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Unterbringung
Ukrainische Flüchtlinge kommen in ehemaligem Marbacher Krankenhaus unter

Ehemaliges Marbacher Krankenhaus: Die Einrichtung wird jetzt zur vorübergehenden Zuflucht für bis zu 100 Geflüchtete aus der Ukraine. Foto: Andreas Becker
Ehemaliges Marbacher Krankenhaus: Die Einrichtung wird jetzt zur vorübergehenden Zuflucht für bis zu 100 Geflüchtete aus der Ukraine. Foto: Andreas Becker
Bis zu 100 ukrainische Flüchtlinge muss der Kreis derzeit täglich aufnehmen. Genauso viele sollen nun im ehemaligen Marbacher Krankenhaus unterkommen. Doch das wird erst der Anfang sein.

Kreis Ludwigsburg. Das frühere Marbacher Krankenhaus wird für Flüchtlinge aus der Ukraine zu einer neuen Heimat auf Zeit. „Die Räumlichkeiten können mit wenig Aufwand für eine Belegung kurzfristig vorbereitet werden“, sagte Landrat Dietmar Allgaier am Montag unserer Zeitung. „Sie sind für die Unterbringung von bis zu 100 Personen vorgesehen.“ Da ein Abriss einzelner Gebäudeteile bereits beschlossen und für das ehemalige Krankenhaus eine Nutzung als Gesundheitscampus vorgesehen sei, soll das Gebäude aber bis spätestens Ende des Jahres wieder geräumt werden.

Der Bürgermeister spricht von einem Gebot der Humanität

„Die kurzfristige Bereitstellung der Räumlichkeiten hilft uns, die Geflüchteten vorübergehend unterzubringen“, so Allgaier weiter. Die Stadt Marbach sieht sich nach Angaben des Bürgermeisters Jan Trost in der Verantwortung und unterstütze den Landkreis gern. Trost weiter: „Angesichts der großen Not der Geflüchteten ist das ein Gebot der Humanität.“

Das Land stellt sich aktuell darauf ein, dass es täglich rund 2000 ukrainische Geflüchtete zu verteilen hat. Der Landkreis Ludwigsburg rechnet deshalb mit einer Zuweisung von bis zu 100 Menschen pro Tag.

Wie viele Geflüchtete aus der Ukraine sind bisher insgesamt im Landkreis angekommen?

Etwas mehr als 1000, die privat untergekommen oder von den Kommunen versorgt worden sind. Der Landkreis selbst hatte am vergangenen Freitag die ersten 70 Menschen aus der Ukraine in einem Ditzinger Hotel und einer Jugendherberge in Ludwigsburg einquartiert (wir berichteten). „Außerdem hat uns die Stadt Stuttgart um Unterstützung gebeten“, sagt Allgaier. Derzeit sei es ja so, dass die Flüchtlinge vor allem in den Großstädten ankommen.

Was erwarten die Spitzenbeamten im Ludwigsburger Landratsamt für die kommenden Tage und Wochen?

Dass weitere Unterkunftskapazitäten kurzfristig geschaffen werden müssen. „Gegenwärtig kommt es zu einem extrem schnellen Anstieg der Flüchtlingszahlen“, sagt Allgaier.

Welche Rolle spielen Hallen bei der Unterbringung im Landkreis?

Wenn die große Migrationsbewegung aus der Ukraine weiter so anhalten sollte, schließt der Landrat nicht aus, dass auch Sporthallen belegt werden müssen. „Wir sind bereits in der Abstimmung mit den Städten und Gemeinden sowie Schulen“, sagt Allgaier.

Allerdings hat er nicht nur ein Auge auf Sporthallen geworfen. In Freiberg werde gerade eine ehemalige Gewerbehalle zur Flüchtlingsunterkunft umgebaut – wie 2015, als es in erster Linie Menschen aus Syrien, Afghanistan oder Afrika zu uns zog. Außerdem kann sich Allgaier ein Modell wie beim Kreisimpfzentrum vorstellen, für das der Unternehmer Max Maier in der Ludwigsburger Weststadt das Gelände und eine Halle zur Verfügung stellte.

Im Raum Bietigheim befindet sich der Landkreis offenbar in aussichtsreichen Gesprächen, um wie in Ditzingen ein weiteres Hotel für mehr als 120 Ukrainer zur Unterkunft auf Zeit umzuwidmen. Ein Sprecher des Landrats sagt allerdings: „Die Belegung von Hotels oder Notunterkünften kann keine Dauerlösung sein. Daher werden parallel auch neue Unterkünfte errichtet und sollen langfristig temporäre Unterkünfte ersetzen.“

Lässt sich die aktuelle Lage mit der Flüchtlingskrise von 2015/16 vergleichen?

„Die Flüchtlingsströme sind schwer vergleichbar“, heißt es dazu aus dem Landratsamt. „Gegenwärtig kommt es zu einem extrem schnellen Anstieg der Flüchtlingszahlen und Unterkunftskapazitäten müssen noch schneller geschaffen werden als damals.“

Der Landrat beobachtet zudem eine „große Welle der Hilfsbereitschaft“ bei den Menschen. Allgaier: „Im Unterschied zur Flüchtlingskrise 2015/16 ist die Bereitschaft in der Bevölkerung, Wohnraum zur Verfügung zu stellen, viel höher.“ Er vermutet, dass das auch damit zu tun hat, dass der Russland-Ukraine-Krieg vor der Haustür stattfindet.

Welche Rolle spielt Corona?

Vorrangig ist für den Landkreis nach eigenen Angaben, dass die geflüchteten Menschen untergebracht und mit dem Nötigsten versorgt werden. „In einem nächsten Schritt werden sicherlich auch Impfangebote gemacht werden können“, sagt Allgaier. Denn Fakt ist: Die Impfquote in der Ukraine liegt bei nur rund 30 Prozent. Hier will der Kreis auch ukrainische Ärzte in seine Impfkampagne einbinden, die geflohen sind.

Was benötigen die Menschen neben einem Dach über ihrem Kopf nach der Ankunft im Kreis am dringendsten?

Kleidung, Lebensmittel, medizinische Betreuung, aber auch Geld.

Was bedeutet es für Schulen und Kitas, dass unter den ukrainischen Flüchtlingen vor allem Mütter mit Kindern sind?

Den Kindern müssen laut Allgaier zeitnah Unterbringungsangebote in Kinderbetreuungseinrichtungen, Sprachkurse und auch die Teilhabe am Unterricht ermöglicht werden. Er sagt: „Die Städte und Gemeinden, die als Schulträger die Hauptverantwortung tragen, befassen sich derzeit bereits mit diesen Themen und erarbeiten größtenteils Pläne.“

In Marbach feilen Allgaier, der Bürgermeister Trost und die Kreiskliniken unterdessen auch an einer Nachnutzung des ehemaligen Krankenhauses. Angedacht ist, dass der Gesundheitscampus zum Ärztehaus ein Seniorenzentrum sowie eine Pflegeschule mit Wohnungen bekommt. Dass sich auf dem Gelände darüber hinaus ein zweites Ärztehaus umsetzen lässt, erscheint derzeit unwahrscheinlich. Am 16. September will der Landkreis den Sieger eines städtebaulichen Wettbewerbs küren und danach im Aufsichtsrat der Kliniken und im Kreistag das weitere Vorgehen klären.