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Aufgespielt

Alle Jahre wieder“ – mein erstes Weihnachtslied nach 32 Jahren sitzt und das nach einer Klavierstunde. Aus „O du fröhliche“ wird trotzdem nichts ...

Ludwigsburg. Das Üben: Üben! Täglich! Hat Barbara Häge-Nüssle empfohlen. Tatsächlich kann ich aber bereits nach einer Stunde eifrigem Geklimper– wie gesagt der Ehrgeiz – „Alle Jahre wieder“ fast einwandfrei zweihändig (!) spielen – von ein paar Hängern abgesehen. Nur der Schlussakkord tut gar fürchterlich und lässt sich auch nicht mit dem verstimmten Klavier zu Hause wegerklären. Da ist was falsch. Zwar hat mir Bärbel Häge-Nüssle die Noten für den Akkord aufgeschrieben, aber ich kann die Tonleiter im Bass nicht mehr. Also dann eben nur ein einziger Endton mit der rechten Hand. Klingt auch ganz gut, hab ich beschlossen. Der Vorsatz „täglich üben“ war dann doch etwas zu hoch gegriffen: Sport, Weihnachtsmarkt, Treffen mit der Freundin, der Partner sind ja auch wichtig. Und das Lied kann ich ja – bis auf die ...

... Quintessenz: „Also, das mit der Quintessenz habe ich nicht hingekriegt, ich hab auch die Tonleiter nicht gelernt“, gestehe ich in meiner nächsten Klavierstunde. Bärbel Häge-Nüssles amüsierten Blick deute ich zunächst als Verständnis für die nicht gelernte Tonleiter. „Sie meinen den Quintschluss“, sagt sie lächelnd. Der heißt so, weil er sich aus dem ersten und dem darauffolgenden fünften Ton zusammensetzt. Sie zeigt ihn mir. Zugegeben, hört sich besser an als mein Ein-Ton-Schluss. Dafür klappt aber das Untergreifen mit dem linken Daumen nicht mehr, zu Hause ging das noch. Als Hilfestellung bekommen die beiden Noten ein Kästchen drumherum und weil es immer noch nicht tönt, folgt ein rotes Kästchen (Signalfarbe!). Vielleicht liegt es am Biorhythmus.

Der Biorhythmus: „Das ist auch tagesformabhängig“, tröstet mich Häge-Nüssle. Wie überall sonst spiele der Biorhythmus auch beim Musikmachen eine große Rolle. Und dann wäre da noch das

Linksproblem: Ich bin mit der linken Hand ein Legastheniker. Schreiben mit der linken Hand geht gar nicht, ich scheitere aber auch schon beim Versuch, mit der linken Hand einen Flaschenverschluss aufzudrehen – und nun soll ich plötzlich in bester „Schmidtchen-Schleicher-Manier“ nicht mit elastischen Beinen, aber mit elastischen Fingern und Ellbogen flugs über die Tasten gleiten. Häge-Nüssle empfiehlt die „linke Woche“ – einfach mal alles mit links machen.

Lieber still als fröhlich: Sollen wir als zweites Lied ein englisches machen, schlägt meine Lehrerin vor. Mit „Jingle Bells“ kann man mich jagen, die anderen kenne ich nicht. Das geht nicht! Da es mit dem Notenlesen noch hapert, bleibt mir nur der Klang: Was sich gar fürchterlich anhört, ist mit Sicherheit falsch. Vielleicht doch „O du fröhliche“, schließlich bin ich jetzt schon fortgeschritten, probiere ich den Höhenflug. „O du fröhliche ist innerhalb einer Woche nicht leichter geworden“, raubt Häge-Nüssle mir meine Illusionen. Zu viele Doppelgriffe. Also doch „Stille Nacht, Heilige Nacht“.

Glücksgefühle: Wir erarbeiten das Lied rechts, dann links. Oh Wunder, ich kann Noten lesen – zumindest ein paar aus „Alle Jahre wieder“. Nach einer Viertelstunde sieht das Notenblatt – ohnehin schon wesentlich chaotischer als bei „Alle Jahre wieder“, weil schwieriger – noch wilder aus: Die Lehrerin notiert den Buchstaben der Note, die Schülerin schreibt lieber noch „vierte Taste von links“ dazu, sicher ist sicher. Links bleibt das große Manko, auch wenn ich den Terzsprung über drei Tasten auf dem Papier erkenne. „Mit beiden Händen versuchen wir es jetzt nicht. Sonst gehen Sie gefrustet raus, das wollen wir nicht. Jeder soll hier gut gelaunt rausgehen“, sagt Bärbel Häge-Nüssle. Mit den Noten im Arm, der Quintessenz – äh, dem Quintschluss im Kopf – und den elastischen Fingern gehe ich also ins Büro. Linke Woche, ich komme!

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