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Interview

Wie sich die Teilnehmer am besten ins Bild setzen

Ulrike Mayer ist Textilbetriebswirtin, Autorin und Expertin für Kleidungskompetenz. Sie berät Führungskräfte und Unternehmen zum Thema Außenwirkung durch Mode. In Zeiten der Pandemie finden zahlreiche Konferenzen per Video statt. Was dabei zu beachten ist, erzählt die Besigheimerin im Gespräch mit unserer Zeitung.

Ulrike Mayer. Foto: privat
Ulrike Mayer. Foto: privat

Besigheim. Frau Mayer, die Konferenzlandschaft hat sich seit der Coronapandemie verändert. Viele Tagungen und Meetings finden ausschließlich online statt. Welche Kleidung ist die richtige? Ulrike Mayer: Es gibt ein Sprichwort von Johann Wolfgang von Goethe: „Wie Du kommst gegangen, so wirst Du empfangen.“ Will heißen, eine gewisse Kleideretikette gilt – wie im richtigen Leben –, wenn die Gesprächsteilnehmer sich online treffen.

Über einen Bildschirm kommen wir erst einmal statisch rüber. Also fällt der erste Blick auf die Bekleidung. Sie transportiert eine Botschaft. In einem Geschäftsmeeting drücken Anzug und Jackett Kompetenz, Verlässlichkeit, Sicherheit und Souveränität aus. Die Teilnehmenden einer Videokonferenz sollten immer daran denken und sich wie im realen Leben fragen: „Wohin gehe ich? Wen treffe ich? Was will ich erreichen?“ Darauf sollten der Kleiderschrank und das Outfit eine Antwort geben.

Müssen die Männer zwingend ein Jackett tragen und die Frauen ein Businesskleid?

Das kommt auf das Meeting an. Handelt es sich um eine Teamsitzung, um ein Strategiegespräch, in dem die Planung für die kommenden Monate besprochen wird oder um ein Kick-off-Meeting, also ein Treffen im Zuge eines Projekts, wo die ersten Informationen ausgetauscht werden und das der Motivation dient? Je nachdem, kann das Outfit förmlicher oder legerer sein. Und es muss auch immer klar sein, auf welcher Ebene das Online-Meeting stattfindet.

Das heißt?

Das bedeutet: Handelt es sich um eine klassische Konferenz, wo die Alphatiere, die Führungskräfte wichtige Themen besprechen? Das ist die Liga, wo es um Förmlichkeit, Professionalität und Karriere geht. Der Anzug ist die Ritterrüstung für die Führungskräfte. Die Frauen tragen da gerne einen Hosenanzug oder ein Jackett, eine feine Strickjacke, dezenten Schmuck wie Ketten oder Ohrringe. Eine weitere Variante sind die Gespräche mit den Mitarbeitern. Da kann auf die Krawatte meistens verzichtet werden.

Ja, und dann gibt es die Variante, bei dem den Gesprächsteilnehmern alles wurscht ist. Trotzdem lässt sich das nicht verallgemeinern. Die Dresscodes sind von Branche zu Branche unterschiedlich.

Ich kann also im Hemd und Krawatte vor dem Bildschirm sitzen, aber auch eine Jogginghose tragen?

Jeder kennt inzwischen das Zitat von Karl Lagerfeld, das der deutsche Modeschöpfer im Jahr 2012 in einer Talkshow gesagt hat: „Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“

Natürlich kann jemand oben herum ein Hemd mit Krawatte und einem Sakko und quasi unter dem Schreibtisch eine Jogginghose tragen. Aber eine Jogginghose ist der Businessatmosphäre nicht dienlich. Dies wird unbewusst über- und vermittelt. In einer Videokonferenz brauchen die Teilnehmenden eine Struktur. Da gehört eine Jogginghose definitiv nicht dazu.

Was müssen/sollten die Gesprächsteilnehmer bei einer Videokonferenz sonst noch beachten?

Die Teilnehmer sollten auf einen neutralen Hintergrund achten. Ein unruhiges Regal beispielsweise lenkt ab. Die Beleuchtung sollte stimmen, das Mikrofon sollte die richtige Lautstärke haben. Nebengeräusche können zur Erheiterung der Teilnehmer beitragen, können aber auch unangenehm oder peinlich sein.

Wie steht‘s mit Make-up und Frisur?

Nun, da die Friseure schon seit Wochen geschlossen haben, ist dies natürlich ein schwieriges Thema. Frauen haben es da einfacher. Sie können die Haare hochstecken oder zu einem Pferdeschwanz zusammenbinden. Beim Thema Make-up sollte das Motto gelten: Weniger ist mehr.

Was sind absolute No-Gos?

Derer gibt es einige. Je nach Branche kann jemand over- oder underdressed sein. Ich würde auf wilde Muster und Motivbilder verzichten. Aber wie gesagt: Immer unter der Prämisse, um welche Branche es sich handelt. Zu schrill, zu laut, zu bunt geht nicht. Was für alle Ebenen und Bereiche gilt: Die Teilnehmer sollten, nein, sie müssen unbedingt darauf achten, dass die Kleidung sauber und gut gebügelt ist.

Und No-Gos über die Bekleidung hinaus? Was gibt es da?

Allem voran Unpünktlichkeit. Wenn jemand unvorbereitet ist, ist das ärgerlich. Und wenn jemand nebenher noch andere Dinge erledigt wie E-Mails schreiben oder beantworten oder gar mit dem Handy herumspielt. Das ist schlicht unhöflich – nicht nur im realen Leben, auch bei Online- oder Telefonkonferenzen. Denn die Teilnehmer der Videokonferenz oder Zuhörer am Telefon merken das.

Warum kann eine Videokonferenz eine Konferenz, wo sich die Teilnehmer vor Ort treffen, nicht ersetzen?

Momentan müssen wir uns den Einschränkungen und Bestimmungen beugen, die der Coronapandemie geschuldet sind. Das ist richtig und wichtig. Dennoch: Eine virtuelle Konferenz wird nie eine richtige Konferenz, bei der sich die Teilnehmenden gegenüberstehen oder -sitzen, ersetzen. Es muss menscheln. Die Teilnehmer empfinden eine ganz andere Freude. Die Kreativität ist eine andere. Sie ist viel höher. Die Mitarbeiter und Kollegen generieren ganz andere Impulse. Es entsteht ein ganz anderes Zusammengehörigkeitsgefühl.

Was tragen Sie gerade?

Um in diesem Gespräch professionell und authentisch rüberzukommen, habe ich mich für einen dunkelblauen Nadelstreifenanzug, ein Shirt und eine Perlenkette entschieden. Und ich trage Lederschuhe und keine Hausschuhe.

Sie bieten in Besigheim maßgeschneiderte Bekleidung an. Beraten Sie aktuell während der Coronapandemie Ihre Kunden online?

Nein. Das wollen meine Kundinnen und Kunden nicht. Das würde ich nicht wollen. Ich berate nach den geltenden Abstands- und Hygieneregeln. Wir tragen natürlich alle eine Maske. Für meine Kundschaft ist es wichtig, vor Ort bei mir als Profi zu sein. Der persönliche Austausch hat einen hohen Stellenwert. Ginge das nicht, wären manche sogar bereit, bis nach der Coronapandemie zu warten.

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