Logo

Späte Aufarbeitung der NS-Justiz

Ort vieler Hinrichtungen: Im Landgericht Stuttgart eröffnet eine Dauerausstellung

Kuratorin Sabrina Müller erläutert die Ausstellung zur NS-Justiz in Stuttgart, die ab heute im Landgericht zu sehen ist.Foto: Jürgen Schmidt
Kuratorin Sabrina Müller erläutert die Ausstellung zur NS-Justiz in Stuttgart, die ab heute im Landgericht zu sehen ist. Foto: Jürgen Schmidt

Stuttgart.. Weil sie zwei Ausgaben des „Vorboten“, einer kommunistischen Zeitschrift gegen den Hitlerfaschismus gelesen und fünf Reichsmark an einen Widerstandskämpfer gespendet hatte, wurde Henriette Wagner 1942 vom 1. Strafsenat des Oberlandesgerichtes Stuttgart zum Tod verurteilt und 1943 im Lichthof des Justizgebäudes hingerichtet. Ihr Schicksal ist eines der Beispiele, mit denen eine neue Ausstellung über die NS-Justiz in Stuttgart erinnert, die heute offiziell eröffnet wird.

Das Besondere an der Schau ist, dass sie nicht in einem Museum gezeigt wird, sondern dauerhaft im ersten Stock des Landgerichts Stuttgart. „Das Gericht wird zum Erinnerungs- und Ausstellungsort“, erklärte die Direktorin des Hauses der Geschichte, Paula Lutum-Lenger. Und der Hausherr, Landgerichtspräsident Andreas Singer, betonte, dass man „alle Menschen, die vor Gericht gehen“, mit dem Thema konfrontiere, weil die Wandtafeln mit Dokumenten, Bildern und erläuternden Texten im Gang zu den Verhandlungssälen und im Foyer davor hängen.

Besonders an der Ausstellung ist auch, dass sie zum ersten Mal die Rolle der Justiz in Württemberg im Nationalsozialismus umfassend in den Blick nimmt. „Württemberg ist Schlusslicht bei der Aufarbeitung“, sagte die Kuratorin der Ausstellung, Sabrina Müller vom Haus der Geschichte. Die Landeseinrichtung hat das Projekt gemeinsam mit dem Oberlandesgericht und dem Landgericht Stuttgart verwirklicht.

Dass es so lange gedauert hat, bis sich die heimische Justiz mit ihrer Rolle im Nationalsozialismus auseinandersetzt, liegt offenbar an wissenschaftlicher Bequemlichkeit. Es habe immer geheißen, in Stuttgart sei eine Aufarbeitung nicht möglich, weil die Akten bei einem Bombenangriff in der Spätphase des 2. Weltkriegs verbrannten, sagte Müller. Im badischen Mannheim dagegen lägen die Akten in einem Archiv und erschlossen vor. Die Historikerin bewies in ihren dreijährigen Recherchen, dass es sehr wohl möglich ist, Material über Opfer und Täter zusammenzutragen. „Es sind Akten vorhanden, aber eben verstreut“, erklärte sie.

Die Ausstellung dokumentiert nicht nur die wichtigsten Fakten der NS-Strafjustiz, sondern beleuchtet auch einzelne Biografien von Opfern, aber auch von Richtern und Staatsanwälten. Ein Bereich ist den 73 Juristen gewidmet, die ermordet, entrechtet oder in die Emigration gezwungen wurden. Und vor dem Landgericht erinnern drei Stelen mit Namen an die 423 Justizopfer, die im Lichthof des Gerichtes hingerichtet wurden.

Autor: