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Schnelltests

Davon hängt die Fehlerquote ab

Die hohe Zahl an falsch-positiv getesteten Schülern in Ludwigsburg hat für Aufruhr und viele besorgte Eltern gesorgt. Dabei muss jedem klar sein: Schnelltests sind nicht zu 100 Prozent sicher. Je nach Hersteller erhalten bis zu zwei Prozent der Getesteten ein falsch-positives Ergebnis. Nur ein PCR-Test bietet genauere Ergebnisse. Aber auch die stimmen nicht zu 100 Prozent.

Kein Schnelltest hat eine hundertprozentige Sicherheit: Sowohl ein positives als auch ein negatives Ergebnis kann falsch sein. Archivfoto: Andreas Becker
Kein Schnelltest hat eine hundertprozentige Sicherheit: Sowohl ein positives als auch ein negatives Ergebnis kann falsch sein. Foto: Andreas Becker

Ludwigsburg. Von 3723 Schnelltests, die bis Ende vergangener Woche an Ludwigsburger Schulen gemacht wurden, waren 29 positiv. Doch ein Großteil der betroffenen Kinder und Jugendlichen war gar nicht mit dem Coronavirus infiziert. Bei 20 der Schüler stellte sich bei dem viel sichereren PCR-Test heraus, dass sie nicht mit dem Coronavirus infiziert sind. Die Fehlerquote bei den positiven Tests beträgt damit etwa 70Prozent. Das ist ein hoher Wert, der viele Menschen beunruhigt. Bei genauerer Betrachtung wird aber klar: Die Tests der Firma KME, die in Ludwigsburg verwendet wurden, sind ziemlich treffsicher. Folgende Faktoren spielen dabei eine Rolle:

Eine entscheidende Größe bei Schnelltests ist deren Spezifität. Diese Kennzahl gibt an, wie groß der Anteil der nichtinfizierten Personen ist, der bei einem Test auch ein negatives, also richtiges Ergebnis erhält. Dieser Wert beträgt bei dem Test der Firma KME nach eigenen Angaben 99,2 Prozent. Das heißt: Von 100 getesteten Personen, die nicht mit dem Coronavirus infiziert sind, erhalten 99,2 auch ein negatives Ergebnis. Allerdings: Fast eine Person (genauer 0,8) erhält ein falsch-positives Ergebnis. Bei 1000 Nichtinfizierten sind es acht. Bei 10000 schon 80.

Nimmt man die 3723 Tests in Ludwigsburg und zieht von ihnen die neun Kinder ab, die tatsächlich mit dem Coronavirus infiziert waren, dann kommt man auf 3714 Tests von Nichtinfizierten, von denen 20 falsch-positiv waren. Das entspricht einer Spezifität von fast 99,5 Prozent. Das ist ein sehr gutes Ergebnis und spricht für einen sehr sicheren Test.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) rechnet in einer ähnlichen Beispielrechnung auf seiner Homepage mit einem weitaus weniger zuverlässigen Schnelltest: Dort beträgt die Spezifität nur 98 Prozent. Das heißt: Sogar zwei von 100 nichtinfizierten Getesteten erhalten ein falsch-positives Ergebnis.

Der zweite entscheidende Wert von Schnelltests ist deren Sensitivität. Er spielt in der aktuellen Diskussion zwar keine Rolle, es ist aber auch wichtig zu wissen, was er bedeutet. Mit der Sensitivität wird angegeben, wie viele Corona-Infizierte vom Schnelltest erkannt werden. Denn auch dabei gibt es Fehlerquoten. Das heißt: Nicht alle Erkrankten erhalten von einem Schnelltest auch ein positives Ergebnis, weshalb das RKI auch unterstreicht, warum man selbst bei einem negativen Testergebnis auf Sicherheitsvorkehrungen wie Maske, Abstand und Desinfizieren nicht verzichten sollte.

Die Sensitivität der KME-Tests wird vom Hersteller mit 96,3 Prozent angegeben. Das heißt: Von 100 Erkrankten erkennt der Test im Schnitt etwas mehr als 96. Auch das scheint ein recht guter Wert zu sein. Das RKI rechnet in seiner Beispielrechnung mit einem Test, der lediglich eine Sensitivität von 80 Prozent hat und damit nur 80 von 100 Erkrankten erkennt.

Wie sicher oder unsicher ein bestimmter Schnelltest ist beziehungsweise wie hoch die Fehlerquote ist, hängt also zum einen von seiner Spezifität und seiner Sensitivität ab, zum anderen aber auch davon, wie viele Menschen getestet wurden und wie viele von ihnen tatsächlich mit dem Coronavirus infiziert sind. Die Fehlerquote bei den positiven Tests ist nämlich gerade dann besonders hoch – und das scheint auf den Ludwigsburger Fall zuzutreffen –, wenn verhältnismäßig wenige Personen tatsächlich infiziert sind.

Dazu zwei Beispielrechnungen. Bei einem Test mit der Spezifität von 99, mit dem exakt 1000 Menschen, von denen keiner infiziert ist, getestet werden, erhalten statistisch gesehen zehn ein positives Ergebnis. Alle zehn sind falsch, die Fehlerquote beträgt damit 100 Prozent. Sind von diesen 1000 Menschen 100 mit dem Coronavirus infiziert, erhalten bei diesem Test – wenn wir für dieses Beispiel unberücksichtigt lassen, dass einige der Infizierten durch den Test nicht erkannt würden – 109 Personen ein positives Ergebnis. 100 wären korrekt, neun falsch. Die Fehlerquote unter den positiven Ergebnissen läge damit bei lediglich knapp zehn Prozent.

Die Fehlerquote von 70 Prozent bei den falsch-positiven Tests in Ludwigsburg sagt also vor allem aus, dass im Verhältnis zur Zahl der Getesteten relativ wenig tatsächlich mit dem Coronavirus infiziert waren. Es klingt paradox, aber eine hohe Fehlerquote ist damit eigentlich eine gute Nachricht, weil sie für wenig Infizierte unter den Getesteten spricht.

Genau weil die Schnelltests eine gewisse Unschärfe mit sich bringen, ist die entscheidende Größe für alle Statistiken und Inzidenzwerte der PCR-Test. Nur wessen Coronainfektion sich in einem PCR-Test bestätigt, der wird auch als richtiger Coronafall gewertet. PCR-Tests haben meist eine höhere Spezifität und eine höhere Sensitivität als Schnelltests. Das heißt: Statistisch liegen sie öfter richtig und Nichtinfizierte erhalten ein negatives Ergebnis und Infizierte ein positives Ergebnis. Aber auch bei den PCR-Tests gibt es keine 100-prozentige Sicherheit.

Die Ursachen dafür, warum ein Schnelltest zu einem falschen Ergebnis kommen kann, sind unterschiedlich. Zum einen liegen sie, wie hier bereits erläutert, in seiner Spezifität und seiner Sensitivität. Laut Stadtverwaltung zeichneten die betroffenen Tests in Ludwigsburg nur einen ganz leichten Strich auf der positiven Ergebnisskala. Alle entstammten aber aus unterschiedlichen Testchargen und seien bei unterschiedlichen Mitarbeitern bei unterschiedlicher Umgebungstemperatur aufgetreten. „Um sicherzugehen, keine falsch-negativen Ergebnisse zu produzieren, hat KME auch kleinste Verfärbungen als positiv gewertet“, so die Stadtverwaltung in einer Mitteilung. Auch eine zu geringe Temperatur kann zu einem falschen Testergebnis führen. Unter 15 Grad sollten sie nicht erfolgen. Die Stadt versichert: „In Ludwigsburg wurde nur in den Schulgebäuden getestet, ein Temperaturproblem hat es weder bei der Durchführung noch bei der Lagerung der Tests gegeben.“

In der Abwägung zur Pandemiebekämpfung sei der Schaden durch ein falsch-positives Ergebnis weitaus weniger schlimm als ein falsch-negatives Ergebnis, erklärt die Stadt. Letzteres hat nämlich zur Folge, dass ein Corona-Infizierter davon ausgeht, nicht krank zu sein, und sich vielleicht auch dementsprechend verhält und andere Menschen ansteckt. Hier habe sich die Firma KME dafür entschieden, den sichereren Weg zu gehen und alle Fälle über einen PCR-Test abzuklären, so die Stadt.

Was passiert nach einem positiven Test?

Viele Eltern machen sich derzeit Sorgen, was mit ihrem Kind passiert, wenn es beim Corona-Schnelltest in der Schule ein positives Ergebnis hat. Der Gesamtelternbeirat der Ludwigsburger Schulen hatte am Donnerstag in einer Mitteilung um klare und transparente Konzepte gebeten, da ansonsten bei Eltern und Schülern eine große Verunsicherung herrsche, „die womöglich vom Testen abhält“.

Laut Renate Schmetz, der frisch gewählten Ersten Bürgermeisterin und Leiterin des Fachbereichs Bildung und Familie, sieht der Ablaufplan in solch einem Fall wie folgt aus: Die für die Tests verantwortliche Firma KME informiert zunächst die Schulleitung und das Gesundheitsamt. Die Schulleitung wiederum meldet sich sofort bei den Eltern. Das Kind wird derweil „pädagogisch betreut behutsam aus der Klasse genommen“, sagt Schmetz.

Bis zum Eintreffen der Eltern wartet der Schüler oder die Schülerin dann an der Schule und wird dort unter Einhaltung der Hygienevorschriften betreut. „Das Kind muss keine Angst haben.“ Die Schule übernimmt auch die erste Befragung nach Kontaktpersonen der Kategorie 1, also Familienmitgliedern oder Spielkameraden an der Schule.

Zeitgleich wird von der Firma KME eine Bescheinigung für einen PCR-Test ausgestellt, der an der Schule ausgedruckt wird, so Schmetz. Sobald die Eltern eingetroffen sind, kann mit der Bescheinigung ein PCR-Test gemacht werden, zum Beispiel an der Teststelle am Krankenhaus. Sollte der Test noch vormittags möglich sein, erhält die Familie im Idealfall bis abends ein Ergebnis, ob das Kind tatsächlich das Coronavirus in sich trägt oder ob der Test falsch-positiv war.

Das Gesundheitsamt entscheidet unterdessen auf Grundlage der Angaben aus der Erstbefragung an der Schule, wer in Quarantäne muss. War der Test falsch-positiv, wird die Quarantäne sofort aufgehoben. Ist das Kind krank, gilt für Kontaktpersonen der Kategorie 1 eine zweiwöchige Quarantäne. (wa)

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