frisst lieber Körner und hat einen Ruf, der dem Landespolitiker Rösler besonders gut gefällt. Die Lautfolge des Buchfinkenschlags klingt wie „ichichichschreiband’Regiiiierung!“.

Bleibt eine Frage: Wenn es so viele Arten gibt, warum ist es dann so schlimm, wenn eine verschwindet? Warum ist es wichtig, alle zu erhalten? Dafür, sagt Rösler, gibt es zum einen die ethische Begründung: Den Schutz der Natur, die Verantwortung für die Schöpfung, oder – wenn man es weniger religiös mag – für das Naturerbe.

Und es gibt eine Nützlichkeitserwägung. Rösler: „Erhebliche Teile der Pharmazie basieren auf Pflanzen. Penicillin zum Beispiel ist ein Pilz. Und dann denken Sie an die Bionik, eine Wissenschaft, die Biologie und Technik zusammenbringt: Kein Hubschrauber fliegt so gut wie eine Libelle. Wie schafft es der Pinguin, dass er nicht friert? Daran hängt eine milliardenschwere Forschungsarbeit!“

Und dann gibt es natürlich noch einen dritten Punkt: Die Schönheit und Vielfalt der Natur erfreut das Auge des Menschen. Nur eine Stunde auf einer Streuobstwiese liefert dafür den unschlagbaren Beweis.

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