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Schließung des Marbacher Hallenbads
„Uns fehlt ein Stück Lebensqualität“

Eleonore Kelm und Sylvia Mai-Aydogdu trauen um ihr Hermann-Zanker-Bad. Foto: Ramona Theiss
Eleonore Kelm und Sylvia Mai-Aydogdu trauen um ihr Hermann-Zanker-Bad. Foto: Ramona Theiss
„Es ist ein Stück Lebensqualität, das fehlt“, betonen Eleonore Kelm und Sylvia Mai-Aydogdu. Sie sprechen von der Schließung des Marbacher Hallenbads, die sie, aber auch die ganze „Bädles-Familie“, wie sie ihre Mitstreiter nennen, bewegt und aufwühlt. Man hätte schon viel früher gegen den Verfall ankämpfen müssen, finden sie.

Marbach. Die beiden Damen haben eine Jahreskarte für das Hermann-Zanker-Bad und gehen seit vielen Jahren regelmäßig mindestens zweimal pro Woche schwimmen. Seit das Hallenbad wegen technischer Mängel, aber auch wegen der Energiekrise geschlossen ist, unternehmen die beiden sportlich nichts. Die 84-jährige Eleonore Kelm spürt dies bereits in den Knochen. „Ich habe Arthrose in den Knien, das Schwimmen hat mir sehr gutgetan, was meine Ärztin mir immer bestätigt hat.“

Ins Bädle konnte sie laufen, ins Freibad muss sie dagegen mit dem Auto fahren, und „wenn ich danach ins 50 Grad heiße Auto sitzen muss, ist der Erholungseffekt verpufft“, sagt sie. Sylvia Mai-Aydogdu fährt ab und zu als Ersatz nach Bittenfeld, Freiberg kommt für beide wegen der Sperrung in Benningen derzeit nicht infrage.

Gespräche in der Umkleidekabine

Aber den beiden Damen geht es nicht nur um sie selbst, sondern vor allem um die anderen Senioren. Höchstens fünf Minuten braucht man zu Fuß vom Seniorenstift, wodurch viele Bewohner noch zum Schwimmen gehen konnten. Über die Jahre sind viele Kontakte entstanden, auch die beiden Damen haben sich im Hallenbad kennengelernt. „In der großen Sammelkabine kam man leicht ins Gespräch“, betont Kelm. „Das war wie früher in den römischen Bädern. Dort wurde Politik gemacht, wir haben uns über alles Mögliche ausgetauscht“, betont Mai-Aydogdu. Diese spontane Kommunikation zwischendrin fehle – gerade auch den älteren Leuten, die nicht so oft aus dem Haus kommen. Und so gut würde man sich dann auch wieder nicht kennen, dass man sich jede Woche zum Kaffee treffe. „Man will ja auch nicht dauernd Kaffee trinken.“

Es geht ihnen aber auch um die Kinder, die in den Sommerferien bei schlechtem Wetter im Bad toben konnten. Viele Familien, die sich einen Freibadbesuch nicht leisten konnten, gingen ins Hermann-Zanker-Bad: Hier zahlten sie nur einen Euro pro Kind und die riesige Liegewiese bot genug Platz. Samstagnachmittags seien viele Kinder und Jugendliche da gewesen. „Wir brauchen kein Spaßbad mit Rutschen und Kiosk“, nimmt Kelm Bezug auf eine Äußerung der Vertreterin der Stadtwerke Ludwigsburg-Kornwestheim in einem LKZ-Artikel über die Besichtigung des Bades. Auch Kindergeburtstage seien ohne Schnickschnack dort gefeiert worden. Die Besucherzahlen hätten immer gestimmt, glauben sie. „Ich habe das Bad nie leer erlebt“, sagt die 73-jährige Mai-Aydogdu. Aus allen umliegenden Orten seien Badegäste gekommen. Selbst in Coronazeiten hätten die insgesamt acht Duschen immer gereicht, auch die Schüler hätten beide Duschräume genutzt, schließlich finde der Schwimmunterricht geschlechtergetrennt statt. „Und wir haben uns zu Corona beim Duschen halt abgesprochen“, betont Kelm. Unzählige Kinder hätten im Bädle schwimmen gelernt, dem Marbacher Schwimmverein werde die Existenzgrundlage entzogen. „Schwimmen ist die gesündeste Sportart überhaupt“, betont Kelm. Unsinnig sei es, in diesen Zeiten die Schüler mit Bussen nach Poppenweiler ins Bad zu transportieren.

Vorwürfe an Stadtwerke Ludwigsburg-Kornwestheim und Stadt Marbach

Die technischen Mängel des Bades sind den beiden sehr wohl auch bewusst, sie sind aber der Meinung, dass sich vieles übergangsweise provisorisch beheben lasse. Eine Studie gehe immer vom Schlechtesten aus, es würde aber vielleicht auch genügen, nur das Nötigste zu machen. Auch für die Beleuchtung der Fluchtwege im Rahmen des Brandschutzes gebe es sicherlich einfache Lösungen. „Und man hat bewusst alles schleifen lassen“, wirft Kelm den Stadtwerken, die seit 2007 das Bad betreiben, aber auch der Stadt als Eigentümer vor. „Haben die Stadtwerke die Schäden nicht weitergegeben oder hat die Stadt sie ignoriert?“ Kleinigkeiten hätten bei den jährlichen Reparaturarbeiten erledigt werden können.

Die fehlende Behindertengerechtigkeit sei kein Problem, berichtet Sylvia Mai-Aydogdu: Ihre Mutter sei mit dem Rollator ins Bad gekommen.

Sie alle wären auch bereit gewesen, höhere Eintrittspreise zu zahlen. Die Jahreskarte hätte gerade mal 58 Euro gekostet: „Wenn ich zweimal die Woche gegangen bin, habe ich die in knapp vier Monaten abgeschwommen“, hat Kelm ausgerechnet. Sie hätte auch 100 Euro gezahlt.

Marbacher Gemeinderat tagt im Oktober

Was ein Probleim sei, sei die Heizung, die man wegen der Warmwasserversorgung nicht habe abdrehen können. „Wir mussten im Sommer die Fenster aufmachen, weil es warm wie in der Sauna war. Es ist schon eine Energieschleuder“, gibt Mai-Aydogdu zu. Dies habe die Stadt aber zunächst nicht offen kommuniziert. „Wir haben von einem Zettel am Eingang von der Schließung erfahren und sind aus allen Wolken gefallen“, sagt Sylvia Mai-Aydogdu. Beide sind jetzt natürlich sehr gespannt, was bei der Gemeinderatssitzung im Oktober noch so zutage gefördert wird.

Info: Der Gemeinderat will am Donnerstag, 13. Oktober, öffentlich über die Zukunft des Hallenbads diskutieren.

Beilsteiner Hallenbad vorerst ebenfalls zu

Das Beilsteiner Hallenbad öffnet eigentlich immer mit der Schließung des Mineralfreibades, also regulär die nächste Woche. Wie im Gemeindeblatt zu lesen war, bleibt es aber vorerst geschlossen. „Wir haben die Öffnung auf den 15. Oktober verschoben“, informiert Bürgermeisterin Barbara Schönfeld. Hintergrund sind die Entwicklungen auf dem Energiemarkt und die Energieeinsparverodnung des Bundes. Durch die Verschiebung der Öffnung sei es möglich, die verschiedenen Möglichkeiten abzuwägen. Dies werde der Gemeinderat zeitnah tun, so Schönfeld. Das Hallenbad stammt aus dem Jahr 1974. Es wird von einem mit Gas betriebenen Blockheizkraftwerk beheizt. Die Kosten für den Wärmebedarf liegen in einem durchschnittlichen Jahr bei rund einer halben Million Euro. Hierin nicht enthalten, sind weitere Kosten wie Personal.