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Islam

Das größte Fastenbrechen Europas findet hier statt

Kein Essen, kein Trinken, keine Zigaretten, kein Sex: Für Muslime ist der Ramadan eine Zeit des Verzichts, aber auch eine Zeit des gemeinsamen Feierns – fast ein bisschen wie an Weihnachten, sagten Muslime am Samstagabend beim öffentlichen Fastenbrechen der Islamischen Gemeinschaft Ludwigsburg (IGL) auf dem Marktplatz.

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Rund 2000 Menschen trafen sich am Samstagabend zum Fastenbrechen auf dem Ludwigsburger Marktplatz. Foto: Holm Wolschendorf

Ludwigsburg. „Als wir vor 14 Jahren anfingen, hatten wir gerade mal 50, 60 Besucher“, erinnert sich der ehemalige IGL-Vorsitzende Hayrettin Dogan. Das hat sich gründlich geändert: Das öffentliche Fastenbrechen, das der Moscheeverein alljährlich auf dem Marktplatz ausrichtet, hat sich längst zu einer echten Großveranstaltung entwickelt. „Im vergangenen Jahr waren etwa 2000 Besucher da“, erzählt Dogan.

Natürlich feiern Muslime das Fastenbrechen auch hierzulande, allerdings eher in den eigenen vier Wänden oder in Moscheen. In der Türkei dagegen bauen Städte und Gemeinden sogenannte Iftar-Zelte auf („Iftar“ ist das arabische Wort für Fastenbrechen), in denen die fastenden Gläubigen nach Sonnenuntergang gemeinsam speisen. Dabei handelt es sich in der Regel um eine einfache Bewirtung in geselliger Runde. „Ein Rahmenprogramm, wie wir es in Ludwigsburg organisieren, gibt es nur in großen Städten“, meint Dogan stolz. „Meines Wissens nach ist unsere Veranstaltung das größte öffentliche Fastenbrechen in Europa.“ Auf der Bühne vor der katholischen Kirche Zur Heiligsten Dreieinigkeit befragt Moderator Fatih Kara einige Besucher zum Wesen des Fastens. Essen und trinken dürfen die Muslime erst nach Sonnenuntergang – gerade in den heißen Sommermonaten wird das zu einer echten Herausforderung. „Immerhin sind es 17 Stunden von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang“, sagt Kara. „Aber wir sehen den Verzicht auch als Chance. Als Möglichkeit, am eigenen Charakter zu arbeiten.“ Der Fastenmonat sei anstrengend, aber auch besinnlich, sagt eine junge Frau. „Das ist wie an Weihnachten, man verbringt viel Zeit mit Familie, Freunden und Bekannten.“

Als das Bühnenprogramm gegen 20 Uhr beginnt, sind die Bierzeltgarnituren schon gut gefüllt. Auch in diesem Jahr hat die IGL für etwa 2000 Besucher aufgestuhlt, und mindestens so viele dürften auch auf den Marktplatz gekommen sein. Allerdings nur wenige Nichtmuslime, obwohl die IGL ausdrücklich Angehörige aller Religionen zum Fastenbrechen einlädt. Besonders freuen sich die Muslime darüber, dass erstmals Oberbürgermeister Werner Spec an der Veranstaltung teilnimmt.

Das Ansehen des Islam in der westlichen Welt habe seit dem 11. September 2001 und zahlreichen weiteren Terroranschlägen gelitten, sagt der IGL-Vorsitzende Abdurrahman Polattimur, als er die Gäste begrüßt. „Gerade deshalb ist diese Veranstaltung ein wichtiges Zeichen für den interreligiösen Dialog.“

Gastredner Muhittin Soylu, Vorsitzende der Islamischen Glaubensgemeinschaft Baden-Württemberg, erinnert an Solingen und andere ausländerfeindliche Anschläge vor 25 Jahren. Derzeit werde unter anderem Deckmantel gegen den Islam gehetzt, auch die IGL sei schon zweimal Ziel von Angriffen geworden. „Wir hoffen, dass sich die demokratischen Parteien gegen Islamfeindlichkeit einsetzen“, so Soylu.

Zumindest in Ludwigsburg funktioniere das Miteinander verschiedener Kulturen, sagt der Oberbürgermeister. „Weit über 100 unterschiedliche Nationen leben hier gemeinsam, das macht Hoffnung. Gegen alle, die unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung bekämpfen, müssen wir zusammenhalten.“ Anschließend spricht Ali Bozkurt den Ezan, den traditionellen Gebetsruf, und erlöst endlich die hungernden Muslime, die sich mit Reis und gekochtem Fleisch für die noch anstehenden Fastenstärken.