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Nahverkehr

S-Bahn gerät aus dem Gleichgewicht

Die S-Bahn in der Region fuhr Fahrgastrekorde ein und dem Fahrplan hinterher – bis Corona kam. Jetzt bleiben die Züge und Kassen leer.

Eine S-Bahn steht im Stuttgarter Hauptbahnhof: Die Fahrgastzahlen sind um mehr als 80 Prozent eingebrochen, in den Kassen fehlen rund 70 Millionen Euro. Foto: Marijan Murat/dpa
Eine S-Bahn steht im Stuttgarter Hauptbahnhof: Die Fahrgastzahlen sind um mehr als 80 Prozent eingebrochen, in den Kassen fehlen rund 70 Millionen Euro. Foto: Marijan Murat/dpa

Kreis Ludwigsburg. Morgens an einem Wochentag zwischen dem Favoritepark und dem Ludwigsburger Bahnhof. Wo sich sonst die Fahrgäste in der S-Bahn drängen, herrscht höfliche Zurückhaltung. Dabei zählt die Region diesen Abschnitt mit den Zuläufen auf den Stuttgarter Hauptbahnhof zu den besonders stark frequentierten Strecken. Doch das war 2019. „Das vergangene Jahr war mit 132,7 Millionen Reisenden erneut mit einem Fahrgastrekord verbunden“, sagt der regionale Verkehrsdirektor Jürgen Wurmthaler. „Mehr als 433.000 Fahrgäste nutzten die S-Bahn jeden Tag auf ihrem Weg zur Arbeit, Schule, Universität oder in der Freizeit.“

Seit Corona gehören Busse und Bahnen allerdings zu den großen Verlierern der Krise. Nach einer ersten Einschätzung sind die Fahrgastzahlen bei der S-Bahn laut Wurmthaler um 80 bis 90 Prozent zurückgegangen. Er befürchtet zudem, dass „nicht davon auszugehen ist, dass sich die Situation in den verbleibenden Monaten nivelliert“. Schlimmer noch: Der ÖPNV werde es wegen der Pandemie selbst in den Folgejahren schwer haben.

Zu den Gekniffenen gehören nicht nur die Verkehrsunternehmen, sondern auch der Regionalverband, der die S-Bahn managt. Am Mittwoch sagte Wurmthaler im Verkehrsausschuss, dass wegen weniger verkaufter Tickets rund 70 Millionen Euro in den Kassen fehlen werden. Immerhin gab es diese Woche aber auch gute Nachrichten: Das Land hat einen Rettungsschirm für den Nahverkehr beschlossen und stellt insgesamt 240 Millionen Euro zur Verfügung.

Die Grünen glauben trotzdem, dass Busse und Bahnen schweren Zeiten entgegenfahren. „Der ÖPNV steht auf der Kippe und droht abzustürzen“, diagnostizierte der Fraktionsvorsitzende André Reichel aus Ostfildern im Ausschuss. Seine Fraktion fordert dennoch, jetzt nicht zu bremsen, sondern sich zu den Projekten zu bekennen, die in den kommenden Jahren Investitionen von weit mehr als einer Milliarde Euro fordern: neue S-Bahnen, der elektronische Lotse ETCS, der Ausbau des 15-Minuten-Takts oder Verstärkerlinien auf hochbelasteten Strecken.

Verhindern wollen alle Fraktionen, dass der ÖPNV das Etikett Virenschleuder angeheftet bekommt. Rainer Ganske, der verkehrspolitische Sprecher der CDU aus Gärtringen, verfolgt mit Sorge, dass Unternehmen ihrer Belegschaft von der Nutzung von Bussen und Bahnen abraten. „Das ist fatal“, sagte er. Der Freie Wähler und ehemalige Böblinger Landrat Bernhard Maier beobachtet, dass der „Mainstream gegen den ÖPNV ist“.

Er verlangte wie die FDP erneut, die Situation zu überdenken und sich die Frage zu stellen: „Was können wir uns in Zukunft noch leisten?“ Zumal auch die Kommunen als Umlagezahler der Region von der Krise hart getroffen seien. Maier: „Ihnen geht es so schlecht wie nie.“ Der Fellbacher Genosse Harald Raß will trotzdem nicht zum Spardiktat ansetzen: „Wir sollten an unseren Ausbauvorhaben festhalten, so lange es möglich ist.“

Nach den Pfingstferien nehmen die S-Bahnen auch wieder den Nachtverkehr auf, den gewohnten 15-Minuten-Takt fährt die Flotte bereits seit 11. Mai. „Wir sind aber noch lange nicht in der Normalität angekommen“, sagte der Verkehrsdirektor Wurmthaler am Mittwoch. „Die Maskenpflicht etwa werden wir noch lange beibehalten müssen.“ Auch weil die Abstandsregeln im Nahverkehr nicht immer eingehalten werden könne.

Darüber hinaus sagt die Region Schwarzfahrern den Kampf an, um die Löcher in der Kasse nicht noch größer werden zu lassen. Wurmthaler: „Wir werden massiv darauf hinwirken, dass Fahrgastkontrollen wieder vorgenommen werden.“

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