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Zoff ums Wasenstadion
Stotterstart für den Regionalliga-Aufsteiger SGV Freiberg

Der Gemeinderat beschloss mehrere Vorschläge zum Trainingsbetrieb des SGV Freiberg. Foto: Holm Wolschendorf
Der Gemeinderat beschloss mehrere Vorschläge zum Trainingsbetrieb des SGV Freiberg. Foto: Holm Wolschendorf
Die Euphorie ist dahin. Ob der Neu-Regionalligist SGV Freiberg sein erstes Heimspiel gegen den VfR Aalen im Wasenstadion austragen darf, ist wegen Sicherheitsbedenken in Gefahr. Gelingt es nun wenigstens, das belastete Verhältnis zur Stadt zu verbessern?

Freiberg. Am letzten Spieltag der vergangenen Oberligasaison treibt der SGV Freiberg das Drama auf die Spitze. In der vierten Minute der Nachspielzeit köpft Marcel Sökler eine Ecke ins Tor und sein Team beim FC Nöttingen zur Meisterschaft. Der SGV steigt in die Regionalliga Südwest auf, die vierthöchste deutsche Spielklasse, der Rivale Stuttgarter Kickers scheitert wegen der schlechteren Tordifferenz später auch in der Relegation.

Am 6. August könnte der Weg des SGV nun wieder ins rund 70 Kilometer entfernte Nöttingen im Enzkreis führen – wenn die Freiberger zum Saisonstart ihr Heimspiel gegen den VfR Aalen austragen, das für die Behörden ein Hochrisikokick ist. Am Dienstag um kurz nach 16 Uhr verschickt das Ludwigsburger Polizeipräsidium eine E-Mail an den Verein und die Stadt Freiberg, in der es Sicherheitsbedenken gegen das Wasenstadion anmeldet. Ursprünglich war abgemacht, dass ein provisorischer Zaun bis zum Anpfiff um den Gästeblock entstehen sollte. Das reichte der Liga und der Polizei zunächst aus – jetzt aber wohl nicht mehr.

Der Gästeblock wird zum Problem

Die Polizei bemängelt, dass der Zaun bei aufgeheizter Stimmung nachgeben und so Menschen gefährden könne, auch wenn sie keine technische Prüfung vorgenommen habe. Der Freiberger Bürgermeister Dirk Schaible zeigt sich am späten Dienstagabend im Gemeinderat trotzdem alarmiert. Szenen wie bei der Loveparade in Duisburg vor zwölf Jahren, bei der 21 Menschen starben, könne keiner wollen, so Schaible. Rückendeckung bekommt er aus den Fraktionen. „Bei der Sicherheit können wir keine Kompromisse zulassen“, sagt etwa der FDP-Ratsherr Thomas Baum.

Der SGV Freiberg legt die Mail der Polizei anders aus. Der Verein geht davon aus, dass der Zaun im Gästeblock nur fest im Boden verankert sein müsse. Außerdem bekräftigt Clubpräsident Emir Cerkez, ein Dachbauunternehmer, dass beim dritten Heimspiel, einer weiteren Hochrisikopartie gegen Kickers Offenbach, ein fester und rund 2,20 Meter hoher Zaun um den Gästeblock montiert sein werde. Cerkez: „Wir bemühen uns, die Anforderungen zu erfüllen.“

Nöttingen gilt als Ausweichort – nicht Großaspach

Schon vor Saisonbeginn hatte der SGV für Hochrisikospiele das Stadion in Nöttingen als Ausweichort angegeben – auch weil sich die eigentlich naheliegende Lösung Großaspach nach Informationen unserer Zeitung nicht realisieren ließ. Beide Seiten kamen nicht auf einen gemeinsamen Nenner. Alle anderen Partien könnten nach aktuellem Stand im Wasenstadion stattfinden. Verschärfte Bedingungen gelten demnach lediglich für die Spiele gegen Aalen, Offenbach und Ulm. Dazu könnten noch Homburg und Kassel kommen.

Am Mittwoch trafen sich die Polizei, der SGV und die Stadt noch einmal vor Ort im Wasenstadion, um die Lage zu erörtern – auf Anfrage unserer Zeitung äußerten sich nur die Polizei und der Freiberger Beigeordnete Stefan Kegreiß zum Inhalt. „Eine gemeinsam gefundene Möglichkeit wird nun seitens der Stadt Freiberg auf Realisierbarkeit geprüft“, so eine Polizeisprecherin. Im Klartext: Der provisorische Zaun für den Gästeblock ist wohl grundsätzlich kein K.-o.-Kriterium, er müsse aber verstärkt werden. „Wir werden jetzt die technischen Daten zusammentragen“, sagt Kegreiß. Auszuwerten ist zudem ein Sicherheitskonzept für das Wasenstadion, das der SGV am Mittwoch anscheinend ebenfalls vorgelegt hat. Die endgültige Entscheidung, ob das erste Regionalliga-Heimspiel in der Geschichte des SGV in Freiberg stattfinden kann oder nicht, muss dann das Rathaus als Genehmigungsbehörde fällen. Die Deadline: dieser Freitag. „Wir wollen versuchen, die Dinge hinzubekommen, nicht sie zu verhindern“, sagt Kegreiß.

Stadt und Verein sind seit Jahren über Kreuz

Dass es zwischen der Stadt, die Eigentümerin des Stadions ist, und dem Verein seit Langem hakt, erzählt in Freiberg so gut wie jeder, den man fragt. Im Raum steht, dass der SGV gerne einseitig Fakten schaffe und von der Kommune dann erwarte zu springen – etwa bei der Ausweitung des Trainingsbetriebs.

Bürgermeister Schaible gratulierte dem Aufsteiger zwar am Dienstagabend zu „einem großartigen und nie dagewesenen Erfolg“. Er beklagte aber mehrfach den „wahnsinnigen Zeitdruck“, der nach dem Aufstieg im Juni entstanden sei, um aus dem Wasenstadion eine taugliche Spielstätte zu machen – zumal der Verein seit Jahren in die Regionalliga strebe. Schaible: „Der Aufstieg war kein Zufall.“

Die Stadt hatte dem SGV zuletzt ein Grundstück in der Nähe angeboten, auf dem er schrittweise ein eigenes Stadion hätte bauen können. Der Kostenpunkt: 10 bis 15 Millionen Euro. „Nicht darstellbar“, winkte der SGV-Boss ab. Cerkez hätte lieber auf den Plätzen1 und 3 des Wasenstadions eine neue Arena bauen lassen – mit saftigen Zuschüssen der Kommune. Die sieht aber die Förderung von Profisport nicht als kommunale Aufgabe an und will das Stadion weiter auch anderen Vereinen zur Verfügung stellen.

Vier bis fünf fürs Management

Das ist herrschende Meinung im Gemeinderat. Der Freie Wähler Mario Wildermuth hält den SGV für den Auslöser des Kuddelmuddels. Für den sportlichen Erfolg des Vereins zückt er eine 1,0, dem Management gibt er nur eine vier bis fünf. „Ich sehe kein neues Stadion im Wasenbereich“, sagte Wildermuth am Dienstagabend, insbesondere wegen der verkehrlichen Lage mit engen Straßen und kaum Parkplätzen. Auch Michael Frey von der Offenen Grünen Liste ist es „schleierhaft, wie das funktionieren soll“. Die Politik vermisst zudem ein Gesamtkonzept des Vereins für die Regionalliga und die Zukunft des Wasenstadions. Das will Cerkez, den Wegbegleiter als fußballverrückt, aber auch aufbrausend beschreiben, so nicht stehen lassen. Sein Verein habe Vorschläge gemacht, wie das Areal zu ertüchtigen sei, sich jedoch im Rathaus regelmäßig einen Korb geholt.

„Wir werden nie zu einer gemeinsamen Einstellung kommen“, sagte Schaible im Gemeinderat. Er formulierte aber auch die Hoffnung, die Unstimmigkeiten aus der Vergangenheit überwinden zu können. Positiv bewertet es der Schultes, dass der SGV mittlerweile von Anwalt Thomas Himmer aus der Kanzlei des Ludwigsburger Sportrechtsexperten Christoph Schickhardt vertreten wird. „Dadurch hat sich die Kommunikation deutlich versachlicht.“ Und auch der Präsident Cerkez wünscht sich, dass „wir einen gemeinsamen Weg finden“. Sein Ziel: Dass alle Regionalligaspiele im Wasenstadion stattfinden können und am Ende der Klassenerhalt steht.

Beschlüsse

Wie es für den SGV weitergeht

Um kurz vor Mitternacht fasste der Gemeinderat am Dienstagabend diese Beschlüsse:

Der SGV Freiberg darf den Gästeblock des Wasenstadions regionalligatauglich umbauen – jedoch auf eigene Kosten. Bürgermeister Dirk Schaible: „Die Förderung von Profisport ist keine kommunale Aufgabe.“

Der Regionalliga-Aufsteiger darf künftig zweimal täglich im Wasen trainieren, anders als es die Nutzungsvereinbarung derzeit vorsieht. Die Regelung ist bis zum 30. September befristet. Danach bietet die Stadt dem SGV ein Grundstück zur Herstellung eines eigenen Trainingsplatzes an.

Auf Dauer soll Regionalliga-Fußball nicht im Wasenstadion stattfinden. Die Stadt besteht darauf, dass die Fußballer ab 2024 eine andere Spielstätte gefunden haben sollten.