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Gesundheitswesen

Über die Leistungsgrenze hinaus

An der Orthopädischen Klinik in Markgröningen werden auf einer Spezialstation seit Mitte März pflegebedürftige Senioren versorgt. Krankenschwestern arbeiten offenbar bis zur Erschöpfung.

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Markgröningen. Frau F. graut es vor der Nacht. Vor jener Zeit, die eigentlich die erholsamste sein sollte. „Ich konnte immer gut schlafen. Mir fielen die Augen zu, sobald ich im Bett lag“, sagt die Krankenschwester, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will. Doch in diesen Tagen ist alles anders. F. nimmt ihre Probleme von der Arbeit in der Orthopädischen Klinik in Markgröningen (OKM) mit nach Hause – und ins Bett. „Ich habe Albträume und wache in der Nacht mehrmals auf“, sagt sie unserer Zeitung.

Auslöser ist die Entscheidung der Regionalen Kliniken-Holding RKH, zu der auch die Krankenhäuser im Kreis gehören, Mitte März in Markgröningen eine Station für pflegebedürftige Patienten einzurichten, die nicht mit dem Coronavirus infiziert sind, keine Krankenhausbehandlung mehr brauchen, aber in ihr gewohntes Umfeld nicht zurückkönnen. In Altenheime, Kurzzeitpflege oder zu Angehörigen, die unter Quarantäne stehen.

„Poststationäre Patienten Unit“ heißt das im Medizinerdeutsch. „Die Einheit wird wie eine Krankenhausstation geführt“, sagt der Ludwigsburger Klinikenchef Jörg Martin. „Ärztliche Betreuung wird nur bei Bedarf hinzugezogen.“ In den vergangenen anderthalb Monaten hat die Orthopädische Klinik so fast 60 Patienten in Markgröningen versorgt. Ihre Verweildauer in dem Haus: liegt bei knapp zwei Wochen.

Für das pflegende Personal des Spezialkrankenhauses, an dem normalerweise Kreuzbänder operiert, Schultern gerichtet oder künstliche Hüften eingesetzt werden, bedeutet das: Windeln zu wechseln, Patienten zu füttern oder sie auf ihrem letzten Weg zu begleiten. „Wir leisten schwerste Vollpflege und gehen physisch und psychisch an unsere Grenzen“, sagt die Krankenschwester F., die nicht auf internistische Krankheitsbilder spezialisiert ist. „Von uns lässt es niemanden kalt, wenn wir sterbende Patienten begleiten müssen.“

Einige Pfleger, so ist zu hören, haben den Eindruck, dass sie verschlissen werden. „Doch krankschreiben lassen will sich in diesen Zeiten ebenfalls keiner“, sagt F. Ihre Tätigkeit ist ja auch segensreich. Ohne die Arbeit der „Poststationären Patienten Unit“ würden Kliniken wie in Ludwigsburg und Bietigheim, Pflegeheime oder Hospize die Krise wohl schlechter überstehen.

„Im Moment ist es unser größtes Problem, diese Patienten in anderen Nachsorgeeinheiten unterzubringen“, räumt der Klinikenchef Martin gegenüber unserer Zeitung ein. Er hat zudem registriert, dass es für das pflegende Personal in Markgröningen zu Beginn sehr schwierig gewesen sei, sich auf die ungewohnten Krankheitsbilder einzustellen. „Mittlerweile hat sich das aber beruhigt“, findet er. „Wir haben die ärztliche Versorgung internistisch ausgerichtet und die pflegerische Versorgung durch Fachkompetenz aus anderen Kliniken an die Situation angepasst.“

Was Arbeitskräften wie F. bitter aufstößt: dass sie es in Markgröningen plötzlich mit Dementen oder Palliativpatienten zu tun bekommen haben. „Das war so nicht abgesprochen“, sagt sie. Der Plan des Klinikenchefs sah tatsächlich vor, solche Patienten nicht nach Markgröningen zu holen. Doch die Realität habe die Krankenhausmanager eingeholt. „Wir versuchen es zu minimieren“, verspricht Martin. Darüber hinaus könne das Personal entsprechend dem Bedarf auch aufgestockt werden.

Die OKM ist nicht das einzige Haus im Kreis, das eine Spezialeinheit bekommen hat. In Marbach gibt es seit Ostern ebenfalls eine Auffangstation für Pflegeheimbewohner – die allerdings an Covid-19 erkrankt sind. Eine leere Bettenstation und ein reduziertes Behandlungsprogramm machen die Versorgung möglich.

In Markgröningen soll die „Poststationäre Patienten Unit“ so lange in Betrieb bleiben, wie es nötig ist. Außerdem plant Martin, die Zahl der Operationen wieder zu steigern. „Wir wollen den Betrieb schrittweise hochfahren – aber immer mit der Möglichkeit, schnell wieder zurückzufahren.“

Die Pflegerin F. wünscht sich unterdessen etwas mehr Wertschätzung – und dass ihre Patienten coronafrei bleiben.

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