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Notfallseelsorge

Plötzlicher Kindstod ist das Schlimmste

Der Oberriexinger Pfarrer Ulrich Gratz leitet die Notfallseelsorge im Landkreis Ludwigsburg, die 2019 ihr 20-jähriges Bestehen feiert. Im Gespräch mit unserer Zeitung berichtet er von den Anfängen und seiner Arbeit.

Der evangelische Pfarrer Ulrich Gratz engagiert sich von Anfang an für die Notfallseelsorge, seit 2012 ist er auch deren hauptamtlicher Leiter im Kreis. Foto: Alfred Drossel
Der evangelische Pfarrer Ulrich Gratz engagiert sich von Anfang an für die Notfallseelsorge, seit 2012 ist er auch deren hauptamtlicher Leiter im Kreis. Foto: Alfred Drossel

Oberriexingen. Mit dem Telefon am Ohr und zwei vollen Kaffeetassen in der Hand, während er mit Ellenbogen, Schulter und Fuß die Tür zu seinem Büro öffnet und schließt – so begegnet Ulrich Gratz, der Leiter der Notfallseelsorge im Landkreis Ludwigsburg und evangelischer Pfarrer in Oberriexingen, unserer Zeitung zum Interviewtermin. Festnetztelefon, Handy und Einsatzmelder trage er immer bei sich, sagt er später, nachdem er den Anruf beendet hat: „Morgens geht der erste Griff zum Nachttisch, um die Geräte wieder mitzunehmen.“ Denn für „seine Leute“ in der Notfallseelsorge will er rund um die Uhr erreichbar sein. Nur im Urlaub gönne er sich eine Auszeit, sagt er.

Von der ersten Stunde an hat Gratz sich in der Notfallseelsorge engagiert, auch schon bevor diese im Jahr 1999 auf offizielle Füße gestellt wurde. Denn die eigentlichen Anfänge liegen weiter zurück. Nach einem schweren Busunglück am Bahnübergang in Pfäffikon 1982, bei dem fast die gesamte AH-Fußballmannschaft von Schönaich ausgelöscht wurde, und dem Flugzeugabsturz bei der Flugschau in Ramstein 1988 rief die Landesregierung Hilfsorganisationen, Polizei und Kirchen zu einem Treffen zusammen. Man war sich einig, dass es bei derartigen Unglücken einer seelsorgerischen Hilfe bedarf. Sogenannte Katastrophenpfarrer sollten diese leisten.

Gratz, der damals noch in Belsenberg im Dekanat Künzelsau als Gemeindepfarrer tätig war, engagierte sich sogleich ehrenamtlich. „Für mich war das gar keine Frage.“ Da er vor seinem Studium der evangelischen Theologie drei Jahre im Rettungsdienst tätig war, gehörte er damals sicherlich zur Paradebesetzung. Inzwischen gibt es einen bundeseinheitlichen Standard für eine Ausbildung in Notfallseelsorge. Denn man habe feststellen müssen, dass Seelsorge in akuten Notsituationen doch etwas völlig anderes ist als die übliche, die meist erst Tage oder gar Wochen später stattfindet, berichtet er: „Man braucht sehr viel Wissen, auch für sich selbst, um psychisch gesund zu bleiben. Man begegnet Sachen, die alles andere als harmlos sind, die zu Herzen gehen, beunruhigen und sprachlos machen.“

Gibt es Erlebnisse, die ihm besonders im Gedächtnis geblieben sind? „Plötzlicher Kindstod, wenn man die völlige Verzweiflung einer Mutter, eines Vaters und der Großeltern erlebt. Wobei man gar nicht weiß, welcher Schmerz größer ist: Jener der Eltern oder der Großeltern, die mit dem Tod des Enkels den ganzen Sinn ihres Lebens infrage stellen“, antwortet Gratz, während mit einem Schlag das Lächeln in seinem Gesicht erstirbt.

Gut könne er sich noch daran erinnern, als er in solch einer Situation zu einer Familie kam. Die Oma, die sich zu diesem Zeitpunkt um den Nachwuchs kümmerte, hatte das Kind tot aufgefunden. „Sie war erstarrt wie die Salzsäule in der Bibel, während die Mutter fast hysterisch gewechselt hat zwischen Ohnmacht bis hin zum Kreislaufkollaps, lautem Schreien, Herumrennen und ganz vielen Fragenstellen. Das war wiederum für andere Angehörige schwierig.“ Grundsätzlich seien die schlimmsten Einsätze jene, bei denen es Anknüpfungspunkte zum eigenen Leben gebe, wo man Gefahr laufe, sich zu identifizieren und die Distanz zu verlieren, sagt der Vater dreier inzwischen längst erwachsener Kinder.

Seine Frau Elke, mit der er sich die Pfarrstelle in Oberriexingen teilt und die ebenfalls in der Notfallseelsorge tätig ist, sei für ihn nach solchen belastenden Einsätzen die erste Ansprechpartnerin, sagt der 64-Jährige, der nicht nur seit 2012 die hauptamtliche Leitung der Notfallseelsorge im Kreis innehat, sondern nach wie vor selbst Bereitschaftsdienste übernimmt. „Oft rufe ich sie noch während eines Einsatzes an, dass sie daheim die Sauna anmacht.“ Das sei sein Ritual, um abzuschalten.

„Da entspanne ich mich dann, nur mit Melder, Handy und Festnetztelefon. Meine Frau macht sich darüber immer lustig“, verrät Gratz und lacht wieder. „Gerade weil ganz viele Einsätze kräftig an der Ressource Humor nagen, ist es wichtig, sich diesen zu bewahren.“

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