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100. Geburtstag

Das Jahrhundertleben des Konrad Jeschke

Das 20. Jahrhundert hat Biografien hervorgebracht, die einem Sturm gleichen. Auch das Leben von Konrad Jeschke gehört dazu. Heute feiert er in Neckarweihingen seinen 100. Geburtstag. Und auch dieser fällt in eine ungewöhnliche Zeit.

Blickt seit heute auf 100 Jahre zurück: Konrad Jeschke, der am 30. März 1920 in Kuks/Böhmen geboren wurde. Foto: Holm Wolschendorf
Blickt seit heute auf 100 Jahre zurück: Konrad Jeschke, der am 30. März 1920 in Kuks/Böhmen geboren wurde. Foto: Holm Wolschendorf

Ludwigsburg-Neckarweihingen. Sein Geist ist wach und die Augen strahlen eine unendliche Zuversicht aus. Zwar sitzt Konrad Jeschke in einen Rollstuhl und die Ohren vernehmen nur noch deutlich gesprochene Sätze, aber was heißt das schon? 100 Jahre in völliger Klarheit zu erleben, gleicht einem Wunder. Als Zuhörer kann man nur staunen. Gebannt sitzt man da und lauscht den Erzählungen dieses Mannes, für den Aufgeben oder Missmut nie eine Option im Leben gewesen sind.

Geboren wird Konrad Jeschke vor 100 Jahren in einem kleinen Ort namens Kuks (deutsch Kukus) an der Elbe, am Fuße des Riesengebirges in Böhmen. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs gehört das Dorf, das vor allem für sein barockes Stift bekannt ist, zum Habsburgerreich. Als Konrad Jeschke 1920 zur Welt kommt, ist er tschechoslowakischer Staatsbürger. Er erinnert sich: „Tschechen und Deutsche haben damals gleichberechtigt zusammengelebt. Das war eine typisch böhmische Atmosphäre.“

Friedliches Zusammenleben

Konrad Jeschke wird in eine wohlhabende Familie hineingeboren, die seit Jahrhunderten in der Region ansässig ist. Er ist das Jüngste von vier Kindern. Seine Eltern haben 1904 geheiratet. Sein Vater lässt sich in Schweden und Russland zum Webmeister ausbilden und baut in Kuks eine erfolgreiche Fabrik für Textilbänder auf. „Pro Jahr haben wir drei Millionen Meter Band produziert.“ Abnehmer sind die Verpackungs- und die Kabelindustrie. In der Fabrik sind zeitweise 60 Arbeiter angestellt – Tschechen und Deutsche, darunter Invaliden des Ersten Weltkriegs.

Direkt bei der Fabrik steht das große Haus der Familie. „Wir hatten eine glückliche Kindheit voller Freiheit. Im Dorf haben wir mit tschechischen und deutschen Kindern gespielt.“ Im riesigen Obstgarten stehen 120 Kirschbäume. Sein Vater gründet 1930 das Heimatmuseum von Kuks. Schon als Junge führt Konrad Jeschke Besucher durch das Museum und freut sich über das Trinkgeld. „Ich hatte schon mit zehn Jahren einen Geschäftssinn.“

Erst Ende der 30er Jahre zieht Unheil auf. Nach dem Anschluss des Sudetenlandes an das Deutsche Reich 1938 wird Konrad Jeschke plötzlich deutscher Staatsbürger. Im böhmischen Reichenberg geht er auf die Handelsakademie. Sein älterer Bruder ist dafür vorgesehen, die Fabrik zu übernehmen. Konrad Jeschke soll einen anderen Beruf erlernen.

Der Krieg macht vor der Familie nicht Halt. Jeschke wird 1940 eingezogen und ist von 1941 bis 1943 beim Afrikafeldzug dabei. Einsatzgebiet ist die libysche Wüste. Sein Pionier-Bataillon verlegt dort Minen. Er erlebt schreckliche Kämpfe und wird mehrfach leicht verwundet, ehe er über Tunesien und Neapel der Gefangenschaft entkommt. Er lässt sich zum Leutnant ausbilden und verbringt den Rest des Krieges als Soldat im eher ruhigen Norwegen.

Nach dem Krieg kehrt er in die Tschechoslowakei zurück und will sich bis in sein Heimatdorf durchschlagen. Doch das schafft er zunächst nicht. Ein Jahr arbeitet er bei einem Bauern in Böhmen. Erst im Sommer 1946 kehrt er nach Kuks zurück. Zwei Wochen später, im September 1946, wird die Familie entschädigungslos ausgewiesen. Die Fabrik wurde schon bei Kriegsende beschlagnahmt, die Villa der Familie komplett geplündert. Sein Vater musste in eine Wohnung umziehen. Die Mutter war schon kurz vor dem Krieg gestorben.

Mit zwei Lastwagen werden die letzten deutschen Familien der Gegend, darunter die Jeschkes, an die neue Grenze gefahren. „Wir hatten alles verloren.“ Selbst der Koffer mit den wenigen Habseligkeiten, die er sich mit seinem Lohn vom Bauern beschaffen konnte, geht beim Transport verloren. Von der Grenze geht die „Reise“ weiter mit dem Zug.

Dass die Familie am Ende in Ludwigsburg landet, ist wie so vieles in dieser Zeit reiner Zufall. Der Schwager von Konrad Jeschke kommt nach der Kriegsgefangenschaft nach Besigheim. Diesem neuen Anker folgt der Rest der Familie nach.

1947 Neustart mit nur einer Maschine

In Ludwigsburg beginnt der schwierige Neuanfang. Konrad Jeschke versucht sich, mit Tauschgeschäften über Wasser zu halten. Anfangs wohnt er zusammen mit seinem Vater und dessen ehemaliger Haushälterin in der Königin-Olga-Kaserne in der Weststadt. Sämtliche Kasernen in Ludwigsburg sind damals voller Flüchtlinge und Vertriebener. Anfangs schlafen sie auf dem Boden, nur der Vater, der damals schon über 70 Jahre alt ist, bekommt ein Feldbett.

Es folgen etliche Umzüge in weitere Wohnungen und Zimmer, unter anderem leben die Jeschkes eine Zeit lang in zwei Dachzimmern auf Marienwahl. „Das war für die Herrschaften ziemlich ärgerlich“ erinnert sich Jeschke. Fürstin Pauline zu Wied sei nicht begeistert von dieser verordneten Einquartierung gewesen.

Doch Lamentieren kommt für Konrad Jeschke und seinen Vater überhaupt nicht infrage. Schon 1947 bemüht sich der Vater, den Betrieb wieder aufzubauen. Von einem ehemaligen Techniker seiner Fabrik lässt er eine erste Maschine für die Produktion der Bänder bauen. Gleichzeitig bemüht er sich um eine Lizenz. Im Gasthaus Hirsch in der Unteren Stadt wird diese erste Maschine in einem Nebenraum aufgestellt – und alles beginnt von vorne. „Mein Vater hat sämtliche Geschäftsfreunde von früher angeschrieben. Das war ein weites Handelsnetz“, erinnert sich Jeschke. Der Einsatz lohnt sich. In wenigen Jahren baut der Vater mit seinen beiden Söhnen das Unternehmen in Ludwigsburg wieder auf.

1957 kaufen Konrad Jeschke und sein Bruder ein großes Gewerbegrundstück in Neckarweihingen unweit des Neckars. Konrad Jeschke errichtet für seine Familie – seine Frau kennt er noch aus der alten Heimat, ihre Familie wurde gemeinsam mit seiner ausgewiesen – auch ein Wohnhaus auf dem Areal. In diesem lebt er bis heute. Seine Frau ist erst vor zwei Jahren gestorben. 69 Jahre waren die beiden verheiratet.

Das Geschäft läuft gut, die Produktion wird über die Jahre erheblich ausgeweitet. 20 Maschinen produzieren die Bänder. Die Lieferungen gehen in viele Länder – vor allem an Kabelproduzenten. Auch Bosch gehört zu den Kunden oder der Zigarettenhersteller Reemtsma.

Enge Beziehung in die alte Heimat

60 Mitarbeiter hat Jeschke zu Hochzeiten, darunter viele Vertriebene und ältere Frauen, die in der Abendschicht arbeiten. Konrad Jeschke ist für Produktion und Vertrieb zuständig. „Ich war überall unterwegs. In ganz Deutschland und Europa. Überall hatten wir Geschäftsfreunde.“

Wenn er von dieser Zeit erzählt, dann wird das Leuchten seiner Augen noch strahlender. Oft ist er damals schon vor dem Morgengrauen aufgestanden, um die Maschinen vor Arbeitsbeginn anzuheizen. Das Unternehmen ist familiär organisiert. Seine Frau und auch die drei Töchter helfen mit.

Als die Textil- von Kunststoffbändern verdrängt werden und die Jeschkes keine Zukunft mehr für ihr Produkt sehen, wird in den 90er Jahren auf dem Firmenareal ein weiteres Gebäude errichtet und an ein Unternehmen, das Pumpen herstellt, vermietet. Die Maschinen werden verkauft oder verschrottet. Doch auch auf diesen Schritt blickt Konrad Jeschke nicht mit Wehmut zurück, sondern voller Stolz auf das Erreichte.

1969 besucht er seine alte Heimat Kuks zum ersten Mal wieder. „Unvorstellbar, wie sich alles verändert hatte.“ Die Fabrik der Familie gibt es heute nicht mehr. Aber die Gebäude stehen noch. Dort ist ein Oldtimermuseum untergebracht. Auch das von seinem Vater gegründete Heimatmuseum spielt im Ort wieder eine Rolle. Die einstige Familienvilla dient als Pension und Tourist-Info.

Im Laufe der Jahre hat er die emotionale Beziehung zu seinem Heimatort immer weiter ausgebaut. Er hat dem Heimatmuseum mehrere Exponate aus der Region geschenkt, die er nach dem Krieg mit seinem Vater gesammelt hat, und in der Stiftskirche von Kuks hat er in den 90er Jahren die Renovierung der Orgel unterstützt. Seither ist er dort Ehrenbürger. „Da hat sich eine ganz intensive Beziehung und Freundschaft aufgebaut.“

Die große Geburtstagsfeier mit den Töchtern, Enkeln und Urenkeln ist dem Coronavirus zum Opfer gefallen. Sein Jahrhundertjubiläum fällt aber trotzdem nicht aus: Gratuliert wird am Telefon und das große Fest baldmöglichst nachgeholt.

*Anmerkung der Redaktion: Das Treffen mit Konrad Jeschke hat bereits vor der Coronakrise stattgefunden.

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