Abschied
Bönnigheim | 11. Juli 2018

Erleichterung und etwas Wehmut

Nach 16 Amtsjahren wird Kornelius Bamberger diesen Freitag als Bürgermeister verabschiedet. Die 35 Jahre im öffentlichen Dienst seien genug, sagt er. Im Gespräch mit unserer Zeitung redet er über mehr Zeit für Privates, berufliche Enttäuschung und Bürgerbeteiligung.

16 Jahre im Zeichen des Mainzer Rades mit dem liegenden Mond, dem Wappen der Stadt: Bönnigheims Bürgermeister Kornelius Bamberger.Archivfoto: Alfred Drossel
16 Jahre im Zeichen des Mainzer Rades mit dem liegenden Mond, dem Wappen der Stadt: Bönnigheims Bürgermeister Kornelius Bamberger.Archivfoto: Alfred Drossel

Wie fühlen Sie sich, so kurz bevor Sie die Verantwortung für Bönnigheim abgeben?

Kornelius Bamberger: Es sind ziemlich zwiespältige Gefühle. Auf der einen Seite spüre ich schon etwas von der Erleichterung, Verantwortung abgeben zu können, genauso wie ich die Vorfreude spüre, für Privates Zeit zu haben, das bisher zu kurz gekommen ist. Auf der anderen Seite hätte ich die Verantwortung für anstehende Projekte zusammen mit dem Gemeinderat und meiner Verwaltung gerne noch eine Weile getragen. Dass sich in letzter Zeit schon einige Mitbürger und Vereinsvertreter von mir persönlich verabschiedet haben und mein Ausscheiden bedauern, macht einen schon ein bisschen wehmütig – vor allem, weil ich immer mit Herzblut bei der Sache war. Meiner Frau ergeht es ähnlich. Sie hat sich ja ebenfalls sehr engagiert, zum Beispiel bei den Landfrauen und in der Seniorenarbeit.

Haben Sie sich diesen Entschluss gut überlegt oder würden Sie jetzt anders entscheiden?

Hört sich vielleicht merkwürdig an, aber gegen Ende dieser zweiten Amtsperiode war im klassischen Sinne eigentlich gar keine Entscheidung notwendig. So richtig entscheiden muss man ja nur dann, wenn man zwischen zwei Alternativen hin- und hergerissen ist. Nach 35 Jahren Verwaltungslaufbahn sagte mir ganz einfach das Gefühl, dass der richtige Zeitpunkt für das Aufhören gekommen ist. Zudem ist alles zum Besten bestellt: Die Finanzen sind geregelt, wichtige Projekte sind abgeschlossen und neue Vorhaben sind auf den Weg gebracht. Der Schwabe würde sagen: „Ein g’mähts Wiesle.“ Ich bin zuversichtlich, dass es für die Stadt erfolgreich weitergeht. Und was meine Frau und mich betrifft, sind wir uns sicher, für uns den richtigen Weg gewählt zu haben. Unsere Kinder haben beide fertig studiert und deren weiteren Weg mitzuverfolgen, ist ebenfalls spannend.

Was müsste eigentlich anders werden, damit der Bürgermeisterberuf für junge Verwaltungsleute wieder attraktiver wird?

So viel ist es eigentlich gar nicht, das anders werden müsste. Für mich war es der Traumberuf und für viele junge Menschen kann das heute immer noch ein Traumberuf sein. Wer gerne unter Leute geht, in der Größenordnung von Bönnigheim Führungs- und Verwaltungserfahrung sowie Durchsetzungsvermögen mitbringt, vor 60- bis 70-Stunden-Wochen nicht zurückschreckt und dann noch die Unterstützung der Familie hat, der kann in diesem Beruf sehr glücklich werden. Für mich ist er der interessanteste und attraktivste, den der öffentliche Dienst zu bieten hat. Das Gehalt ist für die meisten meiner Kollegen dabei nur zweitrangig. Der Gehaltszuschlag für eine dritte Amtsperiode ist nur ein Herumdoktern an Symptomen. Wenn manche Leute wieder einen anständigeren Umgang pflegen würden, dann würde das Amt auch wieder mehr Freude bereiten. Der Ton macht die Musik! Darüber klagen im Übrigen auch andere Berufsgruppen – vom Dienstleister bis zum Unternehmer.

In den 16 Amtsjahren haben Sie ja einiges bewegt, aber auch vieles nicht geschafft. Was aus Ihrer Sicht wäre dringend nötig gewesen?

Wenn ich so zurückblicke und gerade für den Nachfolger die Akten und Unterlagen sichte, dann möchte ich behaupten, dass nicht nur einiges, sondern vieles bewegt wurde. Man denke nur an die Stadtsanierung mit dem Jahrhundertprojekt „Amann-Quartier/Am Schlosspark“ und die sanierten Gebäude in der Altstadt oder auch an die Baugebietserweiterungen für Wohnen und Gewerbe sowie die Investitionen in die Freizeitanlagen wie Spielplätze, Freibad und Stadion. Und dies, obwohl ich in dieser Zeit mit einigen personellen Problemen zu kämpfen hatte. Leider mussten insbesondere im Finanzbereich Kunden und Bürger immer wieder länger auf zu Erledigendes warten, als mir lieb war. Das wichtigste und größte Vorhaben, das bisher nicht realisiert werden konnte, ist die neue Stadthalle. Wir hatten gerade den Architektenwettbewerb abgeschlossen, als der Sparstrumpf mit fast 4,5 Millionen Euro für das neue Feuerwehrhaus und die Kindertagesstätte im Schlossfeld geleert werden musste. Durch die Nutzung der alten Festhalle als Mensa und den zunehmenden Ganztagesschulbetrieb ist der Hallenbau dringender denn je. Auch andere Vorhaben wie die Renovierung des Kavaliersbaus und des alten Feuerwehrmagazins sind der stets etwas klammen Stadtkasse zum Opfer gefallen. Pläne liegen zum Teil in der Schublade bereit. Dazu gehört auch die Neugestaltung des Bereichs unterhalb der Stadtkirche. Hier warten wir nur auf frisches Sanierungsgeld vom Land. Von den neuen Gebäuden existiert bereits ein kleines Modell.

Was hätten Sie anders oder im Nachhinein besser gemacht?

Im Großen und Ganzen hätte ich nichts wesentlich anders gemacht. Man kann natürlich immer etwas besser machen. Im Gemeinderat wurden aber viele Beschlüsse einstimmig gefasst. Die Verwaltungsbank im Sitzungssaal war nämlich immer bestrebt, den Rat mit allen Informationen zu versorgen, die er für eine tragfähige Entscheidung brauchte. Von daher glaube ich, dass auch das Gremium zufrieden ist mit dem Erreichten. Bei wichtigen Angelegenheiten haben wir über Veranstaltungen und das Nachrichtenblatt die Bevölkerung einbezogen. Zur weiteren Entwicklung von Bönnigheim bis zum Jahr 2030 ist eine direkte Form der Bürgerbeteiligung in Vorbereitung. Hier wurde von mir gesät, aber die Ernte der Erkenntnisse kann ich leider nicht mehr einfahren.

Wann waren Sie im Amt so richtig enttäuscht und wann haben Sie gejubelt?

So richtig enttäuscht war ich, als ich Regierungspräsident Schmalzl vor einigen Jahren das Fördergeld in Höhe von mehreren 100 000 Euro für die Renovierung des Kavaliersbaus zurückgeben musste, den Bescheid hatte er persönlich nach Bönnigheim gebracht. In der direkten Nachbarschaft des Schlosses wäre mir dieses Projekt sehr wichtig gewesen. Auch weil dann endlich unsere Musikschule und Stadtmusikdirektor Rainer Falk als deren Leiter adäquate Räume bekommen hätten. Wir konnten damals den notwendigen Eigenanteil nicht aufbringen. Hoffentlich kann die Stadt das bald nachholen! Laut jubeln konnte ich immer wieder. Zum Beispiel gleich nach meinem Amtsantritt im Juli 2002. Die Zusage von Sanierungsmitteln des Landes in Höhe von vier Millionen Euro war der Startschuss für die Umwandlung des Amann-Geländes in das Wohngebiet „Am Schlosspark“. Gejubelt habe ich aber auch bei der gelungenen Fusion der Löschzüge Hofen und Hohenstein zu einer Gesamtfeuerwehr Bönnigheim und bei dem tollen 150-Jahr-Jubiläum der Feuerwehr. Die Gründung der Bürgerstiftung war ebenso ein Grund zum Jubeln. Auch wenn Bönnigheimer Sportler deutsche, Europa- oder gar Weltmeistertitel errungen haben, habe ich laut mitgejubelt.

Was unterscheidet Bönnigheim eigentlich von anderen Kommunen?

Bönnigheim hat für seine Größe mit knapp 8000 Einwohnern eine außergewöhnlich gute Infrastruktur, wenn ich nur an das große Schulzentrum und das schöne Mineralfreibad denke. Leider kosten diese Einrichtungen auch sehr viel Geld. Der andere große Unterschied ist das überdurchschnittlich hohe ehrenamtliche Engagement der Bevölkerung. In manch anderer Kommune hat es Säcke von Geld, die zu wenig Ehrenamtliche für ihre Arbeit abholen – bei uns hat es Heerscharen an Freiwilligen, denen ich gerne den einen oder anderen Sack Geld hingestellt hätte.

Außerdem hat Bönnigheim kreis- und regionsweit eine hohe Wohn- und Lebensqualität. Der Großraum Stuttgart ist gut erreichbar. Gleichzeitig erwartet Einwohner wie Besucher im Hinterland eine wunderbare Landschaft mit Wein und Wald. Außergewöhnlich ist auch die reiche Geschichte unserer Ganerbenstadt, die diesen Monat ihr 1225-Jahr-Jubiläum feiert. Bauliche Zeugen davon sind unsere Sehenswürdigkeiten Barockschloss, Cyriakuskirche, Köllesturm und die Burg. Das Geschichtsbewusstsein der Bönnigheimer ist auch der Grund für die Bereitschaft, sich für unser „Städtle“ – wie es so schön heißt – zu engagieren. Unsere Stadtführer geben bei ihren Rundgängen gerne zum Besten, dass wir mit unseren drei ehrenamtlich geführten Museen und dem privaten Museum Zander in Relation zu unserer Einwohnerzahl eine höhere Museumsdichte als Berlin haben!

Wie haben sich die Bürger mit ihren Ansprüchen verändert und was könnten sie für ihre Stadt tun ?

Die Bürger haben sich insofern sehr verändert, als sie ihre persönlichen Interessen viel massiver durchzusetzen versuchen. Außerdem haben das Verständnis für die Aufgaben und Nöte einer Stadtverwaltung und der Sinn für das Allgemeinwohl nachgelassen. Ich sage immer, dass mit dem Begriff „die Stadt“ neben den Beschäftigten der Verwaltung und den Mitgliedern des Gemeinderats vor allem auch die Einwohner gemeint sind. Ein lapidares Beispiel: Oft hebe ich den Müll auf, den manche Zeitgenossen statt in das Behältnis daneben werfen. Warum soll es an dieser Stelle zwei Tage lang unordentlich aussehen, bis montags der Bauhof kommt? Ein anderes Beispiel: Wir sind schon mehrfach mit dem Versuch gescheitert, dass Anwohner die kleinen Grüninseln am Straßenrand mitpflegen. So könnte jeder im Kleinen etwas für seine Stadt tun und helfen, Steuermittel einzusparen. Auch Helferinnen und Helfer in den Vereinen sowie Kandidatinnen und Kandidaten für den Gemeinderat sind immer gefragt.

Sie bleiben Bürger und werden Altbürgermeister, mit 55 Jahren. Wie wollen Sie ihren Tag ausfüllen ?

Mit dem Begriff „Alt“-Bürgermeister kann ich gar nichts anfangen. Offiziell heißt die Bezeichnung ja auch „Bürgermeister a. D.“ – und das kann man in jedem Alter sein! Darin, den Tag, besser gesagt die kommende Zeit auszufüllen, sehen meine Frau und ich keine Probleme. Zuerst gilt es mal generell, in dieses neue Leben mit seinem anderen Tagesablauf und ohne prall gefüllten Terminkalender hineinzufinden. Das wird aber vermutlich schnell gehen: Noch diesen Sommer wollen wir die Renovierung unseres Hauses im Allgäu angehen. Und wir wollen einiges nachholen: Statt nur Kurzurlaube auch mal länger weg sein, die Beziehungen zu Verwandten, Freunden und Bekannten ohne Zeitdruck pflegen und kulturelle Veranstaltungen ohne Terminnöte besuchen. Ich kann mir auch vorstellen, mich mit meiner langen Erfahrung weiterhin beruflich zu betätigen. Gerne können Sie in einigen Monaten mal nachfragen. Vielleicht kann ich dann dazu etwas berichten. Und wenn uns wirklich langweilig werden sollte, haben wir ja noch unseren Weinberg.

Was raten Sie Ihrem Nachfolger?

Mein Nachfolger wird seinen Weg in Bönnigheim auch ohne einen Rat von mir gehen. Er braucht diesen auch nicht, hat er doch bis 2005 bei mir im Rathaus und danach als Kollege in Walheim genügend Erfahrung sammeln können.

Fragen von Alfred Drossel
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