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Corona

Pflegekräfte über ihre Arbeit: „Der Druck ist das Schlimmste“

Viele Pflegekräfte kommen immer mehr an die Grenzen der Belastbarkeit. Die Impfpflicht sei da nur das i-Tüpfelchen, sagt einer, der seit Jahren in dem Beruf arbeitet – aber überlegt, auszusteigen.

Zusätzliche Schutzkleidung, Abstand und Kontaktbeschränkungen erschweren seit fast zwei Jahren die Pflege von alten Menschen. Foto: Sebastian Gollnow/dpa
Zusätzliche Schutzkleidung, Abstand und Kontaktbeschränkungen erschweren seit fast zwei Jahren die Pflege von alten Menschen. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Kreis Ludwigsburg. Eigentlich arbeitet der Altenpfleger aus dem Strohgäu gerne in seinem Beruf – doch gerade wegen der vor allem in den vergangenen Monaten stark gestiegenen Belastung war er froh, dass er zwischen den Jahren frei hatte. Einige Tage ohne langes Tragen der FFP2-Maske, ohne Gespräche über die Impfpflicht für sämtliche Beschäftigte – und ohne teils verstörende Erlebnisse im Umgang mit Angehörigen.

„Gestern erlebte ich live mit, wie unter anderem auch durch die Coronapolitik die Menschlichkeit auf der Strecke bleibt“, hatte er sich an die Redaktion gewandt, um loszuwerden, was ihn und viele seiner Kollegen bedrücke. Nach dem Tod einer Bewohnerin in seiner Schicht habe er den einzelnen Angehörigen die Eingangstür des Ludwigsburger Heims geöffnet, wollte zunächst sein Beileid bekunden. „Noch bevor ich dies tun konnte, fragte mich tatsächlich jeder Einzelne sofort: „Muss ich Ihnen meinen Impfpass und meine App zeigen? Müssen Sie mich vorher noch testen, bevor ich ins Pflegezentrum rein darf?...“. Und das waren wirklich die ersten Worte, die ich von den weinenden Angehörigen zu hören bekam.“ Auch bei vielen Bewohnern sehe man deutlich, wie die Pandemie und teils langen Phasen von Kontaktbeschränkungen und Isolationen wirkten. Gerade für Senioren mit Demenz sei das wie im Gefängnis gewesen, „die bekommen dann komplett einen Wahn“, berichtet er. Das belaste auch ihn und seine Kollegen, eine Auszubildende habe neulich wie aus dem Nichts einen Weinkrampf bekommen. „Der Druck ist das Schlimmste“, sagt er.

Hälfte der Kollegen bislang ungeimpft

Etwa auch mit Blick auf das Thema Impfung. Wenn man einer Angehörigen den Zutritt nicht erlauben dürfe, weil sie sich den geforderten PCR-Test nicht leisten kann, sich wegen einer Vorerkrankung aber auch nicht impfen lassen könne und vom Arzt noch keine entsprechende Bescheinigung erhalten habe. „Das belastet schon“, sagt er. Und natürlich die Frage nach der eigenen Zukunft und der vieler Kollegen. In seinem Wohnbereich sei etwa die Hälfte der Pflegekräfte bislang nicht geimpft, von den anderen hätten es nur ganz wenige aus medizinischen Gründen getan – dabei sollte das doch der Hauptbeweggrund sein, findet er, und nicht, weil einem sonst, trotz täglicher Tests, FFP2-Maske und keinem einzigen Fall unter den Bewohnern, die Kündigung droht. „Erst gefeiert, dann gefeuert“, konstatiert er frustriert. Auch ihn selbst hat es schon getroffen, nach der Infektion einer geboosterten Kollegin musste er in Quarantäne, ohne Lohnfortzahlung.

Nur bei wenigen seiner Kollegen liege ihre bisherige Verweigerung darin, dass sie teils abstruse Behauptungen im Zusammenhang mit der Impfung glaubten. Vielmehr kursierten Geschichten über Nebenwirkungen, einige Kolleginnen klagten über ungekannte Migräne, und gerade die Männer vermehrt über Probleme mit dem Herzen, ein Mittdreißigjähriger müsse nun regelmäßig zum Kardiologen, ein anderer habe eine Herzmuskelentzündung bekommen, ein Bewohner ein Gerinnsel im Kopf, zählt der Pfleger auf – und sorgt sich deshalb, da er in jungen Jahren auch wegen einer Blutgerinnungsstörung behandelt werden musste. Klar könne man nicht immer einen direkten Zusammenhang zur Impfung nachweisen, sagt er. Aber wenn man so etwas gehäuft und von zuvor gesunden Menschen höre, sei man eben beunruhigt – und die Tatsache, dass viele Politiker das als Verschwörungstheorien abtun, mache die Sache nicht besser.

Überhaupt, die Politik. Die habe die Bereitschaft zur Impfung durch ihre vielen widersprüchlichen Aussagen nicht gerade erhöht, findet er. Erst hieß es, es werde keine Pflicht geben, nun doch. Dann, dass schon zwei Spritzen eine sehr hohe Wirksamkeit hätten, nun diskutiere man bereits, dass das erst nach der vierten der Fall sei – und dann gebe es eine Haftung erst nach dem 15. März, dabei sei das das Datum, zudem alle eine zweite Impfung nachweisen müssten, in manchen Heimen gar schon früher. „Die Pflege ist eh schon immer unterbesetzt und es gibt immer weniger Zeit für die Menschen“, sagt er – nach diesem Tag werde sich das sicherlich verschärfen.

Keine verlässlichen Arbeitsmarktzahlen

Wie viele Beschäftigte aus Pflegeheimen und ähnlichen Einrichtungen tatsächlich aufhören, lässt sich Stand heute nicht sagen. Zwar sehe man im Dezember entgegen des Trends „bundesweit einen leichten Anstieg“ bei den „Arbeitssuchend“-Meldungen von Kranken- und Altenpflegern, heißt es von der Ludwigsburger Agentur für Arbeit. Aber: „Die Differenz ist bisher gering und es kann nicht abgegrenzt werden, inwiefern diese im Zusammenhang mit einer einrichtungsbezogenen Impfpflicht steht“, so Sprecherin Birgit Festag, oder in der Belastung begründet ist. Zudem sei die Impfpflicht am 10. Dezember beschlossen worden, der statistische Zähltag lag aber drei Tage später.

Die Heimträger bereiten sich derweil schon mal vor. Alle Einrichtungen der Evangelischen Heimstiftung erstellen Notfallpläne, um mögliche kurzfristige Personalausfälle aufzufangen – auch wenn die Impfquote durch Aufklärungskampagnen bei etwa 90 Prozent liege, in diesen Tagen gebe es erneut Gespräche und Fristsetzungen für die Ungeimpften, so Hauptgeschäftsführer Bernhard Schneider. Einspringen könnten Ersatzkräfte aus regionalen Springerpools mit haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden oder Hilfsorganisationen wie Rotes Kreuz, Malteser oder Bundeswehr.

Geringer dürfte die Impfquote in den Kleeblatt-Einrichtungen sein. Im Herbst lag sie bei knapp über 70 Prozent, so Geschäftsführer Stefan Ebert Ende November. Wie viele es aktuell sind, und vor allem, wie viele bei ihrer Haltung bleiben, werde man wohl nächste Woche wissen, derzeit verschaffe man sich noch einen Überblick. Beim Hans-Klenk-Haus der Awo in Ludwigsburg haben „schon einige“ geäußert, eine Kündigung in Betracht zu ziehen, so Geschäftsführerin Alexandra Metzger. „Jede und jeder Einzelne, der tatsächlich kündigt, fehlt uns bei dem momentanen Fachkräftemangel sehr. Wir arbeiten bisher nicht mit Zeitarbeitsfirmen und hoffen, dies auch aufrechterhalten zu können. Nicht nur aus diesem Grund sind wir gegen eine Impfpflicht“, sagt sie – während sich Bernhard Schneider eine solche schon viel früher gewünscht hätte, ebenso hätte die Politik das Thema Auffrischimpfung „nicht verschlafen dürfen. Derzeit ist die Situation für Pflegeheime sehr belastend und wir sind sehr enttäuscht darüber, dass uns die Coronapolitik von Bund und Land in diese schwierige Lage gebracht hat“. Und nicht nur sie. Den Pfleger aus dem Strohgäu sorgt noch mehr: die Ausgrenzung, die nun auch durch die Rhetorik der Verantwortlichen betrieben werde. „Das ist ein gesellschaftliches Problem. Ich sorge mich, dass die Stimmung irgendwann in Gewalt umschlägt.“

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