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Kirche

Vor dem Abflug noch zur Andacht

Nächste Woche beginnen die Sommerferien – und spätestens dann wird auch der Stuttgarter Airport wieder voll sein. Unterwegs mit dem Flughafenseelsorger Matthias Hiller aus Roßwag.

Am Airport im Auftrag des Herrn: Seelsorger Matthias Hiller. Foto: Ramona Theiss
Am Airport im Auftrag des Herrn: Seelsorger Matthias Hiller. Foto: Ramona Theiss

Stuttgart/Vaihingen. Matthias Hillers Handy klingelt nicht – es läutet. Wenn der evangelische Seelsorger des Stuttgarter Flughafens einen Anruf bekommt, sind die Glocken der Martinskirche im Vaihinger Ortsteil Roßwag zu hören, wo er wohnt. „Was einen nervt, muss man umarmen“, sagt Hiller schmunzelnd über seinen Klingelton. Am anderen Ende der Leitung ist der Infoschalter in Terminal 3 des Flughafens. Eine ältere Dame will nach Griechenland in die Heimat fliegen. Allerdings fehlt ihr ein Dokument, das die Behörden in Coronazeiten vor Abflug per E-Mail zustellen und das am Flughafen ausgedruckt vorgelegt werden muss. Sonst ist die Reise schon jetzt zu Ende.

Hiller wird dafür bezahlt, dass er sich Zeit für die Menschen nimmt – ungewöhnlich am Flughafen


Matthias Hiller, 60, dunkle Jeans, weißes Hemd, runde Brille, mit einem lilafarbenen Band um den Hals, an dem sein Flughafenausweis befestigt ist und auf dem Chaplain steht, was Englisch für Kaplan ist, spricht die Dame an. „Die Menschen am Flughafen sollen spüren, dass wir sie mögen“, sagt Hiller. Der Reisenden erklärt er, was zu tun ist: Sie ruft die Tochter an, die ihr das Dokument mailt. Damit geht sie zum Flughafenkiosk, wo sie es ausdrucken und die Reise antreten kann. Freundlich nickt sie Hiller zum Abschied zu.

Der macht sich nun auf zu seinem Büro, das neben dem Kinderland des Flughafens und einem Getränkeautomaten liegt. Hiller teilt es sich mit einer katholischen Kollegin, außerdem ist es Anlaufstelle für mehr als 30 ehrenamtliche Kräfte wie den Amerikaner Thomas Nugent oder Rosato Corvo, der aus Italien stammt und bei Lapp Kabel in Ludwigsburg tätig war. „Meine Firma hat mich in die ganze Welt geschickt, der Flughafen war mein Zuhause“, sagt er. Jetzt im Ruhestand will er weiter nützlich sein. Also ist er Teil eines multiprofessionellen Teams aus Theologen und Quereinsteigern geworden, das sich Hiller zusammengestellt hat.

Nach bleiernen Coronamonaten ist das Leben am Flughafen zurück. Im Boomjahr 2019 verzeichnete der Stuttgarter Airport mehr als 13 Millionen Reisende. Hiller schätzt, dass jetzt 35 Prozent wieder da sind. „In den Sommerferien werden wir fast wieder Normalbetrieb haben.“ Er hat dafür gesorgt, dass die Schichten gut besetzt sind und sein Team präsent sein wird. „Wir sind getauft, geimpft und gesegnet“, sagt Hiller und grinst. „Wir sind alles, was man sein kann.“

Neben seinem Büro gibt es einen Andachtsraum mit einem kleinen Altar und Sitzplätzen, in dem die Reisenden zur Ruhe kommen können. In den Regalen liegen Gebetsteppiche für Muslime, ein Schild weist darauf hin, in welcher Himmelsrichtung Mekka liegt. Mittags um 12 Uhr gibt es nach der Pandemiepause wieder eine kleine Andacht mit Gotteswort, Gebet und Segen. „Wir haben aber keinen missionarischen Auftrag“, macht der Flughafenseelsorger deutlich.

Hiller ist eher ein Pfarrer ohne Gemeinde, der dafür bezahlt wird, sich Zeit für die Passagiere, die rund 12000 Beschäftigten, die Polizisten und die Feuerwehrleute zu nehmen. Das ist ungewöhnlich an einem Flughafen, wo Passagiere schnell abgefertigt werden und Maschinen nur kurz stoppen sollen. „Wir wollen das System Flughafen menschenfreundlich gestalten“, sagt er dazu. Seine Message: Gott mag alle, egal, wo sie herkommen, ob sie gerade gestrandet sind oder kurz vor der Abschiebung in eine ungewisse Zukunft stehen.

Mit dieser Botschaft zieht Hiller im Auftrag der Württembergischen Landeskirche in den 90er Jahren auch nach Afrika. In Nigeria, Äthiopien und Sudan soll er Jugendliche zurück auf den rechten Pfad bringen. In Flüchtlingslagern versucht er, den Menschen Perspektiven aufzuzeigen. Andere Stationen sind Indonesien und Lateinamerika. „Ich musste mal raus“, sagt Hiller. Er wächst auf der Ostalb auf, Auslandsaufenthalte sind bis zum Abitur selten. Später studiert er Physik, doch dann entscheidet er sich für eine theologische Ausbildung, steigt in die Jugendarbeit ein, heiratet und wird Vater von drei Kindern.

Auf der Besucherterrasse recken die Leute nun die Köpfe in die Höhe und schauen den Fliegern nach, wie sie in den Himmel aufsteigen. Fühlen sich die Menschen womöglich in der Luft Gott näher? Hiller schüttelt den Kopf. „Manche bekommen panische Angst.“ Er erzählt von einer Australierin, die in Osteuropa aufwächst – und bei der ein Trauma aus der Kindheit aufbricht, als sie an Bord einer Maschine in Stuttgart ihre Muttersprache hört. Der Start muss abgebrochen werden. Hiller kümmerte sich um die Frau, redet mit ihr, überlässt ihr ein kleines Kreuz aus Holz und Engelsfiguren. Nach drei Tagen Aufenthalt kann die Reise weitergehen.

Und da wären ja noch die Junggesellenabschiede, die in der Regel für ein paar wenige Stunden nach Mallorca führen. Hiller hat Menschen gesehen, die vor Abflug volltrunken hinwegdämmern und es gerade noch in den Flieger schaffen. „Das ist kein sonderlich epiphanisches Ereignis“, sagt der Flughafenseelsorger. Dann läuten aus Hillers Handy wieder die Glocken, und er muss zum nächsten Einsatz.

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