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Verkehr
Bilanz nach dem großen Ludwigsburger Ampeltest: Fußgänger haben nicht erste Priorität

In der Innenstadt hoffen Leser auf mehr Grün für Fußgänger. Foto: Holm Wolschendorf
In der Innenstadt hoffen Leser auf mehr Grün für Fußgänger. Foto: Holm Wolschendorf
Autofahrer verlangen nach der Grünen Welle, Fußgänger möchten nicht zu lange an Ampeln warten –die Interessen sind oft gegensätzlich. Der teuer angeschaffte Verkehrsrechner kann dies nur begrenzt ausgleichen, dazu kommt, dass er den Autoverkehr an die erste Stelle setzt.

Ludwigsburg. Über hundert Hinweise gingen zum LKZ-Ampeltest ein, viele Leser bezogen sich auf Probleme mit den Anlagen im Umfeld der Innenstadt. Die Kritik: Zu lange Wartezeiten, zu kurze Grünphasen, so dass man über die Straße hetzen muss, schmale und wenig attraktive Mittelinseln an stark befahrenen Straßen, teils fehlende Blindenampeln. Wir hakten nach und sprachen mit Bürgermeister Sebastian Mannl und Ulrike Schmidtgen, deren Fachbereich für die Ampeln zuständig ist.

Ein Grundproblem ist in Ludwigsburg das hohe Verkehrsaufkommen, das von der B27 aus auch auf andere Straßen abstrahlt. Ob Auto, Fahrrad oder Fußgänger, die Stadt versucht, allen Verkehrsteilnehmern gerecht zu werden. „Ich kann jede Sekunde nur ein Mal verteilen“, so Ulrike Schmidtgen, die darauf hinweist, dass jede Änderung, etwa für längere Grünphasen für Fußgänger, sich auf den Auto- oder Busverkehr auswirkt.

Allerdings bevorzugt der Verkehrsrechner die Straße. Er rechnet die Verkehrsbelastung hoch und steuert entsprechend die Ampeln für die Fahrzeuge. Fußgänger bemerkt er erst, wenn sie irgendwo an einer Ampel auf den Taster drücken und Grün anfordern. Erst dann versucht die Technik, den Fußgänger in die Abläufe einzuplanen. „Der Fußgänger hat nicht die allerhöchste Priorität“, formuliert es Bürgermeister Mannl vorsichtig. Der Verkehrsrechner bevorzugt die Autos.

Andere Städte verkürzen die Umlaufzeit an den Ampeln

Ob das noch zeitgemäß ist, könne man hinterfragen, erklärt er im Gespräch mit unserer Zeitung. Äußerst kritisch sehe er vor allem den Durchgangsverkehr. „Wir haben viel zu viel Durchgangsverkehr“, so Mannl. Ob und wie man eingreife, sei auch eine politische Frage. In manch‘ anderen Städten habe man die sogenannte Umlaufzeit an Ampelanlagen verkürzt, das heißt: Statt innerhalb von 90 Sekunden müssen in 45 Sekunden Autos und Fußgänger berücksichtigt werden. Das erhöhe das Gefühl, dass man schneller Grün bekomme, allerdings verringere sich die Zahl der Fahrzeuge, die bei Grün über die Ampel kommen. Autos werden bei dieser Zeitreduktion ausgebremst.

Doch ist für Fußgänger die Grünphase zu kurz, müssen sie hetzen? Die Stadt halte sich an die allgemeinen Vorgaben, nach denen Fußgänger eine Straße mit 1,2 Metern pro Sekunde überqueren könnten. Das bedeute aber auch, dass die Straße nicht immer komplett bei Grün überquert werden kann. „Wer schon losgelaufen ist, darf auch bei Rot weitergehen“, so Schmidtgen. Viele Leser, insbesondere ältere Menschen, hat dies irritiert, gerade auch dann, wenn stark befahrene, vierspurige Straßen passiert werden müssen oder abbiegende Autos ebenfalls Grün haben. Besonders kritisch bewertet wurden die Übergänge über die B27 beim Walckerpark, in dessen Nähe sich das Seniorenheim befindet und wo inzwischen auch ein Spiel- und Ballplatz angelegt worden ist, und ebenso der Übergang auf Höhe der Königinallee bei der Karlshöhe.

Das Argument, dass die kurze Grünphase Kinder verunsichert, die lernen, bei Rot nicht über die Ampel zu gehen, lässt man nicht gelten. In der Verkehrserziehung würden Schüler darauf hingewiesen, sich in solchen Fällen richtig zu verhalten. Umdrehen sollten sie nicht, wenn die Fußgängerampel plötzlich auf rot schaltet. „Das Rot soll die Nachkommenden blockieren.“ Also diejenigen, die erst die Straße betreten, wenn schon vorher grün war.

Die Polizei rät den Kindern, weiterzulaufen. Allerdings sieht Hauptkommissarin Stephanie Burkhardt es als Problem an, dass die Grünphasen so kurz sind. Dies sei eine Gefahr für Kinder und für ältere und körperlich eingeschränkte Personen. Viele Erzieherinnen beklagten zudem, dass sie nicht mit allen Kindern über die Ampeln kommen und Autofahrer kein Verständnis zeigten, wenn sie nicht gleich losfahren können. Eine Erzieherin dürfe einzelne Kinder aber nicht auf der anderen Straßenseite allein stehen lassen.

In der Innenstadt und in der Wilhelmstraße sind viele Fußgänger unterwegs, Fußgängerströme gibt es regelrecht auch in Richtung Bahnhof. Besonders die Ampeln bei der Wilhelmgalerie oder über die Schillerstraße gelten Lesern als wenig fußgängerfreundlich. Bürgermeister Mannl will sich die Steuerung in der Innenstadt nochmals genauer anschauen und ob die Grünphase verlängert werden kann. Das würde aber bedeuten, dass diese Schaltung auch dann da ist, wenn es regnet oder nachts wenig Fußgänger unterwegs sind. Was ein Nachteil wäre, so Mannl.

Testweise Infrarotdetektoren, die Fußgänger erkennen?

„Bei Fußgängern sind wir technisch noch nicht so ausgestattet wie beim Autoverkehr“, erklärt er. Wollte man sie ebenfalls verkehrsabhängig berücksichtigen, wäre teure Technik notwendig. Nur beim Übergang zum Schloss sei eine Kamera angebracht, die erkennen könne, wie viele Fußgänger dort queren wollten. Dann gebe der Verkehrsrechner Sekunden dazu, so Schmidtgen. Infrarotdetektoren, die auf Körperwärme reagieren und auch die Fußgänger ins Rechensystem einbeziehen könnten, gibt es in Ludwigsburg nicht und wären wohl zu teuer. In Bremen gibt es das, und das habe gut funktioniert, weiß Mannl. Er könnte sich vorstellen, testweise in Ludwigsburg so etwas auszuprobieren.

In der Barockstadt werden die Fußgänger vorerst weiterhin auf den Knopf drücken müssen, schrittweise werden aber die Fahrradfahrer in das Rechnersystem einbezogen. Überall, wo eine Straße umgebaut wird, werden Induktionsschleifen eingepflegt. Fährt ein Radfahrer über diese, kann ihn der Verkehrsrechner im Ampelablauf berücksichtigen.

Weil die Martin-Luther-Straße auch Schulweg zum Bildungszentrum West ist, soll dort die automatisierte Technik des Verkehrsrechners etwas ausgehebelt werden. Es werde überlegt, die Grüne Welle aufzuheben und die Fußgänger und Schüler, die auf dem Rad unterwegs sind, stärker zu berücksichtigen.