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Corona

Streit um Aufnahme von Patienten

Die baden-württembergische Landesregierung hat dem Kreis Ludwigsburg untersagt, Corona-Patienten aus dem italienischen Bergamo aufzunehmen. Erst eine Intervention von Ministerpräsident Winfried Kretschmann machte am Wochenende den Weg frei. Trotzdem werden die Kranken zunächst nicht kommen.

Wie hier auf dem Flughafen Leipzig-Halle sollten zwei Patienten aus Bergamo mit speziellen Flugzeugen nach Ludwigsburg gebracht werden. Fotos: Sebastian Willnow/Kevin Schrief/dpa
Wie hier auf dem Flughafen Leipzig-Halle sollten zwei Patienten aus Bergamo mit speziellen Flugzeugen nach Ludwigsburg gebracht werden. Foto: Sebastian Willnow/Kevin Schrief/dpa
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Kreis Ludwigsburg. Die Situation in Norditalien wurde zuletzt immer dramatischer. Die Betten auf den Intensivstationen reichen nicht mehr aus, Beatmungsgeräte konnten nicht für alle Patienten zur Verfügung gestellt werden. Deshalb erreichte Mittwoch vergangener Woche ein Hilferuf des Bürgermeisters von Bergamo, Giorgio Gori, den Landrat von Ludwigsburg. Er bat darum, dass der Kreis und seine Kliniken zwei schwerkranke Männer aufnehmen, für die es in der Partnerregion von Ludwigsburg keine Behandlungsmöglichkeit mehr gab. Allgaier sagte sofort zu, die Freunde aus Bergamo zu unterstützen.

Schließlich sind im Gesamtverbund der RKH Kliniken (mit Ludwigsburg, Bietigheim-Bissingen, Bretten, Bruchsal und Mühlacker) derzeit noch sehr viele Betten frei. Insgesamt gibt es 150 Beatmungsgeräte. Im Klinikum Ludwigsburg sind 34 Patienten auf der Intensivstation, 46 in normaler Therapie. 18 Menschen sind dort seit Ausbruch an den Folgen der Infektion gestorben. In Bietigheim-Bissingen sind derzeit zwei Menschen stationär aufgenommen, sechs sind bislang verstorben. Im gesamten Bereich der RKH-Kliniken sind 38 Beatmungsgeräte in Gebrauch. 150 stehen zur Verfügung.

Grund genug für Allgaier, sofort alle Hebel in Bewegung zu setzen. Er nahm Kontakt mit der deutschen Botschaft in Rom auf, die für die Verteilung der Patienten zuständig ist. Die Mitarbeiter in der italienischen Hauptstadt kontaktierten das dortige Amt für Zivilschutz, doch es konnte zunächst keine geeignete Maschine gefunden werden, da nur Maschinen zur Verfügung standen, die mindestens sechs kranke Menschen transportieren. Leerflüge in diesen Zeiten machen wenig Sinn. Die italienische Luftwaffe bot sich an, da sie über entsprechende Flugzeuge verfügt. Allerdings stand die Schließung des Stuttgarter Flughafens noch als Problem zwischen dem Transport. Die Patienten hätten bis Sonntag 16 Uhr in der Hauptstadt landen müssen. Der Baden-Airpark bot sich als Ausweichlandeplatz an. Schließlich ist dort die Deutsche Luftrettungsgesellschaft stationiert.

Alles war bereit. Doch dann kam das Nein aus dem Stuttgarter Sozialministerium. Denn die Betten und Beatmungsgeräte sollten frei gehalten werden, um mögliche Patienten aus der Region aufzunehmen. Damit blieb die Landesregierung bei ihrer Haltung, die sie schon zwei Wochen zuvor eingenommen hatte, als es darum ging, Kranke aus dem Elsass aufzunehmen. Damals soll das Innenministerium der Aufnahme einen Riegel vorgeschoben haben, obwohl RKH-Direktor Jörg Martin ausreichend Kapazitäten hatte und der Höhepunkt der Welle in der Region erst zum Osterfest erwartet wurde.

Alle Argumente des Landrats stießen auch jetzt in den Ministerien auf taube Ohren. Sehr zum Missfallen der RKH-Aufsichtsräte. Schon vor Tagen hatte Ministerialdirektor Wolf-Dietrich Hammann an die Kliniken geschrieben und um Zurückhaltung bei der Aufnahme von Kranken aus anderen Ländern gebeten. Denn in der Region spitze sich die Lage zunehmend zu. Erst als Allgaier am Freitag Ministerpräsident Winfried Kretschmann einschaltete, gab es grünes Licht für den Transport. Zwischenzeitlich hat sich die Lage in Italien allerdings etwas entspannt. Zum ersten Mal seit Beginn der Krise lagen auf den Intensivstationen der Lombardei weniger Patienten. Die Zahl sank nach Auskunft von Professor Alberto Barzano um 64 auf 1317. „Es ist das erste Mal, dass Intensivpatienten abnehmen“, so Barzano. Ein Zeichen der Hoffnung verbunden mit dem Dank an den Landkreis „für die zugesagte Unterstützung und große grenzüberschreitende Solidarität.“

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