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Baumfällungen

„Sägeorgien“ ärgern Naturschützer

Nach winterlichen Baumfällarbeiten hagelt es bei den Verwaltungen im Kreis regelmäßig Beschwerden von Anwohnern. In Briefen an unsere Zeitung haben zudem viele Leser ihren Unmut über die jüngsten Rodungen geäußert. Der BUND-Kreisverband Ludwigsburg spricht gar von „Sägeorgien“. Die Behörden argumentieren unter anderem mit der Verkehrssicherungspflicht.

Für Wohnbebauung wurden auf dieser Fläche an der Mundelsheimer-/Benninger Straße in Freiberg Bäume gerodet. Foto: privat
Für Wohnbebauung wurden auf dieser Fläche an der Mundelsheimer-/Benninger Straße in Freiberg Bäume gerodet. Foto: privat

Freiberg/Marbach. Auf einer Fläche von 7700 Quadratmetern wurden Anfang des Jahres für den Neubau der Oscar-Paret-Schule in Freiberg 96 Laub- und Nadelbäume gefällt. Im Lothar-Späth-Carré zwischen Stuttgarter-, Freiberger- und Gartenstraße in Bietigheim-Bissingen mussten Anfang Februar rund 300 Büsche und Bäume – darunter Atlas-Zedern, Zypressen, Thujas, Fichten und Mammutbäume – einem Wohngebiet Platz machen. Für die angestrebte Erweiterung des Energie- und Technologieparks an der Landesstraße zwischen Marbach und Ludwigsburg-Neckarweihingen wurden auf einer ein Hektar großen Streuobstwiese 48 Bäume gerodet. Hinzu kommen Kahlhiebe von Bäumen und Sträuchern, die beispielsweise aus Gründen der Verkehrsicherungspflicht auf öffentlichen Straßen, Wegen und Plätzen stattfinden.

Nicht nur Naturschützer stellen sich die Frage, ob das Ausmaß der Baumfällungen immer mehr zunimmt und gerechtfertigt ist. „Wir haben den Eindruck, dass es in den vergangenen Jahren immer schlimmer geworden ist“, sagt Conrad Fink, Vorsitzender des BUND Ortsgruppe Freiberg. Akribisch listet er die ihm bekannten Standorte auf, an denen Bäume massiv gefällt wurden: zum Beispiel am Freiberger Ortsausgang Richtung Pleidelsheim westlich der Mundelsheimer Straße sowie in Ludwigsburg im Salonwald und am Gämsenberg. „Verkehrssicherheit, wirtschaftliches Interesse und Bauflächen – unseres Erachtens ist es das Gesamtpaket, weshalb immer mehr Bäume gefällt werden“, sagt Fink.

Auch Stefan Flaig, Vorsitzender des BUND-Kreisverbands Ludwigsburg, ärgert sich. „Wir weisen darauf hin, dass die zahlreichen und fortgesetzten Eingriffe in Baum- und Gehölzbestände zu einer weiteren Verschlechterung der Umweltqualität beitragen“, so Flaig. Die Fällungen würden unter anderem dem Klimaschutz entgegenwirken, die Luft und das Stadtklima verschlechtern und das Artensterben beschleunigen. „Häufig werden mit den Eingriffen auch andere Tier- und Pflanzenarten mitvernichtet“, schimpft Flaig. Es sei erschreckend, dass im dicht besiedelten Landkreis Ludwigsburg die Gemarkungsflächen der Kommunen nahezu komplett verbaut würden. „In Marbach wird lediglich 0,1 Prozent der gesamten Markungsfläche nicht für irgendeinen Zweck genutzt“, so der Naturschützer.

Was die Rodung für die Erweiterung des Energie- und Technologieparks in Marbach anbelangt, hat Joachim Lösing, Vorsitzender des BUND Marbach-Bottwartal, eine Beschwerde bei der Umweltmeldestelle der Landesregierung eingereicht. Der Grund: Im Umweltbericht der Kommune seien weder die unter besonderem Schutz stehenden Zauneidechsen noch die Wechselkröten vermerkt, die offenbar im Gewerbegebiet leben. Außerdem seien die Bäume einer Streuobstwiese gefällt worden, obwohl sich das Bebauungsplanverfahren noch in der Anhörung befindet.

Und wie äußern sich die Behörden zu den Baumfällungen? Wie Caren Sprinkart, Sprecherin des Landratsamts Ludwigsburg, auf Anfrage unserer Zeitung mitteilt, wurden im Winter 2018/2019 auf rund 3,6 Hektar Fläche im Kreis Bäume und Büsche gefällt oder zurückgeschnitten. „Zu einem überwiegenden Teil wurden Einzelbäume markiert und entfernt, die aufgrund von Schädigungen und Beeinträchtigung der Standfestigkeit eine Gefährdung für den Straßenraum darstellen können“, so Sprinkart. Rückschnitte seien vor allem an Straßenmündungen und Kreuzungen notwendig gewesen, um eine freie Sicht für die Verkehrsteilnehmer zu ermöglichen. Standfeste Bäume würden gezielt gepflegt, so dass ein stabiler Bestand etabliert werden kann. Dieser Verjüngungsschnitt komme der Pflanzen- und Tierwelt zugute.

Richtlinien und Rechtsnormen für den Schutz von Bäumen sucht man im Landkreis nahezu vergeblich. Lediglich die Stadt Bietigheim-Bissingen hat 1998 eine Baumschutzsatzung erlassen. Allgemeingültig ist außerdem das Fällverbot während der Vegetationsphase von 1. März bis 31. Oktober.

„Einzelfälle, beispielsweise bei Baumaßnahmen, müssen von der Stadtverwaltung genehmigt werden“, sagt Nadine Barwig vom Fachbereich Bauen der Freiberger Stadtverwaltung. Außer den 96 Bäumen für die neue Schule seien in der Bahnhofsstraße im Bereich der alten Buswendeschleife für öffentliche Parkplätze einzelne Bäume gefällt worden. Gegenüber des neu gestalteten Bahnhofsvorplatzes seien zudem Bäume und Sträucher für die Neuerrichtung eines Unterstandes für Busfahrgäste gerodet worden. „Weitere Verkehrssicherungsmaßnahmen haben im Stadtgebiet durch Rückschnitt und Einzelfällungen von pilzbefallenen Bäumen stattgefunden“, teilt Barwig mit.

Das Holz werde in aller Regel von der ausführenden Firma oder durch ein beauftragtes Unternehmen beseitigt. Der Erlös aus dem Holz werde der Stadtverwaltung gutgeschrieben. Das Geld fließe in die Pflege und Unterhaltung der Grünanlagen. Eine Sicherung von Totholz findet laut Barwig in den Bereichen statt, wo es keine Verkehrsgefährdung darstellt. So werden zum Beispiel in Gehölzflächen Holzstapel von einzelnen gefällten Bäumen angelegt und Totholzbäume auf Wiesen bewusst für den Artenschutz stehen gelassen.

Laut Jan Trost, Bürgermeister der Stadt Marbach, werden Bäume und andere Gehölze in der Schillerstadt aus verschiedenen Gründen entfernt. Die Rodungen dienen der Verkehrssicherungspflicht, der Durchführung von Bauvorhaben, der Biotoppflege und der Gewässerunterhaltung. Auch das Eschentriebsterben habe großflächige Baumrodungen nötig gemacht. Nach Baumfällungen wie im Energie- und Technologiepark oder in der Erdmannhäuser Straße für den Bau einer Treppen- und Rampenanlage würden Ersatzpflanzungen durchgeführt.

Das anfallende Holz wird laut Trost in der Regel in speziellen Verwertungsanlagen verarbeitet und beispielsweise in der Hackschnitzel-Heizungsanlage beim Schulzentrum in Marbach als Energieträger verwendet. Weil die Bäume wichtige Funktionen in der Umwelt erfüllen, sei es das Ziel der Stadt, die Funktionsfähigkeit der Baum- und Gehölzbestände auf der Gemarkung zu erhalten. „Baumrodungen erfolgen nicht grundlos und in der Regel auch nicht ohne Ersatz“, teilt Jan Trost mit. Durch die Pflege ihres Baumbestandes leiste die Kommune einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Luftqualität. Auch in Marbach wird laut dem Bürgermeister Totholz von Altbäumen teilweise gesichert und an anderer Stelle, zum Beispiel am Rande des Hardtwalds, ausgelegt. Teilweise richte der Bauhof der Stadt auch spezielle Habitatbäume ein. Sie bieten Lebensräume für Tiere und dienen somit dem Artenschutz.

Wie in Freiberg wird auch in Marbach keine Statistik über die Entwicklung des Baumbestands auf der Gemarkung geführt. „Der Baumbestand auf den städtischen Grundstücken nimmt jedoch tendenziell durch regelmäßige Neu- und Nachpflanzungen zu“, versichert der Marbacher Bürgermeister Jan Trost. Beide Städte sind derzeit dabei, ein Baumkataster der stadteigenen Flächen aufzubauen, um aussagekräftige Daten über die Anzahl der Bäume zu bekommen.

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