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Interview

„Das Kino ist ein magischer Ort“

Til Schweiger erzählt bei einem Besuch im Scala, warum er trotz Streaming-Serien an die Zukunft der Leinwand glaubt

Fühlt sich oft zu Unrecht der Kritik ausgesetzt: Til Schweiger im Scala.Foto: Holm Wolschendorf
Fühlt sich oft zu Unrecht der Kritik ausgesetzt: Til Schweiger im Scala.Foto: Holm Wolschendorf

Ludwigsburg. Ganz still und heimlich ist Til Schweiger vergangene Woche für einen Abend in die Barockstadt gekommen – bedauerlich für die Fans, dass es keine Tickets für die Veranstaltung im Scala gab. Anlass war eine nicht öffentliche Präsentation seines neuen Films „Die Hochzeit“ für den Walheimer Schuhhersteller Sioux und dessen Partner, mit denen der Schauspieler und Filmproduzent für eine Schuhkollektion zusammenarbeitet. Auf dem Ledersofa der Scala-Empore sitzend, nimmt er sich Zeit für ein Interview. Darin spricht der 56-Jährige über seinen neuen Film, Misserfolge und die Zukunft des Kinos.

Herr Schweiger, Ihr neuer Film „Die Hochzeit“ startet gerade im Kino: Was war die Idee bei dem Projekt?

Til Schweiger: Die Idee war, eine Fortsetzung des ersten Teils „Klassentreffen“ zu machen und ein möglichst schönes Drehbuch zu schreiben, um die Menschen zwei Stunden gut zu unterhalten – das ist uns sicherlich gut gelungen. Der zweite Teil ist emotionaler geworden. Ich finde es schön, wenn man sich im Kino unterhalten, aber auch berühren lassen kann.

Und wie geht das am besten?

Das kommt immer auf das Grundthema der Geschichte an. Im ersten Teil ging es um drei Männer, die nicht wirklich alt werden können und viel Blödsinn machen. Im zweiten Teil gibt es einen Todesfall – und sie müssen vor der Hochzeit noch auf eine Beerdigung. Durch den Tod ist natürlich eine ganz andere emotionale Grundlage vorhanden. Bei „Honig im Kopf“ war es so, dass die Hauptfigur immer kränker wird und sich selbst verliert, bei „Knocking on Heaven’s Door“ sind es zwei Todkranke, die noch einmal ans Meer wollen. Da hat man automatisch mehr Emotionen drin.

Was haben Sie selbst für einen Bezug zum Thema Hochzeit?

Ich habe selbst mal geheiratet, das war sehr schön, sehr romantisch. Wir sind von einem britischen Kapitän auf internationalen Gewässern getraut worden, die Familie war dabei, das war 1995.

Bei diesem Film haben Sie wieder einmal Regie geführt und selbst mitgespielt – wie funktioniert das, welche Vor- und vielleicht auch Nachteile hat das?

Der einzige Nachteil ist eigentlich, dass es sehr anstrengend ist. Es macht mehr Spaß, wenn man nur Regie führt – wie bei „Honig im Kopf“. Dann kann man sich besser darauf konzentrieren. Allerdings: Wenn ich Produzent bin, das Drehbuch schreibe und da eine tolle Rolle drin ist – warum sollte das dann jemand anderes machen? Das würde keinen Sinn ergeben. Man gibt sein eigenes Drehbuch ja auch nicht irgendeinem Regisseur.

Sie brauchen sich nicht einarbeiten…

Ja, der Vorteil ist, dass ich nicht groß Text lernen muss – ich kenne ihn ja schon.

Vor Kurzem haben Sie angekündigt, einen Film über den Fußballer Bastian Schweinsteiger zu drehen, mit dem Sie befreundet sind. Weshalb liegt Ihnen das so am Herzen?

Der Basti war nicht nur ein Weltklassefußballer, es gibt auch eine schöne Geschichte zu erzählen, das Drama mit dem Saisonende 2012, das verlorene „Finale dahoam“ der Bayern, dann der Trainerwechsel und der Durchmarsch zum Triple. Und dann, 2014, der WM-Titel. Das ist eine tolle Geschichte. Wir sind fast fertig mit den Dreharbeiten, viele O-Töne von Basti, aber auch viele Weggefährten sind dabei, Jupp Heynckes, Jogi Löw. Und Basti als kleiner Junge.

Der blutüberströmte „Schweini“ im WM-Finale 2014 hat Ihnen sicherlich imponiert?

Er hat mir immer imponiert, als Fußballer, aber auch als Mensch. Ein ganz toller Typ.

Sie sind auch glühender Fußballfan?

Naja, es ist nicht, dass ich in jedes Spiel gehe, mit dem Vereinsschal und Vereinsmütze, und daheim in Vereinsbettwäsche schlafe. Aber ich bin schon interessiert, habe selber auch lange gespielt und gucke gerne.

Welche Vereinsbettwäsche wäre es denn?

Ich war schon immer Bayern-Fan. Aber ich hatte auch immer Affinität zu anderen Clubs, Dortmund unter Jürgen Klopp, Leipzig unter Julian Nagelsmann. Aber natürlich auch zum SC Freiburg, das ist ja meine Geburtsstadt! Die spielen aktuell einen Mega-Fußball und haben einen super Trainer, Christian Streich.

Seit Jahrzehnten sind Sie einer der großen deutschen Filmschaffenden mit vielen Erfolgen – gleichzeitig gibt es auch immer wieder viel Kritik und Häme. Wie erklären Sie sich das?

Das Feuilleton, der durchschnittliche Filmkritiker kann mit meinen Filmen nichts anfangen, da gibt es keine Schnittmenge…

Warum?

Sicherlich auch, weil sie erfolgreich sind. Das gilt allgemein, wenn sie aus Deutschland kommen. Bei ausländischen Filmen sieht das anders aus. So eine flache Komödie aus Hollywood wird durchaus goutiert. Warum das so ist, weiß ich nicht. Und die Häme… Viele Deutsche mögen keine erfolgreichen Menschen, weil sie dann neidisch sind. Häme basiert auf Schadenfreude, Missgunst – wenn du Erfolg hast, wirst du beneidet, wenn du Misserfolg hast, kriegst du eben die Häme.

Wie gehen Sie damit um?

Ich habe eine Zeit lang gebraucht. Mein erster Film „Manta, Manta“ wurde komplett verrissen, meine Leistung auch. Da habe ich schon ein paar Tage dran geknabbert. Man hat einen Riesenerfolg – und die hauen darauf rum. Warum? Bei Bernd Eichinger war es ja auch immer so, er wurde immer verrissen – als er gestorben war, hieß es dann plötzlich, er hinterlasse eine nicht schließbare Lücke.

Ihre Filme sind meist gefühlvoll bis unterhaltsam. In den vergangenen Jahren haben Sie sich aber auch immer wieder politisch positioniert, etwa während der Flüchtlingskrise 2015. Reizt es Sie, mal einen ernsteren Film zu einem politisch-gesellschaftlichen Thema zu machen?

Ernste Filme habe ich ja schon gemacht, „Honig im Kopf“ oder „Schutzengel“, der viele Soldaten sehr bewegt hat, auch „Kokowääh“ ist gesellschaftlich relevant. Als Nächstes mache ich eine Romanverfilmung, „Kurt“ von Sarah Kuttner, in dem ein Vater seinen kleinen Sohn verliert. Da geht es um Trauer, um die Frage, wie man es schafft, damit umzugehen. Und danach mache ich wahrscheinlich einen weiteren Film, der ein gesellschaftlich relevantes Thema behandelt: Bipolarität.

Aber politische Filme sind weniger Ihre Baustelle?

Nein. Da sage ich lieber meine politische Meinung, als darüber einen Film zu machen. Eigentlich ist Politik ja auch nicht so spannend. Politiker können eigentlich nicht viel entscheiden, die haben’s ja auch schwer. Wenn die beliebt sind, kriegen sie auf die Fresse – auch von der eigenen Partei, aber von den Gegnern natürlich auch. Theodor zu Guttenberg als bestes Beispiel. Ich habe mit wirklich vielen Soldaten gesprochen – und die haben gesagt, das ist mit Abstand unser bester Verteidigungsminister gewesen. Oder Christian Wulff (Bundespräsident [Anm. d. R.]), der damals zurücktreten musste. Ich habe mich schon öfter gefragt: Was muss denn Silvio Berlusconi von den Deutschen denken? (lacht) Was der für Dreck am Stecken hat.

„Honig im Kopf“ war hier ein großer Erfolg, in den USA, als Remake, ist er, kann man sagen, gefloppt...

...nein, er ist nicht gefloppt! Er wurde kaum gezeigt – auf vier Leinwänden, eine Woche lang. Damit hatten wir gar nicht die Chance, uns für Golden Globes oder Oscars zu qualifizieren, das war eigentlich geplant. Es sind drei Kritiken erschienen, die alle gleich geschrieben waren – die behaupteten, dass der Film sich über die Kranken lustig macht. Der Vorwurf ist absurd, der Film ist ja genau wie der deutsche Film, nur mit amerikanischen Schauspielern. Eigentlich war da klar, dass da etwas nicht stimmen kann. Ich habe ja gesagt, ich mache das Remake nur aus einem Grund selbst: Er soll eben nicht amerikanisiert werden. Dafür war er mir zu wichtig. Bei amerikanischen Remakes wird oft so lange am Drehbuch rumgedoktort, bis kein Stein mehr auf dem anderen sitzt.

Möglicherweise gibt es Unterschiede, wie Filme in Europa und in den USA wirken – und ob sie funktionieren.

Ich glaube, dass der Film abgeschossen worden ist, weil er gerade nicht in das Programm gepasst hat. Ich war in der Woche, als der Film lief, in L.A., dort war er gut besucht – da haben die Amerikaner genau so reagiert, wie die Zuschauer in den europäischen Ländern, wo er auf Festivals gezeigt wurde.

Das Scala in Ludwigsburg ist ja ein Ort, der den Film auf der Leinwand – auch vor dem Hintergrund der hiesigen Filmakademie – ganz bewusst zelebriert, unter anderem mit einem eigenen Festival. Andererseits sind Streaming-Plattformen ein großer Trend, das Kino muss kämpfen. Wie sehen Sie das?

Wir entwickeln auch gerade eine Serie für einen Streamer. Ich finde, Netflix und all die anderen sind eine Bereicherung – weil ich auch sehr gerne gute Serien schaue. Vor wenigen Jahren war es noch undenkbar, dass Hollywoodstars im Fernsehen spielen. Jetzt sind sie dabei, weil sie dort Rollen vorfinden, die sie in den Studios gar nicht mehr angeboten bekommen. Normale, gute Filme machen diese nämlich gar nicht mehr. Deshalb gehen die ganzen guten Autoren zum Fernsehen, weil sie dort ihre Geschichten breit erzählen können. Für die deutschen Filmemacher ist es eine Chance, weil nicht mehr so viele US-Filme ins Kino kommen wie noch in den 90ern und 2000ern. Das Kinopublikum ist älter geworden, und das möchte lieber Filme ohne große Computereffekte sehen.

Wo sehen Sie Ihren künftigen Schwerpunkt?

Ich möchte beides machen. Das Kino ist einfach ein magischer Ort – gerade für einen Film wie „Die Hochzeit“, bei dem du sehr viel lachen kannst und dich berühren lassen kannst. Das ist ein Gemeinschaftserlebnis, mit 400, 800 Leuten – statt daheim auf der Couch.

Apropos Filmakademie: Waren Sie schon mal in Ludwigsburg?

Nein, ich glaube nicht. Es kommen viele gute Leute aus Ludwigsburg, das merke ich – es ist ganz klar eine der führenden Filmakademien.

Ihre „Tatort“-Rolle besticht durch ein hohes Maß an Action. Wie lange möchten Sie noch den „Tatort“ machen?

Ich denke immer von Drehbuch zu Drehbuch. Wenn es ein gutes Drehbuch gibt, mache ich wieder einen – wenn nicht, dann nicht. Aber ich hoffe, dass es eines gibt, schließlich mag ich die Figur. Mir haben viele Leute, auch aus dem Freundeskreis, gesagt, dass ihnen der neue Tatort besser gefallen hat. Mir persönlich haben die anderen viel besser gefallen. Weil sie spannender waren, auch ästhetischer. Die aktuelle Idee, den Film etwas anders zu machen, war ja von mir unterstützt. Das heißt aber nicht, dass es nie wieder Action gibt.

Was haben Sie in den nächsten, sagen wir mal, zehn Jahren noch so vor?

Ich bin kein Kommunist. (lacht) Insofern erstelle ich auch keine Zehnjahrespläne. Ich hoffe, dass mir noch genug Geschichten einfallen – oder anderen, die dann zu mir kommen. Ansonsten lebe ich im Moment.

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