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Medizin
RKH will Hedgefonds zuvorkommen

Im Streit zwischen RKH und niedergelassenen Ärzten zeichnet sich ein mögliches Einvernehmen ab. Der Vorstoß der Kliniken im ambulanten Bereich richte sich nicht gegen die Niedergelassenen, sondern gegen Börsenhaie, sagt Klinikenchef Jörg Martin. Arch
Im Streit zwischen RKH und niedergelassenen Ärzten zeichnet sich ein mögliches Einvernehmen ab. Der Vorstoß der Kliniken im ambulanten Bereich richte sich nicht gegen die Niedergelassenen, sondern gegen Börsenhaie, sagt Klinikenchef Jörg Martin. Arch
Er habe „sicher auch Fehler in der Kommunikation gemacht“, räumt Professor Jörg Martin ein. Der Chef der Regionalen Kliniken-Holding RKH ist deutlich bemüht, den Konflikt mit der niedergelassenen Ärzteschaft im Kreis schnell und dauerhaft beizulegen. Die Offensive der RKH im ambulanten Bereich richte sich nicht gegen Haus- und Fachärzte mit eigenen Praxen, sondern solle dem gezielten Aufkauf frei werdender Arztsitze durch Hedgefonds und börsennotierte internationale Gesundheitsunternehmen zuvorkommen, sagt Martin.

Kreis Ludwigsburg. Digitalisierung und Ambulantisierung – so lauten die beiden Schlüsselworte, mit denen der RKH-Chef die Pfade in eine medizinisch leistungsfähige und finanziell gesunde Krankenhauszukunft immer wieder beschreibt. Die Idee: Wenn Krankenhäuser wirtschaftlich lebensfähige Zentren der teuren Hochleistungsmedizin mit nicht minder teurer Hochleistungsdiagnostik sein wollen, dürfen Patienten in einem fallpauschalenbasierten Honorarsystem nicht unnötig lang stationär versorgt werden. Es braucht daher mehr und bessere ambulante Angebote – wobei die Kliniken dank Digitalisierung und Telemedizin sowie mit eigenen ambulanten Ressourcen für eine optimale Begleitung entlassener oder gar nicht stationär behandelter Patienten beitragen können.

Das Konzept setzt eigentlich das Einvernehmen und die Abstimmung mit den Haus- und niedergelassenen Fachärzten im gemeinsamen Versorgungsgebiet voraus – im Falle der RKH und ihrer Häuser in Ludwigsburg, Bietigheim und Markgröningen also mit den Arztpraxen im Kreis. Doch die niedergelassene Ärzteschaft reagierte wie berichtet verärgert darauf, dass ihr die Kliniken-Holding mit neuen ambulanten Angeboten – insbesondere der Schaffung eines eigenen Medizinischen Versorgungszentrums (MZV) – Konkurrenz macht: Die RKH wolle ihnen Patienten abluchsen, ohne dass sich für diese durch die„einseitige Verlagerung der Versorgung in die Kliniken“ etwas verbessere, so der zentrale Vorwurf der selbstständigen Ärzte, die prompt einen Arbeitskreis „Qualität in der niedergelassenen Medizin im Landkreis Ludwigsburg“ gründeten. Der kreidet dem habilitierten Anästhesisten Martin zudem an, dass er den Niedergelassenen den Vorstoß der RKH im ambulanten Bereich bei den regelmäßigen Treffen beider Seiten verschwiegen habe.

Der Klinikenchef räumt Fehler in der Kommunikation ein und gesteht auch zu, dass die RKH die Bindung der Patienten an ihre Krankenhäuser stärken wolle. Das ist kein Wunder angesichts von jährlich insgesamt 280000 ambulanten Fällen an den sieben RKH-Standorten in den Kreisen Ludwigsburg, Karlsruhe und Enz, denen „nur“ 112000 stationäre Fälle gegenüberstehen. Den Stellenwert des klinikeigenen MVZ aber relativiert Martin: Mit derzeit acht Arztsitzen in sieben Fachrichtungen entstehe den rund 300 Haus- und 500 niedergelassenen Fachärzten im Kreis keine wirkliche Konkurrenz, sagt er und verweist darauf, dass der Aufkauf freiwerdendender Arztsitze und ihre Zusammenfassung in Versorgungszentren in anderen Bundesländern schon sehr viel weiter fortgeschritten ist als in Baden-Württemberg: Gibt es im Südwesten noch nicht einmal zehn MVZ in Krankenhaus-Trägerschaft pro eine Million Einwohner, sind es in Thüringen, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern bereits über 30.

Tatsächlich treibt den RKH-Geschäftsführer wohl kaum der Gedanke an, der Ärzteschaft vor Ort möglichst viele Patienten zu klauen. Er verweist vielmehr auf eine öffentlich noch wenig bekannte, kapitalgetriebene Konkurrenz, die das kommunale Krankenhauswesen mit seinem breiten Leistungsspektrum in der wenig lukrativen Grundversorgung in Bedrängnis bringen könnte: Hedgefonds und börsennotierte internationale Anbieter kauften gezielt die Sitze von Ärzten auf, die keinen Praxisnachfolger finden. Martin nennt das investmentfinanzierte Münchener Hausärzte-Start-up Avi Medical und das an der elektronischen US-Börse Nasdaq notierte Gesundheitsunternehmen Medicover als Beispiele. Letzteres ist in Osteuropa, Indien und Deutschland aktiv und betreibt MVZ auch in Stuttgart und Gerlingen. Martins Befürchtung: Spekulative Kapitalanleger könnten Agglomerationen von Arztsitzen finanzieren, die eigene klinische Strukturen aufbauen oder mit im RKH-Einzugsgebiet bereits aktiven privaten Klinikbetreibern zusammenarbeiten könnten.

Eine solche Entwicklung wäre wohl nicht nur für die RKH und mit ihr für den kommunalen Krankenhaussektor misslich, sie dürfte auch den niedergelassenen Ärzten kaum gefallen. Beide Seiten bewegen sich denn auch wieder aufeinander zu und haben ihren Dialog verstärkt. Es sei ihm gelungen, die RKH „zurück an den Verhandlungstisch zu holen“, freut sich der Arbeitskreis der Niedergelassenen und betont die Chancen einer Kooperation. „Wir müssen eng zusammenrücken“, sagt auch Jörg Martin. Es gelte, „komplementäre Programme zu entwickeln und die Sektorengrenzen abzusenken“. Kommentar