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Radwegeinitiative

Abschied mit offener Wunschliste

Roswitha Matschiner gibt nach zehn Jahren die Leitung an ihre Nachfolgerin Tina Murphy – Zermürbende Kleinarbeit

Roswitha Matschiner (links) übergibt die Speiche an Tina Murphy.Foto: Ramona Theiss
Roswitha Matschiner (links) übergibt die Speiche an Tina Murphy. Foto: Ramona Theiss

Die aktuelle kommunalpolitische Konstellation stehe eher in Widerspruch zu einem zukunftsfähigen Ausbau der Radinfrastruktur in Ludwigsburg, sagt Roswitha Matschiner. „Statt nachhaltige Mobilität zu fördern, werden die Schwerpunkte auf Smart City und Digitalisierung gelegt. Eigentlich müsste der Oberbürgermeister das Thema zur Chefsache machen.“

Hintergrund
Bürgerinitiative setzt sich für gute Infrastruktur ein

Die Radwegeinitiative ist eine vor zehn Jahren gegründete Bürgerinitiative, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Radinfrastruktur in Ludwigsburg zu verbessern. Dabei arbeitet die Initiative eng mit Fachverbänden, der Stadtverwaltung und anderen Behörden zusammen. Trotz aller Differenzen sei die Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung gut, betont Roswitha Matschiner. Baubürgermeister Michael Ilk jedenfalls habe bei den alljährlichen Brennpunktetouren im Frühjahr stets ein offenes Ohr für die Anliegen der Radfahrer. (fk)

Nach zehn Jahren Pro-Fahrradpolitik in der Radwegeinitiative zieht Matschiner im Gespräch mit unserer Zeitung ein durchwachsenes Fazit. Die Umsetzung konkreter Maßnahmen sei ein mühsames Geschäft, häufig auch demotivierend. „Ich bin an einem Punkt angelangt, an dem ich nicht mehr kann.“ Es sei der richtige Zeitpunkt, den Stab weiterzureichen.

Trotz ernüchternder Bilanz: „Da ergeben sich viele Chancen.“

Ihr Vermächtnis sieht Matschiner in guten Händen. Sie selbst war in den vergangenen zehn Jahren multifunktionell tätig, ihre Aufgaben werden jetzt auf mehrere Schultern verteilt. Auch wenn der Ist-Zustand alles andere als optimal sei: „In Ludwigsburg bietet sich ein riesiges Potenzial zum Ausbau der Radinfrastruktur“, zeigt sich Tina Murphy, im vierköpfigen Kernteam für Öffentlichkeitsarbeit und den Kontakt zur Stadtverwaltung zuständig, trotz Matschiners zumindest teilweise ernüchtert ausfallender Bilanz zuversichtlich. „Da ergeben sich viele Chancen.“

Nach zehn Jahren blickt Matschiner nicht nur auf zermürbende Kleinarbeit, sondern auch auf Erfolge zurück. Besonders hebt sie den Radweg in der Marbacher Straße hervor, denn hier seien erstmals in Ludwigsburg ursprünglich für den Autoverkehr ausgewiesene Flächen für Fahrradfahrer reserviert worden. Matschiner sieht darin einen längst fälligen Paradigmenwechsel. „Das Kraftfahrzeug hat sich breitgemacht, der öffentliche Raum ist begrenzt – deshalb stellt sich die Frage, wie er aufgeteilt wird.“

Ihre Antwort fällt eindeutig aus: Die Radinfrastruktur muss weiter ausgebaut werden, auch zulasten des motorisierten Individualverkehrs. Nur so könne die Stadt das vom Gemeinderat vorgegebene Ziel erreichen, den Anteil des Fahrradverkehrs an allen im Stadtgebiet zurückgelegten Wegen bis 2025 auf 20 Prozent zu erhöhen. Seit Jahren stagniere der Anteil bei neun bis zehn Prozent. Laut einer Umfrage der Stadt Ludwigsburg können sich 60 Prozent der Befragten grundsätzlich vorstellen, das Auto stehen zu lassen und stattdessen aufs Rad zu steigen. Dieses Potenzial könne aber nur bei einem weiteren Ausbau der Radinfrastruktur gehoben werden, sagt Matschiner. Ihr gehe es nicht darum, das Auto zu verteufeln. Aber eine fahrradfreundliche Politik löse viele Probleme. Weniger Staus, weniger Feinstaub, weniger Lärmbelästigung, dafür mehr Bewegung. Davon profitierten nicht nur Fahrradfahrer, sondern auch die Fußgänger. „Jede Fahrradpolitik ist gleichzeitig Fußgängerpolitik.“

Unter anderem setzt sich die Radwegeinitiative dafür ein, die Wilhelmstraße zwischen Eberhard- und Hospitalstraße für den motorisierten Individualverkehr zu sperren. Aus Matschiners Sicht wäre das mit einer erheblichen Aufwertung der Aufenthaltsqualität verbunden, an der auch der innerstädtische Einzelhandel interessiert sein müsse. Fahrradfahrer seien treue Kunden und kauften nicht im Einkaufszentrum auf der grünen Wiese, sondern im Zentrum ein. Zum Abschied übergibt Matschiner eine offene Wunschliste. Vieles ist Stückwerk geblieben. Etwa bei der Forderung nach sicheren Schulwegen, die von Anfang an auf der Agenda der Radwegeinitiative stand. „Da ist seit 2013 nichts umgesetzt worden.“ Handlungsbedarf sieht sie auch bei ruhendem Verkehr, öffentlichen Räumen, Freizeit und Tourismus, der Vernetzung nachhaltiger Mobilität und der weiteren Umsetzung des Radroutenkonzepts 2025. Um Fortschritte zu erzielen, empfiehlt die Initiative zu jedem dieser Themenkomplexe eine Vielzahl an Maßnahmen.

Matschiners Nachfolger müssen also die Ärmel hochkrempeln und Überzeugungsarbeit leisten. Murphy hat darin Erfahrung. Sie selbst fährt jeden Tag mit ihrem Pedelec vom Ludwigsburger Osten zu ihrem Arbeitsplatz in Zuffenhausen. Ihren Chef und mehrere Kollegen konnte sie bereits zum Umstieg vom Auto auf das Pedelec bewegen. Solch geballte Überzeugungskraft wird sicher auch in ihrer neuen Funktion gefragt sein.

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