Logo

AUSGRABUNGEN

Wo einst die Webstühle klapperten

Der Siedlungsgeschichte Beihingens kann ein weiteres Kapitel hinzugefügt werden. Bei den Grabungen auf einem Baugrundstück legten Archäologen jetzt frühmittelalterliche Reste frei.

An der Ecke Benninger Straße/Mundelsheimer Straße finden seit vier Monaten Grabungen statt. Diese Woche werden sie beendet.Fotos: Andreas Becker
An der Ecke Benninger Straße/Mundelsheimer Straße finden seit vier Monaten Grabungen statt. Diese Woche werden sie beendet. Foto: Andreas Becker
Mit einem Kratzhaken säubert Dorothea Steinmaier ein Fundstück.
Mit einem Kratzhaken säubert Dorothea Steinmaier ein Fundstück.
Dieser Teil von einem Sturz trägt die Jahreszahl 1679 und wurde im Fußboden eines Kellers eingearbeitet.
Dieser Teil von einem Sturz trägt die Jahreszahl 1679 und wurde im Fußboden eines Kellers eingearbeitet.

FREIBERG. In dieser Woche werden die Arbeiten an der Ecke Benninger Straße/Mundelsheimer Straße beendet. Rund vier Monate war die Firma Fodilus für Archäologie und Grabungstechnik unter der fachlichen Aufsicht des Landesamtes für Denkmalpflege dort tätig und wurde fündig. „Da das Gebiet im historischen Ortskern und damit in einem sensiblen Bereich liegt, war klar, dass Grabungen erforderlich sind“, so Dr. Jonathan Scheschkewitz, Leiter der Mittelalterarchäologie beim Landesamt für Denkmalpflege. Zusammen mit Grabungsleiter Matthias Aust erläuterte er unserer Zeitung, welche historischen Zeugnisse entdeckt wurden.

Ein hochinteressanter Fund waren Spuren von vier Grubenhäusern aus dem 8. bis 10. Jahrhundert. Im Frühmittelalter wurden Häuser in Holzbauweise ohne Keller gebaut, davon sind lediglich Spuren der Pfosten übrig. „Nichts ist langlebiger als eine Pfostengrube“, so der Grabungsleiter, da die Archäologen genau erkennen können, wo einst Pfosten standen. „Einige Nebengebäude wurden im Boden eingetieft, das sind die Grubenhäuser“, erklärt Scheschkewitz. Sie hatten Kühlfunktion für die Vorräte oder dienten als Werkstätten. In zwei Grubenhäusern standen früher Webstühle. „Wir haben in einem Haus komplette, dreifache Reihen mit Webgewichten gefunden. Das sind große Lehmklumpen mit einem Loch für den Faden“, so Aust. Das können nur Experten erkennen. In einem weiteren Grubenhaus wurden einzelne Webgewichte entdeckt. „Der Webstuhl wurde sicher rausgeräumt und in das andere Haus gebracht“, meint der Grabungsleiter.

Jonathan Scheschkewitz erklärt, dass es sich um eine lokale Produktion für den Eigenbedarf gehandelt haben dürfte, eventuell mit einer geringfügigen Überproduktion für den Verkauf als Nebenverdienst. Auch der Rest von einem Ofen wurde gefunden, erkennbar an dem von der Hitze geröteten Lehm. Eventuell stammt er von einem kleinen Backofen. Da keine Eisenschlacken zutage kamen, schließen die Archäologen eine Metallverarbeitung eher aus. Zu den Funden zählen auch zwei Keramiktöpfe sowie Tonscherben, die ebenfalls aus dem Frühmittelalter stammen. Wie Scheschkewitz erklärt, sind die Höfe im Frühmittelalter noch gewandert. Wenn das Holzhaus nach 20 bis 30 Jahren baufällig war, wurde an anderer Stelle neu gebaut. „Erst im Hochmittelalter begann die Ortskonstanz mit Höfen auf einer festen Parzelle“, so der Archäologe.

Neben den frühmittelalterlichen Grubenhäusern wurden auch Spuren der hoch- und spätmittelalterlichen Besiedelung gefunden sowie Keller verschiedener Größe ausgegraben, die aufs 16. und 17. Jahrhundert datiert werden. Sie sind aus Kalksteinen gemauert. Ein Teil von einem Sturz mit der Jahreszahl 1679 ist allerdings nicht an Ort und Stelle, sondern wurde im Fußboden eines Kellers eingearbeitet. Drei der fünf Keller haben einen Gewölbeansatz. Dass die Keller nicht nur einen Stampflehmboden aufweisen wie häufig üblich, sondern einen Sandsteinboden, ist laut Archäologen dem Gründelbach geschuldet. „Bei einem Keller wurde auf den Steinboden noch Sand aufgeschüttet und eine weitere Sandsteinschicht aufgebracht“, so Aust. Die Bewohner hätten sich gegen das Grundwasser sichern müssen.

Die Ausgrabungsarbeiten waren recht schwierig, da Abbruchschutt früherer Häuser einfach in die Keller gekippt wurde. Doch die erfahrenen Grabungsarbeiter, von denen in den einzelnen Abschnitten jeweils sechs bis zehn im Einsatz waren, stemmen auch solche Herausforderungen. Zunächst ist ein Bagger im Einsatz, dann wird mit Spaten, später mit Kelle und Kratzhaken gearbeitet.

Für eine Grabungshelferin ist die Ausgrabung ein Heimspiel: Beate Stromsky, die ihr Berufsleben in Förderklassenlehrerin und Grabungshelferin aufteilt, stammt aus einer Ur-Beihinger Familie. „Da meine Vorfahren, die Familie Fischer, in Beihingen viel gebaut haben und sicher auch auf diesem Platz, ist es für mich natürlich besonders spannend“, freut sie sich.

Die Arbeiten, die alle genauestens dokumentiert sind, werden diese Woche beendet, Grabungsleiter Aust schreibt dann noch seinen Abschlussbericht. Während die Keramik archiviert wird, bleiben von den architektonischen Funden nur die Fotos. Die Keller werden abgerissen. Denn hier entstehen Tiefgaragen.

Autor: