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Nahverkehr im Kreis Ludwigsburg und der Region
Stuttgarter S-Bahn-Chef Dirk Rothenstein entschuldigt sich für Chaos

Der Stuttgarter S-Bahn-Chef Dirk Rothenstein muss am Mittwoch im regionalen Verkehrsausschuss erklären, warum es auf der Schiene mal wieder nicht rund läuft. Foto: Franziska Kraufmann/dpa
Der Stuttgarter S-Bahn-Chef Dirk Rothenstein muss am Mittwoch im regionalen Verkehrsausschuss erklären, warum es auf der Schiene mal wieder nicht rund läuft. Foto: Franziska Kraufmann/dpa
Die Sanierung des Stuttgarter S-Bahn-Tunnels und Probleme mit den Rädern haben die Flotte in der Region wieder mal in Probleme gestürzt. Dafür bittet S-Bahn-Chef Dirk Rothenstein jetzt um Verzeihung.

Kreis Ludwigsburg. Dirk Rothenstein kommt am Mittwochnachmittag im dunklen Businessanzug in den regionalen Verkehrsausschuss in der Sparkassen-Akademie am Pariser Platz. Nicht das passende Outfit, findet zumindest der Regionalpräsident Thomas Bopp (CDU). Er rät dem Stuttgarter S-Bahn-Chef zum Kampfanzug.

Denn Rothenstein muss das tun, was er in den vergangenen Jahren so oft getan hat – die Probleme der chronisch unpünktlichen Flotte erklären. Der oberste S-Bahner in der Region fängt mit einer Entschuldigung an die Fahrgäste an – für die vielen Unannehmlichkeiten der vergangenen Wochen, die die meisten im Ausschuss als aufrichtig empfinden.

Fast 100 Fahrzeuge werden aus dem Verkehr gezogen

Zum zweiten Mal ließ die S-Bahn in den Sommerferien den kompletten Stuttgarter S-Bahn-Tunnel sperren, um ihn fit für die moderne Signaltechnik ETCS zu machen und den Haltestellen ein frischeres Outfit zu verpassen. Die Investitionssumme: 80 Millionen Euro. „Die Baustelle ist gut gelaufen“, bilanziert Rothensteins Kollege Rüdiger Weiß von der Bahntochter DB Netz. Viel mehr aber auch nicht.

Am 17. August muss die Bahn fast 100 Fahrzeuge der Baureihe ET 430 aus dem Verkehr ziehen und den Betrieb auf der Ausweichstrecke zwischen dem Stuttgarter Norden und dem Stadtteil Vaihingen einstellen – wie im Vorjahr. Der Grund ist eine erhöhte Abnutzung der Räder auf der kurvenreichen Strecke.

Ein Oberleitungsschaden legt den S-Bahn-Tunnel lahm

Am 5. September kommt es noch dicker. Die Bahn räumt ein, dass auch der Abschnitt zwischen Flughafen und Filderstadt die Räder so malträtiert, dass hier ebenfalls nichts mehr geht.

Das ist aber noch nicht alles: Als die Stammstrecke am 12. September wieder regulär in Betrieb gehen soll, bremst ein Oberleitungsschaden die Züge ab 5.30 Uhr stundenlang aus. Die Ursache ist menschliches Versagen – eine vergessene Kralle.

Der Frust ist seitdem enorm. Die Grünen sprechen von einem Tiefpunkt des S-Bahn-Systems in der Region. Der Stuttgarter Regionalrat Philipp Buchholz: „Die S-Bahn ist derzeit die beste Werbung, um ein Auto zu kaufen.“

Alle sind sich einig: Der nächste Schuss muss sitzen

Das Problem ist ja: Auch in den kommenden drei Sommerferien wird die Röhre unter dem Hauptbahnhof zur Baustelle, um den Knotenpunkt zu digitalisieren. Der Ditzinger Oberbürgermeister und SPD-Regionalrat Michael Makurath fordert deshalb für 2023 „ein Modell, das sicher befahrbar ist“. Der CDU-Regionalrat Rainer Ganske sagt: „Der nächste Schuss muss sitzen.“

Die Bahn hat nun einen externen Gutachter beauftragt, der die Räder und die Schienen auf der sogenannten Panoramabahn untersuchen soll. Der Regionaldirektor Alexander Lahl gibt der Bahn bis Jahresende Zeit für Lösungen – sonst muss für die nächste Stammstreckensanierung ein Plan B her.

Stuttgart 21: Bahn präsentiert Störfallkonzept

Akteure wie der ökologische Verkehrsclub Deutschland und der Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel (Grüne) fordern seit Jahren ein Störfallkonzept für die S-Bahn in der Region, damit Stuttgart 21 bei Inbetriebnahme im Dezember 2025 die Flotte nicht ausbremst. Jetzt hat die Bahn geliefert.

Das Konzept soll greifen, wenn der Stuttgarter S-Bahn-Tunnel zwischen dem Hauptbahnhof und Österfeld mal wieder gesperrt werden muss – wegen Schäden an Weichen oder Oberleitungen, bei Notarzteinsätzen oder Menschen im Gleis. Zwischen neun und 15 solcher Vorfälle gibt es laut Rüdiger Weiß von der Bahntochter DB Netz im Jahr, die im Durchschnitt etwa zwei Stunden dauern.

Erschwerend hinzu kommt, dass mit S21 der Kopfbahnhof mit seinen 16 Gleisen wegfällt und unter Tage dann nur noch acht Gleise zur Verfügung stehen – ganz schön eng.

Weiß versprach am Mittwoch im regionalen Verkehrsausschuss „flexible und intelligente Lösungen“ bei Störfällen . Der neue digitale Lotse namens ETCS (European Train Control System) soll es möglich machen, dass nicht mehr die gesamte Stammstrecke gesperrt werden muss. „Wir möchten möglichst nah an die Störungen heranfahren“, sagte der Experte.

Und was bedeutet das für die Linien im Kreis?

S4: Die Züge aus Marbach fahren im Störfall nur bis zur neuen S-Bahn-Station Mittnachtstraße im Stuttgarter Rosensteinviertel.

S5: Die S-Bahnen aus Bietigheim steuern den neuen Tiefbahnhof an.

S6: Die Linie aus Korntal und Ditzingen endet im Notfall in Feuerbach.