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Krankenhaus

Akademiker übernehmen die Pflege

Da sich immer weniger Pflegekräfte um immer mehr Patienten kümmern müssen, geht der RKH Klinikverbund jetzt neue Wege. Durch studierte Pflegekräfte soll die Versorgung der Patienten auf neue Füße gestellt werden. Das könnte auch die Ärzte entlasten. Schon im Oktober beginnt für die ersten Pflegekräfte das Studium.

In den regionalen Krankenhäusern werden in Zukunft verstärkt studierte Pflegekräfte eingesetzt.Archivfoto: Oliver Berg/dpa
In den regionalen Krankenhäusern werden in Zukunft verstärkt studierte Pflegekräfte eingesetzt. Foto: Oliver Berg/dpa

Ab sofort arbeitet der RKH Klinikverbund, zu dem auch die Krankenhäuser im Kreis gehören, mit einer Salzburger Privatuniversität zusammen. Im Herbst sollen die ersten 25 erfolgreichen Bewerber ihr Studium der Pflegewissenschaften aufnehmen. Das Konzept nennt sich „2in1-Modell-Pflege“ und besteht aus einer Pflegeausbildung plus einem Studium an der Paracelsus Medizinische Privatuniversität (PMU) in Salzburg (Infobox).

Jörg Martin, der Geschäftsführer der RKH Kliniken, verspricht sich von der Akademisierung der Pflege verschiedene Vorteile, wie er gestern bei der Vertragsunterzeichnung erläuterte. Zum einen werden von den Pflegekräften heute neue und zusätzliche Kompetenzen erwartet. Der Fachkräftemangel, wissenschaftlicher Fortschritt aber auch die Demografie machen es notwendig, dass Pflegekräfte gezielter und effizienter eingesetzt werden. Und wissenschaftliche Erkenntnisse spielen im Pflegealltag eine wachsende Rolle. „Der Wissenschaftsrat hält es für sinnvoll, 10 bis 20 Prozent eines Ausbildungsjahrgangs in der Pflege akademisch auszubilden“, sagte Martin.

Neben der besseren Qualifizierung setzt die Kliniken-Holding mit der Akademisierung der Pflege aber auch darauf, für junge Leute attraktiver zu werden und damit im harten Kampf um die Mitarbeiter in der Pflege zu bestehen. „Während die Bundesregierung mit neuen Gesetzen an der Realität vorbeiregiert, entwickeln die RKH Kliniken für die Mitarbeiter im Pflegedienst neue, visionäre Konzepte“, so Martin weiter.

Schon heute dauert es fast ein halbes Jahr, bis eine freie Stelle in der Krankenhauspflege wieder besetzt werden kann. Und Jörg Martin prognostiziert, dass dieser Fachkräftemangel in Zukunft noch schlimmer werde. „Wir werden mit immer weniger Leuten immer mehr Patienten versorgen müssen.“

Den neuen, akademischen Pflegekräften soll in den Krankenhaus-Stationen eine Schlüsselrolle zukommen. Zwar wird den Ärzten weiterhin die letzte Entscheidung über die Patienten obliegen, die neuen Pflegekräfte sollen aber eigenständig Verordnungen und Therapien erwirken und auch komplexe Fälle versorgen – dafür waren bisher immer Ärzte notwendig. Die Ärzte können damit entlastet werden und sich auf ihre primären Aufgaben konzentrieren.

Die direkte Versorgung der Patienten, Visiten, Verbandswechsel und ähnliche Angelegenheiten sollen weiterhin von den ausgebildeten Pflegekräften übernommen werden.

In vielen Ländern sind an Universitäten ausgebildete Pflegekräfte heute längst Standard. In fast allen Nachbarländern Deutschlands und vor allem in den USA ist diese zunehmende Verzahnung und verbesserte Kooperation von Arzt und Pflege schon weit vorangeschritten. Laut Martin besteht auch keine Gefahr, dass die akademischen Pflegekräfte eines Tages im Büro verschwinden und nicht mehr für die Arbeit am Patientenbett zur Verfügung stehen. Dafür sollen praxisrelevante Studieninhalte sorgen.

Obwohl die neuen Pflegekräfte durch ihre bessere Ausbildung mehr Geld kosten, sei der Schritt finanziell vertretbar, so Jörg Martin weiter. Denn zum einen steige langfristig dadurch die Qualität der Pflege, wodurch die Patienten früher entlassen werden können. Zum anderen werde Geld gespart, weil die Ärzte sich stärker auf ihre eigentlichen Aufgaben wie Operieren konzentrieren können.

Jürgen Osterbrink von der Salzburger PMU freute sich gestern, dass er nun gemeinsam mit dem RKH Klinikverbund ein bisher in Baden-Württemberg einmaliges Pflege-Entwicklungszentrum aufbauen kann. Die Kliniken der Holding werden durch die Kooperation zu Lehrkrankenhäusern des Instituts für Pflegewissenschaft der Salzburger Universität.

In Österreich und Bayern haben bereits Hunderte Studenten das „2in1-Modell-Pflege“ durchlaufen, erläuterte Osterbrink. Seine Hochschule bietet auch Master- und Promotionsstudiengänge in Pflegewissenschaften an. Für Pflegekräfte, die ihre Ausbildung bereits hinter sich haben, gibt es ein Onlinestudium über vier bis sechs Semester im Angebot. Auch darauf hofft die Ludwigsburger Holding. Das sei vor allem für Leute interessant, die berufsbegleitend studieren wollen.

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