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Hilfsaktion

„Weil es uns noch immer geben muss“

Seit 1992 finanziert die Gruppe „Freunde der Kinder von Tschernobyl“ medizinische Hilfe für weißrussische Einrichtungen – und wendet sich gegen das Vergessen.

Ein Bild aus einem Krankenhaus 1994 – „das erinnert mich an die Zustände bei uns nach dem Krieg“, so Erna Rostan.Archivfoto: Achim Zweygarth
Ein Bild aus einem Krankenhaus 1994 – „das erinnert mich an die Zustände bei uns nach dem Krieg“, so Erna Rostan. Foto: Achim Zweygarth
Langjährig Engagierte (v.l.): Albert Landwehr, Erna und Martin Rostan und Klaus Wagner. Foto: wo
Langjährig Engagierte (v.l.): Albert Landwehr, Erna und Martin Rostan und Klaus Wagner. Foto: wo

Ditzingen/Ludwigsburg. Als in der Nacht vom 25. auf den 26. April 1986 in Tschernobyl Block.IV des Atomkraftwerks explodiert, verändert das die Leben von Millionen Menschen für immer. Heute sind die Ereignisse bei vielen im Westen aber kaum mehr präsent – für die Engagierten des Vereins „Freunde der Kinder von Tschernobyl Württemberg“ undenkbar. „Es berührt mich noch immer, wenn ich mich erinnere, wie wir in die verstrahlten Dörfer gekommen sind“, sagt Albert Landwehr aus Ditzingen über seine ersten Besuche Ende der Neunziger in einigen jener weißrussischen Orte, über die die radioaktiven Wolken hinwegzogen. In den Gärten seien nur Brunnen gewesen als einzige Wasserversorgung, und in den Häusern lediglich Kerzen zur Beleuchtung, erinnert sich der 81-Jährige. Trotz dieser Umstände seien viele Menschen kurze Zeit später zurückgekehrt – weil sie keine Strahlung spürten, hätten sie gesagt.

Spenden
4,8

Millionen Euro hat die Initiative bislang gesammelt, über 25-mal wurden Hilfsgüter nach Gomel geliefert, erst Lebensmittel, dann Medikamente und Geräte. Die meisten der über 3000 Spender kenne man persönlich, viel Unterstützung komme auch von Kirchengemeinden aus dem Kreis Ludwigsburg. (red)

Doch die Folgen des Super-GAUs sind auch jetzt noch da. „In der Gegend, in der wir tätig sind, kann sich keiner dem entziehen“, sagt Klaus Wagner, Sprecher der Initiative. Vor allem Kinder und Jugendliche hätten immer noch kaum einmal Phasen von mehreren Monaten, in denen sie nicht krank seien. Auch deshalb fokussiere man die Hilfe auf diese Zielgruppe.

Politische Reise als Auslöser

Begonnen hat alles 1989, als der Stuttgarter Pfarrer Christoph Rau an einer Fahrt zum 50. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs teilnahm. Dabei wurde er das erste Mal mit dem Leid in Weißrussland konfrontiert – und hatte beim zweiten Mal 1991 erste Medikamente im Koffer. Auch Erna Rostan reiste mit. Rau hatte die Mesnerin der Paul-Gerhardt-Gemeinde in Ludwigsburg gefragt, ob sie mitwolle. „Ich habe spontan zugesagt. Und danach hat mich das Thema nicht mehr losgelassen“, sagt sie – und zog ihre Gemeinde mit, von der bis heute viele Spenden eingehen: durch Kirchenopfer, die Erlöse von Basaren oder einzelne Mitglieder, die wie viele andere statt Geschenken zu Geburtstag oder Hochzeit um Geld bitten – das auch direkt vor Ort ankommt.

Anfang der Neunziger hatte aber auch die Lokalredaktion der Stuttgarter Zeitung, in der Wagner arbeitete, Spenden gesammelt, um einen Lkw-Konvoi mit haltbaren Lebensmitteln und Hygieneartikeln nach Weißrussland zu schicken. Auch Ärzte engagierten sich. „Das war die wichtigste Erkenntnis der Fahrt: Die Menschen sind medizinisch katastrophal versorgt, dadurch droht mehr Gefahr als durch Hunger.“ Gut anderthalb Jahre dauerte die Aktion. „Und danach konnten wir ja nicht einfach sagen, jetzt ist es vorbei“, so Wagner. Hier kam wieder Christoph Rau und sein kleiner Kreis ins Spiel. Im Juni 1992 startete die erste Hilfslieferung der neugegründeten Gruppe „Freunde der Kinder von Tschernobyl“ unter dem Dach der evangelischen Kirche.

Unzählige Konvois sind seitdem in die Region um Gomel aufgebrochen, rund 300 Kilometer von Tschernobyl entfernt. Ziele waren zumeist Krankenhäuser. Mehr als 50 Mal war Erna Rostans Ehemann Martin dabei, der heute 80-Jährige ist „eine unserer großen Stützen“, so Wagner. Denn Rostan hatte als Lagerleiter nicht nur die Platzmöglichkeit, um die Lieferungen zusammenzustellen, sondern durfte ebenso Lkw fahren, wie Albert Landwehr. Der ehemalige Fuhrparkleiter stieß vor 20 Jahren dazu, als die Gruppe bei seinem Arbeitgeber nach einem Lkw anfragte. „Das Engagement hat mich so beeindruckt, dass ich spontan als Fahrer zugesagt habe.“

Schikanen an der Grenze

Tagelang waren er, Martin Rostan und andere unterwegs, und mussten auch mal 25, 26 Stunden an der weißrussischen Grenze ausharren. Für jedes Medikament, das sie in Absprache zwischen den Ärzten auf die Reise schickten, mussten sie Papiere vorlegen. Einmal habe aber noch die Genehmigung des Gesundheitsamts gefehlt, weshalb die Warterei losging. Als diese dann endlich ankam, ging dem Zollamt das Faxpapier aus – also hieß es nochmals einige Stunden warten, bis neues gekauft war. „Reine Schikane“ sei das gewesen, so Landwehr. Aber sie hätten bei all den Strapazen immer an die kranken Kinder gedacht, denen sie helfen wollten.

„Die Bürokratie hat uns das Leben schon oft schwer gemacht“, sagt Wagner. „Wir waren deshalb auch mal kurz davor, aufzuhören.“ Doch bei einer Abstimmung war eine Mehrheit fürs Weitermachen. Das sei man den Menschen schuldig, zu denen sich im Lauf der Zeit auch viele persönliche Kontakte aufgebaut haben, teils sogar Freundschaften. „So dankbar“ seien die Betroffenen – und nicht nur wegen der Lieferungen, so Erna Rostan. „Ihr braucht uns gar nichts mitbringen. Für uns ist es auch viel wert, dass ihr uns nicht vergesst“, schildert sie einige Reaktionen.

Allerdings: Die schwierigen politischen Verhältnisse in dem autoritär regierten Land („Wer westliche Hilfe akzeptiert, steht mit einem Bein im Gefängnis.“) sind nicht ohne Konsequenzen geblieben. Die Gruppe reduzierte die Zahl der Krankenhäuser, die sie unterstützt, auf die drei wichtigsten: die Kinderpoliklinik , die unter anderem 2018 vier EKG-Geräte erhielt, die Station für Frühgeborene sowie die für an Krebs und Ähnlichem erkrankte Kinder samt deren psychosozialer Betreuung am städtischen Krankenhaus Gomel. Letztere gilt hierzulande als Standard, in Gomel wurde das Angebot erst durch die Gruppe und die Anschubfinanzierung von zwei Stellen initiiert, heute teilt man sich die Kosten mit dem Krankenhaus.

Unterstützt wird zudem das 1994 gegründete Kindererholungszentrum Nadeshda. Eine in Stuttgart nicht mehr benötigte Großküche wird im Herbst dorthin geliefert. Zudem ermöglichen die Spendengelder einigen Kindern des Gymnasiums in Wetka, wo die Gruppe die Schulsozialarbeit und Unterrichtsmaterial mitfinanziert, im Herbst einen Aufenthalt dort.

Einige Mitglieder werden ebenfalls anreisen. 27 sind es aktuell, die Hälfte von ihnen könne man als sehr aktiv bezeichnen, so Wagner sichtlich stolz über das nicht nachlassende Engagement der Menschen, die in ihrem Umfeld fleißig Spenden einsammeln. Das wurde im Lauf der Zeit zwar weniger, die Aktiven sind aber dennoch über jeden Euro dankbar. „Nach so vielen Jahren gibt es unsere Gruppe immer noch. Auch, weil es uns geben muss.“

Internet: www.tschernobyl-kinder-stuttgart.de

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