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Über eine verlogene Welt

Das Stuttgarter Studio-Theater zeigt jetzt das Stück„Die Opferung von Gorge Mastromas“ von Dennis Kelly

Stuttgart. „Die Opferung von Gorge Mastromas“ von Dennis Kelly ist die neueste Inszenierung des kleinen Studiotheaters, ein engagiertes Theaterstück über einen Mann, der sich im Zeichen des Neoliberalismus vom Moralisten zu einem skrupellosen Besitzfetischisten und Machtmenschen entwickelt, der sich als Mitglied eines kleinen elitären Zirkels von Menschen sieht, die der Meinung sind, die Welt gehöre ihnen. Ein Stück auch über Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit und haltlose Lüge, fiesen Betrug, kalte Machtausübung. Ein Stück aber auch über die Lebenslüge, vor der kein materielles Gut schützt und die die Bilanz irgendwann in den roten Bereich sacken lässt.

Ein spannendes Stück, inszeniert von der Österreicherin Hildegard Starlinger. Ein Stück, das für eine Aufführung auch ein wenig sperrig sein kann, das verschiedene Schwierigkeiten, Ecken und Kanten hat. Die Regisseurin meistert aber diese Herausforderungen zusammen mit ihrem sehr gut harmonierenden Ensemble und sie zeigt mit dieser Arbeit, dass man auch mit relativ bescheidenen materiellen Möglichkeiten und Mitteln fesselndes, gutes Theater machen kann. Klein, aber gut, das gilt allgemein für das Studio-Theater im Hinterhof an der Hohenheimer Straße.

Starlinger und der Ausstatter Alois Ellmauer möblieren die kleine Bühne nur spärlich, halten sie im sterilen Weiß der kühlen Stimmung, nutzen die spärliche Möblierung aber ideal zu Ortswechseln, die beim Zuschauer als logisch ankommen.

Zu den Klippen des Manuskripts zählt, dass der erste Teil, die Jugend und Vorgeschichte Gorges, als Erzählung konzipiert ist. Darstellerisch sind solche Passagen immer eine Herausforderung, es besteht das Risiko der Langeweile. Doch die vier Schauspieler Julianna Herzberg, Caroline Sessler, Stefan Maaß und Christian Streit als fiktives Barpersonal erzählen diese Story so spannend, während sie Orangen schälen und Cocktails mischen, dass man fasziniert folgt. Weitere knifflige Herausforderung: Der persönliche Auftritt von Gorge, den Folkert Dücker in seinen Wandlungen – zwischen Lüge und Wahrheit, in seinen inneren Kämpfen und seinem Lügendickicht verstrickt – als mal knallharten, dann weinerlichen Typen in seiner ganzen Breite auf die Bühne zu bringen weiß. Während die vier anderen immer wieder Kostüm und Rolle wechseln, bleibt Dücker als Gorge omnipräsent. Eine fein ironische und auch dramatische Abrechnung mit dem Materialismus, der derzeit in der neoliberalen Wirtschaftsordnung immer neue Höhepunkte erreicht. Kein Aufruf zur Rebellion, letztlich eher eine Mitleidsbekundung für die handelnden Figuren und ihre Lügen.