Ausstellung
bietigheim-bissingen | 23. August 2017

Kujau und seine Fälschungen

17 Jahre nach seinem Tod wird in Bissingen ein „Kujau Kabinett“ eröffnet. Antiquitätenhändler Marc-Oliver Boger hat mehr als tausend Exponate des Meisterfälschers zusammengetragen, die er in einem Laden in der Bahnhofstraße auf einer Fläche von 126 Quadratmetern zeigen wird. Boger ist das Kujau-Museum eine sechsstellige Summe wert.

Kurz vor der Eröffnung: Das „Kujau Kabinett“ des Antiquitätenhändlers Marc-Oliver Boger in Bissingen.Fotos: Alfred Drossel
Kurz vor der Eröffnung: Das „Kujau Kabinett“ des Antiquitätenhändlers Marc-Oliver Boger in Bissingen.Fotos: Alfred Drossel

Im „Kujau Kabinett“ ist garantiert alles gefälscht. Es gab nichts, was der gebürtige Sachse nicht gefälscht hat. Gemälde, Zeichnungen, Handschriften, auch eine Luther-Bibel hat er mit Luthers Handschrift veredelt.

Sein größter Coup war allerdings, als er die Geschichte des Dritten Reichs auf DDR-Papier neu geschrieben hat. Er fabulierte in den 63 Kladden über Hitlers Mundgeruch, des Führers Blähungen und seine Angst vor der Grippe. Dass die Initialen auf den Kladden FH hießen statt AH und dass sie aus Plastik waren, störte beim „Stern“ niemanden.

Marc-Oliver Boger, ein gebürtiger Bissinger, kannte Kujau nur flüchtig. Aber er sammelte schon früh Kujaus Werke aller Art. In seiner Blütezeit waren die Bilder des Meisterfälschers gefragt und teuer. Kujaus zu sammeln ist nicht einfach, denn der Meisterfälscher wird auch heute noch selbst gefälscht. Seine Nichte Petra Kujau etwa wurde in Dresden zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt, weil sie im großen Stil Kujaus Bilder nachmachte und für mehrere Tausend Euro verkaufte. 2005 eröffnete Petra Kujau in Pfullendorf ein Kujau-Museum. Etwa 60 Gemälde, dazu ein Shop mit Tassen und T-Shirts, im Keller ein Kujau aus Wachs, der unter einem Hitler-Skelett am Tagebuch arbeitet. Zur Eröffnung kamen Die CDU-Politiker Wolfgang Schäuble und Friedrich Merz.

Das Museum ist inzwischen geschlossen, weil in den Räumen kein einziger echter Kujau ausgestellt wurde. Die Polizei stellt 250 Leinwände sicher und Kaufquittungen für 380 Bilder. Petra Kujau habe „im asiatischen Raum“ Kopien von bekannten Ölgemälden gekauft, sie in ihrem Dresdner Lager auf Rahmen getackert und mit Kujaus Signatur versehen, so der Vorwurf. Etwa zehn Euro kostet so eine Kopie in China, im Internet zahlten die Käufer bis zu 3500 Euro. In diesem Umfeld eine Sammlung zusammenzutragen war für Marc-Oliver Boger sehr schwer. „Am Anfang bin ich einige Male danebengelegen“, sagt Boger, „aber mittlerweile erkenne ich einen echten Kujau. Gemälde sowieso, aber auch die Handschriften.“ Die Exponate seines „Kujau Kabinetts“ hat Marc-Oliver Boger sorgfältig ausgewählt und präsentiert in seinen Räumen das Lebenswerk des Meisterfälschers stilvoll und hochwertig. Doch echt ist nichts.

Die Ausstellung zeigt das Schaffen Kujaus in seinen verschiedenen Facetten, wobei die Hitler-Tagebücher bei den Besuchern wohl auf besonderes Interesse stoßen werden. Boger ist es gelungen, die vom Sternreporter Gerd Heidemann hergestellten Kopien der Hitler-Kladden zu erwerben. Kujau selbst hat 30 000 Euro für eine Kladde verlangt. Das war dem Bissinger Sammler zu viel. Eine Anfrage beim „Stern“ mit der Bitte, eine Kladde zu bekommen, blieb unbeantwortet.

Heidemann, der immer in Geldnöten wegen seiner teuren Hobbys ist, stellte die Kopie der Schiffsglocke von Görings Jacht “Karin II“ zur Verfügung, die lange im Besitz Heidemanns war, und eine Zigarrenschachtel des einstigen NS-Reichmarschalls. Der Inhalt: eine Zigarre. Außer der Bibliothek Kujaus und einiger Schreibutensilien erinnert nicht viel an das private Umfeld Kujaus. Egal ob von Hitler, August dem Starken oder Napoleon – Kujau hatte alle Handschriften drauf. Mehr als 60 Gemälde berühmter Maler und Karikaturen schmücken die Wände des „Kujau Kabinetts“. Alle Exponate sollen mit Erklärungen versehen werden. Boger will auch Führungen anbieten, wenn er sein Museum sonntags geöffnet hat. Getestet hat er das Interesse der Besucher schon vor zwei Jahren, als er Teile der Sammlung in einem Abbruchhaus gezeigt hat. Rund 150 Besucher waren damals gekommen. Wenn das Bissinger „Kujau Kabinett“ in ein paar Wochen öffnet, will auch Gerd Heidemann vorbeischauen.

Alfred drossel
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