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Inflation

„Sonst ist man schnell insolvent“

Speditionen im Kreis Ludwigsburg machen hohe Dieselpreise zu schaffen – Unternehmen müssen Mehrkosten weitergeben

Geschäftsführer Jens Schweitzer an der Betriebstankstelle seiner Ludwigsburger Spedition. Foto: Holm Wolschendorf
Geschäftsführer Jens Schweitzer an der Betriebstankstelle seiner Ludwigsburger Spedition. Foto: Holm Wolschendorf

Kreis Ludwigsburg. Alle zwei Wochen fährt ein Tankwagen, der meist vom Karlsruher Rheinhafen kommt, bis ans äußerste Ende des Ludwigsburger Stadtgebiets. An der Gemarkungsgrenze zu Tamm fährt der Wagen an die Betriebstankstelle der Spedition Schweitzer, um dann gut 30000 Liter Diesel in die Tanks zu füllen – je nach Temperatur etwas mehr (bei Wärme dehnt sich der Diesel aus) oder etwas weniger.

Ob an der eigenen Tankstelle oder, noch stärker, an öffentlichen Zapfhähnen – der Preis für Diesel ist zuletzt in die Höhe geschossen. „Vor einem Jahr kostete der Liter netto etwa einen Euro, aktuell liegt der Preis zwischen 1,20 und 1,30 Euro“, sagt Jens Schweitzer, der das Familienunternehmen zusammen mit seinem Bruder Axel leitet. Die Geschäftsführer rechnen vor, wie die stark gestiegenen Dieselpreise ihre Spedition finanziell belasten: Der Fuhrpark besteht aus etwa 30 Lastwagen, die jeden Monat insgesamt mehr als 100000 Liter Diesel benötigen. Die kosten jetzt „auf einen Schlag“ 20 bis 30 Prozent mehr.

Produkte im Supermarkt teurer

Für das Tagesgeschäft gelte deshalb: „Diese Mehrkosten müssen an die Kunden weitergegeben werden, sonst ist man schnell insolvent“, sagt Jens Schweitzer. Bruder Axel ergänzt, dass die erhöhten Preise „zeitverzögert etwa im Supermarkt oder im Baumarkt ankommen“. Neben dem Tagesgeschäft mit seinen „schwierigen Preisverhandlungen“ gibt es aber auch vertragliche Regelungen mit Großkunden, über die Preise kalkuliert und angepasst werden.

Dieselfahrzeuge müssen laut Abgasnorm 6 zu einem geringen Prozentsatz auch mit der Harnstofflösung Adblue betankt werden. „Der Preis für Adblue steigt noch stärker als Diesel“, sagt Axel Schweitzer. Habe man für 100 Liter früher 200 Euro gezahlt, seien es nun 280 Euro. Das sind etwa 40 Prozent mehr – für die gleiche Menge Adblue.

In Deutschland sind die September-Verbraucherpreise im Vorjahresvergleich um 4,1 Prozent gestiegen – so stark wie seit fast 30 Jahren nicht mehr. Lebensmittel etwa sind teurer geworden, auch Strom und Gas, ebenso Kraftstoff, was auch Speditionen finanziell belastet – sie müssen nun deutlich mehr für Diesel und Adblue berappen als früher. „Wir zahlen heute durchschnittlich rund 25 Prozent mehr als 2019“, sagt Timo Conrad, Geschäftsführer der Kornwestheimer Spedition Era. Die Mehrkosten beim Benzin „spüren wir, wie jeder Pkw-Fahrer, bei jeder Tankfüllung. Stemmen kann das kein Spediteur, weshalb die Steigerungen in unsere Preise einkalkuliert werden. Steigen die Treibstoffpreise, steigen unsere Preise und die Kosten unserer Kunden. Am Ende bezahlen wir alle, die Konsumenten, die Mehrkosten an der Supermarktkasse und bei jedem anderen Einkauf physischer Produkte“, sagt Conrad.

„Wir bezahlen heute, von Durchschnittspreisen ausgehend, rund 25 Prozent mehr für Diesel als im Jahr 2019“, so der Chef des mittelständischen Unternehmens: „Den Preisanstieg wird kein Logistiker schlucken können.“ Auf den Preis eines Endprodukts wirke sich der Anstieg unterschiedlich aus, so Conrad: „So hat der Treibstoffpreis eine wesentlich höhere Auswirkung etwa auf Baustoffe als auf ein Smartphone.“

Die Era-Lkw tanken pro Stopp rund 600 Liter Diesel, auf der Langstrecke sind aber auch Fahrzeuge mit bis zu 1000 Liter Fassungsvermögen im Tank unterwegs. Diese können laut Conrad 3000 Kilometer nonstop unterwegs sein und „müssen zumindest aus Tankgründen keinen Halt in Deutschland einlegen. Sie können dort tanken, wo es günstiger als bei uns ist“.

Conrad erklärt, dass es einen „Mix an Gründen“ für die Preisanstiege gebe. Dazu gehöre etwa, dass es kälter werde und Nutzer von Ölheizungen ihre Tanks füllen, „weil sie noch höhere Preise als jetzt befürchten“. Außerdem habe die Wirtschaft angezogen, „es wird mehr transportiert“, auch gebe es mehr Fahrten mit dem Pkw als vor der Coronapandemie. „Die Einführung der CO-Steuer in diesem Jahr – 25 Euro je Tonne – tat ein Übriges und schlägt bei Diesel allein mit plus 7,6 Cent pro Liter zu Buche. Ab 2022 kommen hier weitere 1,5 Cent hinzu“, sagt Conrad.

Auch das Besigheimer Unternehmen Müller – Die lila Logistik muss beim Kraftstoff Kostensteigerungen im zweistelligen Prozentbereich verkraften – und muss diese ebenfalls an Kunden weitergeben, wie Sprecher Oliver Streich mitteilt. Ein Lkw der Firma tankt im Schnitt viermal pro Monat etwa 700 Liter, „aktuell haben wir 75 Zugmaschinen“, sagt Streich.

Laut Jens und Axel Schweitzer, den beiden Geschäftsführern der gleichnamigen Spedition, ist die Rohstoffverknappung schuld an der Inflation. „Halbleiter- und Chipmangel sind mindestens genauso schlimm wie die Diesel-Preissteigerungen.“ Könne etwa ein Kunde deshalb keine Getriebe mehr an Daimler liefern, „dann betrifft uns das als Spedition auch stark“.

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