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Sucht im Betrieb

Trinken bis kurz vorm Tod

Ein Kornwestheimer erzählt von seinem Alkoholproblem – Sein Arbeitgeber hilft ihm aus der Krise

Im Gespräch: Marcel Semmler (links), Suchtberater bei dem Besigheimer Unternehmen Komet (heute Teil der Ceratizit-Gruppe), und Mike Ullmann, Fachbereichsleiter Suchthilfe beim Kreisdiakonieverband Ludwigsburg. Foto: Alfred Drossel
Im Gespräch: Marcel Semmler (links), Suchtberater bei dem Besigheimer Unternehmen Komet (heute Teil der Ceratizit-Gruppe), und Mike Ullmann, Fachbereichsleiter Suchthilfe beim Kreisdiakonieverband Ludwigsburg. Foto: Alfred Drossel

Besigheim. „Entweder machst du so weiter und stirbst. Oder du ziehst die Reißleine.“ Diesen einen klaren Gedanken konnte Andreas Kant (Name von der Redaktion geändert) noch fassen – in einer Zeit, in der sein Denken nur noch von einem Thema bestimmt war. „Ich hatte rund um die Uhr Alkohol im Kopf“, erinnert sich Kant. Morgens, nach dem Aufstehen, trank er eine halbe Flasche Wodka aus, „um ruhig zu werden und das Zittern abzustellen“.

Damals, in den Jahren nach 1992, nachdem er arbeitslos geworden war, wachte Kant morgens im eigenen Urin auf; er magerte ab und isolierte sich, weil er, als Folge seiner Sucht, keinen Wert mehr auf Essen und gesellschaftliche Kontakte legte. Wichtig war für ihn nur noch Alkohol und die Frage: Habe ich immer genug davon im Haus? „Das muss man ständig planen“, sagt Kant. Fehlte dann doch Stoff, „kroch ich in den nächsten Laden oder zur nächsten Tankstelle und kaufte mir den dort“.

Für einen Süchtigen sei Stoff wie die „Luft, die ein Mensch zum Atmen braucht“, sagt Mike Ullmann, „für ihn dreht sich 24 Stunden am Tag alles darum, diesen Stoff zu haben“. Der 51-Jährige arbeitete mehrere Jahre als Therapeut in einer Suchtklinik im Nordschwarzwald, seit Oktober 2018 ist er Fachbereichsleiter Suchthilfe beim Kreisdiakonieverband Ludwigsburg. Ob Drogen, Medikamente oder technische Gase, ob Glücksspiel, Alkohol oder Tabak – eine Abhängigkeit entstehe oft dann, „wenn aus Ausprobieren Gewohnheit wird“. Und meist dort, „wo Druck herrscht“, wo beispielsweise Mitarbeiter eines Unternehmens illegale Mittel benötigen, „um die Leistung abzurufen, die der Arbeitgeber von ihnen erwartet“. Im Schichtbetrieb der Automobilindustrie etwa sei die physische und psychische Belastung hoch, sagt Ullmann: „Nicht immer hat man ausgeschlafen, und trotzdem muss man um 4 Uhr zur Arbeit.“ Bestimmte Mittel und Stoffe könnten für unter Druck stehende Beschäftigte dann eine aufputschende Wirkung haben.

Sucht in der Arbeitswelt ist laut Ullmann häufig mit dem Thema Alkohol verbunden. Der könne Mitarbeiter leichtsinnig machen, folglich steige das Risiko, dass Maschinen, „die immer teurer und sensibler werden“, ausfallen können. „Das kann sich kein Betrieb mehr leisten“, betont Ullmann. Suchtprobleme von Mitarbeitern könnten in einem Unternehmen hohe Kosten verursachen. Und Süchtige richteten einen „enormen volkswirtschaftlichen Schaden“ an: Alkoholsucht oder -erkrankung verursacht laut Ullmann bundesweit direkte oder indirekte Kosten von mindestens 15 Milliarden Euro pro Jahr. Der Fachmann zitiert eine Statistik, nach der ein an Alkoholsucht erkrankter Beschäftigter im Schnitt 118 Tage pro Jahr im Betrieb fehlt, inklusive Zeiten für die Rehabilitation. Etwa 14.000 Menschen pro Jahr gingen alkoholbedingt in Frührente. „Süchtige leisten an ihrem Arbeitsplatz im Schnitt nur 75 statt 100 Prozent.“

Mitarbeiter dürften nicht wegen ihrer Sucht, einer anerkannten Krankheit, entlassen werden – „nur dann, wenn sich jemand weigert, gegen diese Krankheit etwas zu tun“, erklärt Ullmann. Der Arbeitgeber habe gegenüber seinen Beschäftigten eine Fürsorgepflicht.

Andreas Kant ist gelernter Lederzuschneider für die Schuhproduktion. Mit Alkohol und Drogen kam er als Jugendlicher in Kontakt. Damals traf er sich in einem Park oft mit dem Nachwuchs von US-Armeeangehörigen: „Die Amis schleppten kistenweise Bier an, danach ging es noch in die Kneipe, Alkohol gehörte damals einfach dazu.“ Kant rutschte schleichend in die Sucht; das Problem verschärfte sich, als er sein erstes eigenes Geld verdiente und sich damit selbst viel Alkohol kaufen konnte. „Das schaukelte sich hoch“ – so bezeichnet Kant den Weg, der ihn in die Abhängigkeit führte. 1992 kam „der totale Absturz, auch weil ich arbeitslos wurde“.

Nach Entgiftungen und Therapien, nach einer Umschulung zum Industriemechaniker und mehreren Jobs kommt Kant 2006 zu Komet. Das Besigheimer Unternehmen ist seit 2017 Teil der Ceratizit-Gruppe und produziert Präzisionswerkzeuge für den Maschinenbau und die Automobilindustrie. Der neue Mitarbeiter beginnt in der Produktion – Alkohol hat er nun seit Jahren schon nicht mehr konsumiert.

2010 aber hat er einen Rückfall, ausgelöst durch eine schwere Depression: Weil Medikamente nicht anschlagen, flüchtet Kant wieder in den Alkohol. In den nächsten Jahren wechselt er zwischen Sucht und Abstinenz – bis er 2016, wie er rückblickend sagt, „nahe am Tod“ ist.

Zu dieser Zeit lassen sich zwei Komet-Mitarbeiter vom Diakonischen Werk Württemberg zu betrieblichen Ansprechpartnern für Suchtprävention ausbilden: Kathrin Eikenberg aus der Verwaltung und Marcel Semmler aus der Produktion lernen ein Jahr lang in verschiedenen Blöcken, welche Suchtmittel es gibt, wie sie wirken, wie man mit Betroffenen ein Gespräch führt, welche Aufgaben Vorgesetzte bei Suchtproblemen im Betrieb haben. Diese Ausbildung läuft unter dem Motto: „Wegschauen ist keine Lösung.“

Kants Vorgesetzter bei Komet schaut nicht weg, er fährt sogar zu seinem Mitarbeiter nach Hause, weil dieser mal zu spät kommt, mal unentschuldigt fehlt. Einmal entdeckt er Kant dort bewusstlos – und ruft den Krankenwagen. Danach schaltet er die angehenden Suchthelfer des Unternehmens ein. Es folgen Beratungsgespräche im Betrieb, dann mit der Suchtberatungsstelle vom Kreisdiakonieverband Ludwigsburg. Das, betont der betroffene Mitarbeiter, sei genau das richtige Vorgehen gewesen. Es orientiert sich an einem betrieblichen Stufenplan für suchtkranke Mitarbeiter, mit dem Komet Betroffene wieder voll arbeitsfähig machen will.

Bei Kant gelingt das: Nach einer Abmahnung aus der Komet-Personalabteilung macht er eine Entgiftung, direkt danach eine Therapie, unter ärztlicher Aufsicht. Seitdem trinkt er keinen Alkohol mehr.

„Wir sind keine Sucht-Polizei im Betrieb“, sagt Semmler über die vor etwa 15 Jahren gegründete Suchtberatung bei Komet. „Wir vermitteln Betroffene zur Suchthilfe des Kreisdiakonieverbands, mit dem wir zusammenarbeiten.“ Erkrankte müssten auf die Helfer zukommen, „umgekehrt dürfen und wollen wir das nicht“. Die Suchtberatung bei Komet, heute Ceratizit, ist räumlich an den Betriebsrat angegliedert und arbeitet eng mit ihm zusammen. Wer in diesen Bürotrakt geht, könnte auch Betriebsräte aufsuchen. Wenn Eikenberg und Semmler mit einem Betroffenen sprechen, dann ziehen sie sich in einen separaten Besprechungsraum zurück, damit die Person von Vorbeigehenden nicht zu identifizieren ist.

Die beiden Suchtberater der Firma betonen, dass es bei Komet „eine vorbildliche Betriebsvereinbarung gibt“. Diese sei in Eskalationsstufen gegliedert. „Auch nach einer Kündigung besteht die Möglichkeit, eine erfolgreiche Therapie zu absolvieren und innerhalb eines Jahres in das Unternehmen zurückzukehren.“

„Unser Hauptanliegen“, sagt Semmler über die Suchtberatung, „ist es, junge Menschen zu erreichen, ihnen zu zeigen, dass es solche Geschichten und dass es Anlaufstellen für Betroffene gibt“. Deshalb startete in diesem Jahr bei Komet eine Präventionsveranstaltung für Auszubildende zum Thema „Sucht am Arbeitsplatz und deren Auswirkungen“. Dort erzählt auch Kant den jungen Leuten von seiner Lebens- und Suchtgeschichte.

Auf dem Komet-Gelände stand früher ein Bierautomat, freitags tranken Mitarbeiter mitunter ein Feierabendbier auf dem Areal. Die Zeiten sind vorbei: Den Automaten gibt es nicht mehr. Und bis vor wenigen Wochen, sagt Semmler, galt Alkohol am Arbeitsplatz als nicht gerne gesehen. Jetzt gibt es, festgeschrieben in der Hausordnung, ein Alkoholverbot auf dem gesamten Firmengelände.

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