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Analyse

Wahlanalyse: Wo grün so schwäbisch ist wie einst die CDU

Grün ist das neue Konservativ! Der vor 15 Jahren noch tiefschwarze Landkreis Ludwigsburg galt zwar schon 2006 als Hochburg der Grünen, hat die politische Farbe aber inzwischen komplett gewechselt: Die Grünen gewinnen zum zweiten Mal in Folge haushoch alle drei Wahlkreise, Union und SPD erleiden dramatische Verluste. Besonders eklatant ist das Beispiel des Wahlkreises Vaihingen: Gegenüber 2006 verliert die CDU hier fast 45 Prozent, die SPD sogar knapp 62Prozent ihrer damaligen Wähler.

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Kreis Ludwigsburg. Annemarie Griesinger, Günther Oettinger, Lothar Späth – lang, lang ist’s her! Die Dominanz der Union im Landkreis erschien noch vor 15 Jahren wie in Stein gemeißelt, Oettinger holte im Wahlkreis Vaihingen 45, Manfred Hollenbach im Wahlkreis Bietigheim-Bissingen 41,5 Prozent für die CDU. Nur in Ludwigsburg lag die Partei schon damals unter 40 Prozent. Wie im Land folgte auch im Kreis das politische Erdbeben 2011: Stuttgart21 und Fukushima machten die Grünen zur zweitstärksten Kraft und damit zum größeren Koalitionspartner in Stuttgart – und Winfried Kretschmann zum Ministerpräsidenten. Seither ist der Chef in der Villa Reitzenstein ihr Erfolgsgarant. Auch der Landkreis wählt seit 2016 wieder konservativ. Nur heißt das inzwischen eben: Grün! Ein Blick auf die Parteien.

Grüne: „Sie kennen mich.“ Die Grünen plakatierten auch im Kreis Kretschmann, als wollten sie die Uralt-CDU-Parole „Auf den Kanzler kommt es an“ kopieren. Freilich mit größerem Erfolg als die Kiesinger-CDU 1969: Dass die Kreis-Grünen in Ludwigsburg mit Jürgen Walter den Alterspräsidenten des Landtags und in Bietigheim-Bissingen mit Daniel Renkonen den amtierenden Abgeordneten eines Wahlkreises demontierten, in dem sie schon 1984 in den Landtag einzogen, schadete ihnen nicht: Die beiden Newcomer Silke Gericke und Tayfun Tok, die in einem fast vollständig digitalen Wahlkampf unverschuldet noch kaum Profil beweisen konnten, bauten die grüne Spitzenposition weiter aus. Sie werden nun beweisen müssen, dass sie im grünen Kontext tatsächlich den Neuaufbruch verkörpern, den sie der Parteibasis versprochen haben. Von Reformen sprechen die Grünen ja nicht mehr, sondern – vornehmer – von Transformation. Bezeichnend scheint, dass diesmal mit Markus Rösler im weithin ländlich geprägten Wahlkreis Vaihingen ein dezidiert wertkonservativer Platzhirsch prozentual das grüne Spitzenergebnis holte und nicht Silke Gericke im urbaneren Wahlkreis Ludwigsburg, wo zuvor Jürgen Walter die Grünen von Wahl zu Wahl zu neuen Höhen geführt hatte. Nach den reinen Wählerzahlen liegt – trotz schlechterer Wahlbeteiligung – Tayfun Tok sogar noch etwas besser als Rösler. Gericke ist in diesem Punkt parteiintern nur Dritte.

CDU: Das Landeswahlrecht bindet die Stimme für die Wahlkreis-Kandidaten an die für die Partei. Dadurch ist der Landestrend in der Regel fürs Vor-Ort-Ergebnis deutlich wichtiger als der lokale Bewerber. Das bekommt auch die einst so selbstbewusste Kreis-CDU zu spüren: Wurde die Regierungsmacht in Stuttgart 2011 nicht von Manfred Hollenbach oder Klaus Herrmann vergeigt, sondern von Stefan Mappus, so war diesmal wohl Spitzenkandidatin Susanne Eisenmann das größte Handicap der Kreis-CDU. Gut zu verfolgen ist diese Talfahrt wegen landesweiter Faktoren am Beispiel Konrad Epple. An Format und Image des Ditzinger Schlossermeisters hat sich seit 2011 wohl kaum etwas verändert. 2006 büßte er gegenüber dem letzten Wahlkreis-Ergebnis Günther Oettingers in Vaihingen 6,2 Prozent ein, seither sind ihm nach Stimmenanteilen sogar weitere 14 Prozent verloren gegangen. Gegenüber der eigenen Bestmarke von damals 38,8 Punkten ist Epple also jeder dritte Wähler abhandengekommen. Trotzdem hat er mit 24,8 Prozent zum dritten Mal in Folge das beste CDU-Ergebnis im Landkreis geholt und kehrt über die Zweitauszählung in den Landtag zurück. Gleiches gilt für Tobias Vogt (24,5 Prozent) im Wahlkreis Bietigheim. Doch bleibt Vogt als Neuling nochmals unter dem für die Kreis-Union ohnehin schlechten Ergebnis des 2016 ebenfalls neuen Fabian Gramling, den es jetzt nach Berlin zieht. Besonders bitter für die Christdemokraten: Ausgerechnet die einzige Frau hat es nicht geschafft! Andrea Wechsler musste in Ludwigsburg ein Ergebnis schlucken, das sogar um 1,9 Punkte unter dem Landesdurchschnitt liegt. Frauen und Städte – das bleiben auch im Landkreis die beiden Großbaustellen der CDU.

FDP: Drittstärkste politische Kraft – eigentlich müssten die Freidemokraten im Landkreis jubeln. Mit kreisweit 11,1 Prozent sind sie in den Wahlkreisen Bietigheim und Vaihingen vor den Sozialdemokraten über die Ziellinie gegangen, lediglich in Ludwigsburg liegt die FDP noch auf Platz vier. Doch dafür holte Stefanie Knecht dort mit 11,2 Punkten das beste FDP-Ergebnis im Kreis. Generell profitierte die Partei im Kreis ebenso wie im Land von der Schwäche der Union. Wie Stefanie Knecht lieferten dabei auch Roland Zitzmann in Vaihingen und Elvira Nägele in Bietigheim Wahlkreis-Ergebnisse über dem Landesschnitt. Mandate gab es für die Kreis-FDP trotzdem nicht.

SPD: Der Verfall der einstigen Volkspartei nimmt im Kreis – der einst prägende Politiker wie Hans Martin Bury nach Berlin und Claus Schmiedel nach Stuttgart schickte – dramatische Züge an: Die deutliche personelle Verjüngung der „alten Tante“ SPD in den drei hiesigen Wahlkreisen wurde vom Wahlvolk (noch?) nicht honoriert. Besonders horrend ist der Absturz in Vaihingen, wo Torsten Liebig mit 9,2 Prozent sogar unter der Zehn-Punkte-Marke kleben blieb. In Ludwigsburg schaffte es der junge Remsecker Colin Sauerzapf mit 12,1 Prozent wenigstens auf Rang drei. Trotzdem gilt: Die SPD scheint auf dem Weg zur Kleinpartei. Die Gründe des Desasters? In dieser Dramatik eher rätselhaft.

AfD: Die Flüchtlingskrise war eine Luxuskrise – sie spülte die AfD auch im Kreis nach oben. Die Pandemie dagegen betrifft das wirkliche Leben aller: Nicht die teils Corona leugnende AfD profitiert, sondern die stärkste Regierungspartei. Außer heißer Luft hatten die Rechtspopulisten im Landtag ohnehin nichts zu bieten. Sie verlieren im Kreis über ein Drittel ihrer Wähler. Vielen ist inzwischen zudem wohl klar geworden, wie rechts die Partei wirklich ist. Wer sie trotzdem wählt, den interessiert das offenbar nicht.

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